Filmkritik: „Agnes“ Im Blick des anderen

Von Oliver Stenzel 

Die Physikstudentin Agnes (Odine Johne) stellt existenzielle Fragen. Foto: Neue Visionen
Die Physikstudentin Agnes (Odine Johne) stellt existenzielle Fragen. Foto: Neue Visionen

Eine Studentin (Odine Johne) bittet ihren älteren Geliebten, ein Buch über sie zu schreiben. Sie will wissen, wie er sie sieht. Kann das gutgehen?

Stuttgart - „Was, wenn man stirbt, bevor man müde ist?“ Beim ersten Date solch existenzielle Fragen, das hätte Sachbuchautor Walter (Stephan Kampwirth) nicht erwartet von der Physikstudentin Agnes (Odine Johne). Zwanghaft und leicht entrückt wirkte sie, überrascht ihn mit zuweilen barscher Direktheit und Unbedingtheit, die das genaue Gegenteil des Zynismus zu sein scheint, mit dem er dem Leben begegnet. Die beiden verlieben sich, und Agnes bittet Walter, einen Roman über sie zu schreiben – sie will wissen, wie er sie sieht. Als er in der Gegenwart ankommt und sich die Zukunft ausmalen muss, entwickelt die Geschichte eine verhängnisvolle Dynamik.

In Beziehungen verändern sich Menschen durch den Blick des anderen, passen sich teils dessen Bild an. Diese Motive aus Peter Stamms Roman „Agnes“ stehen im Vordergrund von ­Johannes Schmids Filmadaption. Deren dichte und raffiniert verschachtelte Inszenierung lässt den Zuschauer oft im Unklaren, ob er gerade Walters fiktiver Romanhandlung folgt oder der Wirklichkeit. Novemberhimmel und Drehort Düsseldorf wetteifern um Tristesse; umso mehr strahlt Odine Johne, die hier die zwischen Extremen taumelnde Titelheldin mit ­bemerkenswerter Präsenz und Präzision spielt. Beim Max-Ophüls-Festival wurde sie als beste Nachwuchsdarstellerin ausgezeichnet.

Agnes. Deutschland 2015. Regie: Johannes Schmid. Mit: Stephan Kampwirth, Odine Johne, Sonja Baum. 105 Minuten, ohne Altersbeschränkung.

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