Annamaria Vartolomei im Gewinnerfilm „L’événement“ Foto: Filmfestival Venedig

Im sehr starken Wettbewerb der 78. Internationalen Filmfestspiele von Venedig räumen die Frauen und die italienischen Filmemacher das Gros der Preise ab.

Venedig - Bis zum letzten Tag hat die 78. Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica ihr hohes Niveau gehalten, sowohl bei der Organisation als auch mit ihrem Programm. Einen ausgezeichneten Wettbewerb haben Alberto Barbera und sein Team zusammengestellt, eine gute Mischung aus Werken relativer Newcomer und arrivierter Regisseure, darunter Paul Schrader („The Card Counter“), Pedro Almodóvar („Madres paralelas“), dessen Hauptdarstellerin Penélope Cruz die Coppa Volpi als beste Hauptdarstellerin gewann, und Jane Campion („The Power of the Dog“), die für ihre Regie mit einem Silbernen Löwen bedacht wurde.

 

Stark präsentierten sich die fünf italienischen Filmemacher, alle ihre „in concorso“ gezeigten Beiträge wären auf die eine oder andere Art preiswürdig. Als mutig-verrücktes Unterfangen entpuppte sich Gabriele Mainettis „Freaks out“, eine Zirkusgeschichte über vier mit unterschiedlichen (Super-)Kräften ausgestattete Freunde, die während des Zweiten Weltkriegs in Rom ihren von den Nazis gefangen genommenen jüdischen Chef suchen. Spielbergs „Indiana Jones“ trifft auf Fellinis „La strada“, poetische Momente wechseln ab mit blutigen Gefechten und spektakulären Effekten: Arthouse als Blockbuster aufbereitet. Als Klaviervirtuose und Bösewicht in „Freaks out“ besticht Franz Rogowski. Die kontrovers diskutierte Extravaganz ging leer aus.

Tribut an Federico Fellini

Ganz bei sich ist Paolo Sorrentino mit „È stato la mano di Dio“, einer sehr persönlichen, luftig leicht umgesetzten Arbeit, in der er von seiner neapolitanischen Familie, dem tragischen Unfalltod der Eltern und seinem Entschluss, Filmemacher zu werden, erzählt. Auch er zollt Federico Fellini Tribut, dessen „Amarcord“ könnte als Blaupause für dieses etwas andere Biopic gedient haben, in dem unter anderem Fußballgott Diego Maradona, einer formschönen Tante, die gerne nackte Haut zeigt, und einem jovialen Zigarettenschmuggler zentrale Rollen zufallen. Gerechter Lohn waren der Große Preis der Jury und der Marcello-Mastroianni-Nachwuchsdarstellerpreis für Filippo Scotti, der perfekt als Sorrentinos Alter Ego Fabietto Schisa passte.

Noch mal Neapel in „Qui rido io“, übersetzt: „Hier lache ich“, laut Regisseur Mario Martone eine „fiktive“ Biografie über den 1925 verstorbenen, immens beliebten Volks- und Theaterschauspieler Eduardo Scarpetta, grandios verkörpert von Toni Servillo, der zudem in „È stato la mano di Dio“ als Saverio Schisa, Fabiettos Papa, zu sehen war. Einen jahrelangen Urheberrechtsstreit liefert er sich mit dem Dichterfürsten Gabriele D’Annunzio, daneben liebt und streitet er inmitten seiner zig Kinder mit der Gattin und den diversen Geliebten, mit denen er in seiner Titel gebenden Villa zusammenwohnt. Wäre es nach dem „Guerre stellari“ („Krieg der Sterne“) genannten Kritikerspiegel der Festivalzeitschrift „Ciak in Mostra“ gegangen, hätte diese wortreiche Dramödie den Goldenen Löwen verdient.

Der Siegerfilm zeigt den Leidensweg einer schwangeren Schülerin

Der ist aber dann zu Recht an die vielversprechende Nachwuchshoffnung Audrey Diwan gegangen. In ihrem in fahlen, verwaschenen Bildern gehaltenen Abtreibungsdrama „L’événement“, angesiedelt 1963, als in Frankreich Schwangerschaftsabbruch noch unter Strafe stand, folgt sie mit gnadenloser Konsequenz dem Leidensweg einer Schülerin. Anne (überzeugend: Anamaria Vartolomei), die lebenskluge Tochter einer einfachen Gastwirtsfamilie, will sich ihre Zukunft – sie hat ein Stipendium nebst Studienplatz in Aussicht – nicht durch ein uneheliches Kind verbauen. Da die Ärzte ihr nicht helfen wollen, entschließt sie sich zu einer illegalen Abtreibung. Ein sorgsam gezeichnetes Sitten- und Gesellschaftsbild nach dem Roman von Annie Exnaux. Ein einfühlsames Frauenporträt, wie „The Lost Daughter“ von Maggie Gyllenhaal, die für ihr Drehbuch zu ihren Spielfilmerstling prämiert wurde.

Der Filmkunst verpflichtet war „America Latina“ der hochgehandelten Brüder D’Innocenzo, die für ihr Skript zu ihrem zweiten Spielfilm „Favolacce“ („Bad Tales“) bei der Berlinale 2020 einen Silbernen Bären gewannen. Einen schleichenden Thriller um einen glücklich verheirateten, empathischen und wohlsituierten Zahnarzt und Vater (stark: Elio Germano), der im Keller eine junge Frau gefangen hält, legten Damiano und Fabio vor. Ein irritierendes Vexierspiel.

Wie „Il buco“ von Michelangelo Frammartino, mitfinanziert von Arte und ZDF. Ins Jahr 1961 geht’s zurück: Während im reichen Norden Italiens die ersten Hochhäuser gebaut werden, macht sich in Kalabrien eine Gruppe Speläologen auf, eine fast 700 Meter tiefe Höhle im Pollino-Massiv zu erforschen. Kein Wort fällt. In die ruhigen Naturaufnahmen von Renato Berta, der ebenfalls bei „Qui rido io“ das Licht gesetzt hat, muss man sich einfach fallen lassen. Schauen. Genießen. Eine filmische Meditation, belohnt mit dem Spezialpreis der Jury.

Die Preisträger des Festivals

Löwen
Goldener Löwe für den besten Film: „L’événement“ von Audrey Diwan.

Silberner Löwe (Großer Preis der Jury): „È stata la mano di Dio“ von Paolo Sorrentino.

Silberner Löwe (Preis für die beste Regie): Jane Campion für „The Power of the Dog“.

Preis für das beste Drehbuch: Maggie Gyllenhaal für ihr Spielfilmdebüt „The Lost Daughter“.

Weitere Preise Spezialpreis der Jury: „Il buco“ von Michelangelo Frammartino.

Marcello-Mastroianni-Preis für den besten Nachwuchsdarsteller:

Filippo Scotti in „È stata la mano di Dio“. Coppa Volpi für die beste Schauspielerin:

Penélope Cruz in „Madres paralelas“ von Pedro Almodóvar. Coppa Volpi für den besten Schauspieler: John Arcilla in „On the Job: The Missing 8“ von Erik Matti. Ein auf wahren Begebenheiten basierenden Polit- und Nachrichtenthriller um Mord, Korruption und Fake-News. Cartier Glory to the Filmmaker Award: Ridley Scott

Außer Wettbewerb lief sein fulminanter, handwerklich makellos gestalteter, aus drei Perspektiven erzählter Ritter- und Vergewaltigungsfilm „The Last Duel“.