Dr. Laing (Tom Hiddleston) erlebt den Sittenverfall im Hochhaus. Foto: DCM

Den neuen Bewohnern gefällt das Hochhaus zunächst prima: alle ihre Bedürfnisse werden unter einem Dach befriedigt. Aber dann fallen in Ben Wheatleys Horrorsatire „High-Rise“ Strom und Anstand aus. Der fiesen Romanvorlage von J.G. Ballard wird das sehr gerecht.

Stuttgart - Eine Hochhaussiedlung vor den Toren Londons. Dr. Robert Laing, Facharzt für Physiologie, sitzt auf seinem vermüllten Balkon im sechsundzwanzigsten Stock und krault das Ohr eines hübschen Schäferhundes. Kurz darauf hat er das Tier mit einem elektrischen Tranchiermesser zerlegt. An der über einem Feuer brutzelnden Keule baumelt noch die Pfote.

„High-Rise“, Ben Wheatleys kongeniale Filmadaption des gleichnamigen Romans von J. G. Ballard, beginnt so garstig wie die Vorlage. Gerade aufgrund solch drastischer Bilder, die der britische Science-Fiction-Autor in elegant lakonischer Sprache entwarf, gelten dessen Werke als schwer verfilmbar. Ballards Erzählungen beschwören apokalyptische, grausame und bizarr erotische Szenerien; sie handeln vom Zersetzungsprozess einer auf Konsum und Technik fixierten Gesellschaft.

Katastrophaler Stromausfall

Im „High-Rise“, einem in brutalistischer Sichtbetonoptik erbautem Wohnalptraum, leben die neuen Mieter zunächst unbeschwert. Supermärkte, Dachgärten sowie ein Schwimmbad nebst Fitnesscenter sind komfortabel, und bald verlassen die Bewohner den Komplex bloß noch, um zur Arbeit zu gehen. Robert Laing (Tom Hiddleston aus „Only Lovers left alive“) knüpft Bekanntschaft mit der Alleinerziehenden Charlotte (Sienna Miller), und obwohl das Ehepaar Charles und Helen Wilder (Luke Evans, Elisabeth Moss) mit seinen Kindern fast Parterre wohnt, entsteht zwischen ihnen so etwas wie Freundschaft. Mit den ersten Stromausfällen allerdings, die vor allem die Familien in den unteren Stockwerken betreffen, schlittert die Gemeinschaft der Katastrophe entgegen.

Es wäre ein Leichtes gewesen, das folgende Hauen und Stechen als Horrorkammerspiel zu inszenieren, doch Ben Wheatley meistert den Spagat zwischen knalligem Genrestück und ambitionierter Gesellschaftssatire. Von den faszinierenden, bei aller Grausamkeit überragend schönen Bildern will man den Blick nicht abwenden, auch wenn sie wehtun.

High-Rise. Großbritannien 2015. Regie: Ben Wheatley. Mit Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Elisabeth Moss, Sienna Miller. 119 Minuten. Ab 16 Jahren.

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