Filmkritik: „A War“ Der Krieg findet auch zu Hause statt

Von Wolfram Hannemann 

Zuerst unter Beschuss in Afghanistan, nach der Rückkehr dann vor Gericht: Szene aus „A War“ Foto: Verleih
Zuerst unter Beschuss in Afghanistan, nach der Rückkehr dann vor Gericht: Szene aus „A War“ Foto: Verleih

Ein dänischer Soldat wird wegen einer heiklen Entscheidung im afghanischen Kriegsgebiet vor Gericht gestellt.

Autor

Afghanistan/Dänemark - Jeder Schritt kann tödlich sein. Unter der Führung von Kommandant Claus Michael Pedersen (Pilou Asbæk) durchstreift eine kleine dänische Militäreinheit unwegsames, vermintes Gelände, den ­Finger am Abzug und auf das Äußerste ­gefasst. Der erste Auslandseinsatz der jungen Dänen in der afghanischen Provinz zerrt an den Nerven.

Plötzlich ein ohrenbetäubender Knall: Einer der Kameraden ist auf eine Mine ­getreten, er stirbt noch an Ort und Stelle. Ein Ereignis, das die Truppe traumatisiert, ­deren blutiges Tagesgeschäft darin besteht, die Taliban zu bekämpfen und die Zivil­bevölkerung zu schützen. Ein Himmelfahrtskommando. Als der Trupp kurze Zeit später unter schweres Feuer gerät und ­Zuflucht in einer kleinen Siedlung sucht, trifft Pedersen stressbedingt eine folgenschwere Entscheidung, die zivile Opfer nach sich zieht. ­Zurück in seiner Heimat sieht sich der ­Familienvater mit einer Anklage ­konfrontiert.

Wäre „A War“ ein US-amerikanischer Film, würde er vermutlich vor Patriotismus nur so strotzen. Die Anklage, der sich Soldat Claus Michael Pedersen in Dänemark stellen muss, hätte es dort so wahrscheinlich nicht gegeben. Als Kollateralschaden hätten die Amerikaner das Geschehen abgetan.

Teils mit der Handkamera eingefangene Bilder dokumentieren den gefährlichen Alltag der Soldaten

Doch „A War“ ist kein US-Produkt, sondern ein europäisches. So zeigt Regisseur und Drehbuchautor Tobias Lindholm den Krieg so, wie er tatsächlich ist und schon ­immer war: dreckig, grausam, tödlich, pervers. Helden gibt es darin nicht. Und Lindholm geht noch einen Schritt weiter. Denn egal, wo in dieser Welt Soldaten im Einsatz sind, stets beeinflusst der Krieg auch das Leben in der Heimat.

So wechselt der Film immer wieder von der Kriegsfront in Afghanistan nach Dänemark, wo er den Alltag von Pedersens junger Familie schildert. Die lange Abwesenheit des Vaters wirkt sich negativ auf das älteste der drei Kinder aus: Julien wird zunehmend aggressiver. Dank hoher Improvisationskunst wirken gerade diese Szenen unglaublich authentisch. Aber auch am Kriegsschauplatz setzt „A War“ auf Lebensnähe. Dort haben die sterilen, teils mit Handkamera eingefangenen Bilder vom gefährlichen Alltag der Soldaten dokumentarischen Charakter und erinnern an Kathryn Bigelows „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“ (2008). Das extrem dynamische Sounddesign versetzt den Zuschauer auch akustisch ins Kriegsgebiet, umgibt ihn mit Granateinschlägen und Gewehrsalven. Eine minimalistische Filmmusik setzt nur Akzente, wird nie sentimental.

Die Anklägerin kann kaum wissen, was Soldaten durchmachen

Realistisch auch der Prozess, in dem sich Pedersen wegen seiner Verzweiflungsentscheidung verantworten muss und sich einer ebenso jungen wie aggressiven Anklägerin ausgeliefert sieht – einer Frau, die kaum wissen kann, was Soldaten im Kriegsgebiet tatsächlich durchmachen. In aller Deutlichkeit wird hier die Perversion und Absurdität eines Kriegs vor Augen geführt: Soldaten, die bis zum Äußersten gekämpft haben und Tag für Tag um ihr Leben fürchten mussten, werden dafür in der Heimat vor ein Tribunal gezerrt. Lindholms Film, der 2016 für den Auslands-Oscar nominiert war, ist ein Paradebeispiel für einen Antikriegsfilm.

Lesen Sie jetzt