Mehr, mehr, noch mehr: die Zerstörungsorgie in „Independence Day: Wiederkehr“ übertrifft die im Vorgängerfilm zumindest nach Bruttotonnen.Foto:20th Century Fox Foto:  

Roland Emmerich knüpft an seinen erfolgreichsten Film an – mit bombastischen Effekten und dick aufgetragenen Gefühlen. Und natürlich auch wieder mit dem Sternenbanner.

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Stuttgart - Ein starkes Déjà-vu erleben die Erdlinge, als sie am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, den 20. Jahrestag des Sieges über außerirdische Invasoren feiern: Diese nämlich sind zurück und sprengen die Party mit einem gigantischen Raumschiff, das den Atlantik überspannt, und Zerstörung und Chaos, wie sie nur der „Master of Disaster“ Roland Emmerich entfesseln kann.

20 Jahre später geht der gebürtige Sindelfinger ­zurück in die Zukunft und widmet sich erneut jenem Thema, dem er alles verdankt: „Independence Day“ spielte gut das zehnfache der geschätzten Kosten ein und festigte die Position des Regisseurs in Hollywood. Mit seinem Effekt-Guru Volker Engel setzte er zudem visuelle Maßstäbe, die sauber inszenierte Zerstörung des Weißen Hauses ist Legende. Folgerichtig gab es ­dafür den Oscar für die besten Effekte.

Das Illusionsgeschäft ist härter geworden

Diesmal nun bersten ganze Städte, tosen Fluten, bekriegen sich futuristische Jagdgeschwader, erwachen hyperrealistische Aliens leinwandfüllend zu monströsem Leben, dringen ein paar Helden ins mysteriöse Innere des extraterrestrischen Mutterschiffs vor.

Das ist durchaus beeindruckend, aber weniger als damals – denn inzwischen haben Avengers, Transformers und X-Men opulente Effekt-Spektakel entfesselt, sind Aliens unterschiedlichster Gestalten in Filmen von Ridley Scott („Prometheus“, 2012), Guillermo del Toro („Pacific Rim“, 2013) und Doug Liman („Edge of Tomorrow“, 2014) als ­Aggressoren aufgetreten.

Es ist heute viel schwerer, Zuschauer mit Illusionen zu überwältigen, was Emmerich bis zu einem gewissen Grad schafft und auch muss, um von der hanebüchenen Handlung abzulenken. Die erinnert in vielem an ein Märchen: Was nicht sein kann, wird möglich, weil man es sich so sehr wünscht – etwa wenn Judd Hirsch auf einer kleinen Yacht vor New York gen City tuckert, verfolgt von einer ­gigantischen Flutwelle. Gerettet werden auch ein Schulbus voller Kinder und natürlich ein Hund – niemand trägt dicker auf als Emmerich und sein Co-Autor Dean Devlin.

Gemeinsam wundert man sich leichter

Zum Helden wird wie im ersten Teil der entrückte Wissenschaftler David Levinson, erneut verkörpert von Jeff Goldblum. Gewohnt stoisch wappnet er Figur und Film gegen Anfechtungen, selbst wenn er mit Steinzeittechnik eine haushoch überlegene Spezies besiegen will: Sein ungläubiger Blick auf das Geschehen entspricht jenem mitdenken wollender Zuschauer, was diese zu Komplizen macht – und gemeinsam wundert man sich bekanntlich leichter.

Die Alten haben die Nase vorn

Überhaupt sind es die alten Kämpen, die dem Film Charme geben mit ihren überzeichneten Figuren: Brent Spiner, einst Data in „Star Trek“, gibt einen wundervollen irren Forscher, Bill Pullmann den verschwörungsgläubigen Pathetiker und Ex-US-Präsidenten Whitmore. Weniger Eindruck hinterlassen die jungen Krieger, verkörpert von Liam Hemsworth („Die Tribute von Panem“) und dem Newcomer Jessie Usher, die eine formelhafte Konstellation durchspielen: Ein Streber und ein Rebell im Disput raufen sich zusammen und retten gemeinsam die Welt – so wie Kirk und Spock es unzählige Male vorgemacht haben. Usher vertritt Will Smith, der mit seinem komödiantischen Talent den ersten Teil geprägt hat als Kampfpilot von Format, wie ihn im aktuellen Teil keiner der Akteure zu verkörpern vermag.

Ein wenig wagt Emmerich sich ­inhaltlich doch aus der Deckung: Er entwirft die Utopie einer Menschheit, die der Kampf gegen die Außerirdischen geeint hat, wie es unvorstellbar in einer Gegenwart der Spaltungen vom IS-Terror bis zum Brexit wäre. Leider reißt er das nur an, so wie auch die immensen Fortschritte durch die Aneignung der Alien-Technologie weitgehend eine Behauptung bleiben.

Unterm Sternenbanner

Dafür massiert Emmerich den patriotischen Nerv der Amerikaner, wie nur er es kann: Aufrechte Uniformierte unter Sternenbanner haben bei ihm schon die Stadt („Godzilla“, 1999), das Land („Der Patriot“, 2001) und die ganze Menschheit („Independence Day“) gerettet. Nation, Freiheit und Familie, Gut und Böse zweifelsfrei auseinanderdiviert, wenn auch mit einem Augenzwinkern – in ­Sachen Differenzierung ist das ein Rückfall gegenüber dem Klima-Thriller „The Day After Tomorrow“ (2004) oder dem Shakespeare-Drama „Anonymous“ (2011).

Wer es schafft, all das ebenso auszublenden wie die vollständige Abwesenheit jeglicher Logik, kann mit diesem Film trotzdem einen bunten, unterhaltsamen Abend erleben.

Independence Day: Wiederkehr. USA 2016. Regie: Roland Emmerich. Mit Liam Hemsworth, Bill Pullman, Jeff Goldblum, Charlotte Gainsbourg. 121 Minuten. ab 12 Jahren.

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