Paula (Carla Juri) will nicht so malen wie die älteren, etablierten männlichen Kollegen. Foto: Pandora Film

Hinterher ist man immer schlauer: Heute zählt die Malerin Paula Modersohn-Becker (1876-1907) zu den Kunstheldinnen der Moderne. Damals fand man ihre Bilder hässlich und die Frau selbst überspannt. Mit Carla Juri in der Hauptrolle erzählt Christian Schwochow von einer, die sich nicht einschüchtern ließ.

Stuttgart - Nasen wie Kartoffelknollen, Hände wie Schaufeln! Nein, die Porträts von Paula Becker (Carla Juri) treffen ganz und gar nicht den Nerv ihrer männlichen Kollegen in der Worpsweder Künstlerkolonie. Es ist das Jahr 1900, junge Leute suchen nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen, experimentieren mit Formen und Sujets. Worpswede war Paula als paradiesischer Ort erschienen, wo sie mit Gleichgesinnten malen, reden, wohnen konnte. Die Ernüchterung ist groß, als der Mentor Fritz Mackensen (Nicki Von Tempelhoff) sie zusammenstaucht. „Nur beim Kinderkriegen können Frauen schöpferisch sein“, schnauzt er, und tut Paulas Arbeiten als dilettantische Schmiererei eines überambitionierten Bürgerfräuleins ab.

Christian Schwochows Künstlerinnen-Biopic „Paula - Mein Leben soll ein Fest sein“ ist in diesem Jahr schon der dritte Film, der sich einer berühmten, zu Lebzeiten wenig gewürdigten Frau widmet. Dass sich Protagonistinnen des frühen zwanzigsten Jahrhunderts wie Lou Andreas-Salomé, Marie Curie oder eben Paula Modersohn-Becker mit Problemen herumschlagen mussten, die bis heute nicht in die Mottenkiste der Geschichte verräumt sind, könnte ein Grund für das neu entflammte Interesse an ihnen sein.

Reifeprozess einer charmanten Göre

Schwochow („Die Unsichtbare“, „Der Turm“, „Bornholmer Straße“) fokussiert denn auch auf drei typisch feminine Problemfelder: Liebe, Karriere und Kinderwunsch. Das klingt erst einmal nach einer arg auf die Vorlieben eines weiblichen Zielpublikums bedachten Nacherzählung des facettenreichen Lebens einer der wichtigsten (und raren) Vertreterinnen des Expressionismus. Schwochows Sichtweise entpuppt sich aber als angemessen heutige Lesart, die den Reifeprozess Modersohn-Beckers zur Künstlerin im Blick behält.

Carla Juri, bekannt geworden als Helen Memel in der Verfilmung von Charlotte Roches Skandalbuch „Feuchtgebiete“, spielt auch Paula als charmante Göre. Die lässt sich weder vom Urteil Mackensens noch von der überbehütenden, asexuellen Liebe des Ehemannes Otto Modersohn (Albrecht Abrahm Schuch) einengen. Staunend entdeckt sie die Ateliers, Kneipen und Mansardenzimmer von Paris, wohin sie sich vorm heimischen Heide-Idyll mit Mann und Stieftochter geflüchtet hat.

Obwohl Juri mit ihrem überschwänglichen Spiel manchmal die Grenze zur Karikatur streift, werden Paulas Hunger nach künstlerischer Vervollkommnung und ihr impulsives, nicht immer rücksichtsvolles Handeln nachvollziehbar. Das Wissen, dass Frauen damals meist nicht viel Zeit hatten, ihre Erfolge zu festigen und zu genießen, treibt Paula voran. Der Tod im Kindbett mit einunddreißig Jahren setzt dem Fest ein jähes Ende. „Wie schade“, so hat es Otto Modersohn überliefert, seien ihre letzten Worte gewesen.

Sehen Sie den Trailer hier:

Paula – Mein Leben soll ein Fest sein. Deutschland, Frankreich 2016. Regie: Christian Schwochow. Mit Carla Juri, Roxane Duran, Joel Basman. 123 Minuten. Ab 12 Jahren.

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