Die Unternehmensberaterin Ines (Sandra Hüller) wird von ihrem Vater (Peter Simonischek) besucht. Es wird eine Heimsuchung. Foto: NFP

Endlich kann man im Kino sehen, was beim Filmfestival von Cannes Publikum und Kritik begeistert hat. In Maren Ades Tragikomödie „Toni Erdmann“ wird ein einsamer Vater zum kuriosen Stalker seiner Tochter.

Stuttgart - Der Musiklehrer Winfried Conradi hat Humor. Aber was für einen. Furzkissen machen ihm Spaß, kantig aus dem Mund ragende Scherzzähne, wischmoppartige Perücken. Wobei man in Maren Ades Spielfilm „Toni Erdmann“, der großen Sensation beim diesjährigen Festival von Cannes, schnell Zweifel bekommt, ob Winfried dieser Tinnef selbst wirklich Spaß macht. Oder ob all seine Faxen, Possen, Albereien nicht Rituale der Verzweiflung sind, Versuche, Kontakt herzustellen zu einer Welt, die an Winfried nur noch vorbeiläuft.

Auf kuriose Weise erinnert der von Peter Simonischek gespielte Winfried Conradi an Figuren des deutschen Wirtschaftswunderkinos, an Männer, wie sie Heinz Erhardt gern gab, halb unbändigbare Kindsköpfe, halb im Korsett der Konventionen und Regeln eingeschnürte Pflichterfüller. Wir lernen ihn kennen, als der Paketbote an seiner Haustür klingelt und als Winfried behauptet, das Paket sei für seinen Bruder, um sich hinter der Tür kurz in einen anderen zu verwandeln.

Das Gereizte am Schabernack

Aber bei Erhardt wäre das alles lustig gewesen, wäre immer nur gutmütig geblieben, hätte als Schabernack funktioniert. Hier merkt man, dass der Paketbote genervt ist, aus seinem stressigen Arbeitstakt gebracht wird, sich auch ein wenig fürchtet, wie die Szene eskalieren könnte. Man spürt auch eine latente Gereiztheit im Witz, denn Winfried gibt als aus dem Schlaf gestörter Bruder nun den Asozialen, den Rohling, den Unberechenbaren.

Maren Ades Film wurde in Cannes, wo das deutsche Kino stets einen schweren Stand hat und oft nur in Nebenreihen spärlich vertreten ist, von Kritik und Publikum gefeiert wie selten ein Wettbewerbsbeitrag zuvor. Diese Tragikomödie hat so überzeugt, dass selbst die Tatsache, dass die Jury ihr keinen Preis gab, nicht die übliche Siehste-wohl-Häme hervorrief. Man kann „Toni Erdmann“ also nur als filmgeschichtlichen Kometen sehen, als außergewöhnliches Ereignis, das Hoffnung auf eine Zeitenwende im deutschen Kino gibt.

Spiel mit Film und Leben

So betrachtet, ruft die 1976 in Karlsruhe geborene, in Berlin lebende Ade eine Erhardtsche deutsche Filmtradition auf, um nicht dem bitternisgrimmigen oder trockeneiskalten Intellektuellenkino zugeschlagen zu werden, das traditionell die Kritiker erfreut. Zugleich bricht sie mit der Tradition des Klamauk- und Eskapismuskinos aber radikal, mit jener „Charleys Tante“-Trubeligkeit, auf die sich Ende der Achtziger damalige Deutschfilmerneuerer wie Sönke Wortmann („Der bewegte Mann“) bezogen. Die Zweitverwertung der Wirtschaftswunder-Leinwandlaunigkeit hält ja bis in unsere Tage an, scheint in den Komödien mit Matthias Schweighöfer ebenso auf wie in „Fack ju Göhte“.

Maren Ade sprengt die falschen Kategorien von schlichtem Amüsement und freudloser Analyse. Sie kann ganz großartig das Leben auf die Leinwand bitten, statt es bloß nachzustellen, sie zaubert jene in der Realität andauernd, im Kino viel seltener vorkommenden Momente hervor, bei denen man nicht weiß, ob man lachen, weinen oder auch mal vor Zorn platzen soll.

Die großen Kräche braucht es nicht

Wenn Winfried zu einer Familienfeier erscheint, lernen wir viel über ihn, ohne dass es gestelzte, umständliche Erklärszenen bräuchte. Wir begreifen, wie er sich auch von denen entfremdet hat, oder die von ihm, ohne die er nicht leben möchte. Dazu hat es wohl keine großen Kräche gebraucht. Die ganz normalen Zentrifugalkräfte des Lebens haben zum Auseinanderbringen der Menschen genügt.

Winfrieds Tochter Ines, die Karriere in einer Unternehmensberatungsfirma macht, ist ausnahmsweise mal in Deutschland, im Kopf aber ganz bei ihrem Job in Rumänien, wo sie Konzepte zur Stellenverlagerung erarbeiten soll. Wie sehr Winfried diese von Sandra Hüllerstreng, ernst und angespannt porträtierte und doch in all ihren Facetten verschwenderisch gespielte Tochter vermisst, wird einem so klar, dass man es als metallischen Geschmack am Gaumen spüren kann.

Machtrituale und Blamagen

Doch damit fängt der 162 Minuten lange „Toni Erdmann“ ja erst an, das war bloß der Auftakt. Winfried reist Ines nach, er platzt in ihren Alltag in Rumänien, schiebt sich in berufliche Termine, improvisiert sich eine Stalker-Kunstfigur zusammen, die dem Film seinen Titel gibt. Er wird erst einmal eine wandelnde Blamage für Ines. Es geht nun um Familienzusammenhalt und individuelle Freiräume, aber scharfsichtig auch um Arbeitswelten und Machtrituale, um die Sprach- und Verhaltenstricks, mit denen das Menschliche aus den Etagen der Profiterwirtschaftung hinausgeschoben wird.

Ade bringt keine Karikaturen auf die Leinwand. Sie skizziert Milieus nicht bloß andeutungsweise als Kulisse. „Toni Erdmann“ funktioniert brillant als Sozialstudie, als Vorbereitungskurs für Menschen, die auch mal auf die Karriereleiter klettern möchten. Man sieht, was einen dort erwartet. Nur den Humor, die Nachsicht, die Hoffnung auf ein Fangnetz, die den Film durchziehen, sollte man sich vorsichtshalber wegdenken. Vor allem aber sollte man nicht so Szenengenaues lesen, wie nun überall ärgerlicherweise ausgeplaudert wird. Maren Ade ist zu all ihren anderen Talenten nämlich auch eine Virtuosin der Überraschung.

Toni Erdmann. Deutschland, Österreich, Rumänien 2016. Regie: Maren Ade. Mit Sandra Hüller, Peter Simonischek. 162 Minuten. Ab 12 Jahren.

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