Tolles Kino! Bei den 78. Internationalen Filmfestspielen von Venedig ergänzen sich die Filme der verschiedenen Reihen perfekt zu einem überaus starken Jahrgang.
Venedig - Als geradezu erschreckend gut erweist sich die 78. Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica. Weiterhin herrscht konstant bestes Wetter – strahlender Sonnenschein und Temperaturen knapp unter 30 Grad –, das Publikum reißt sich um die Karten, die je nach Saal und Anfangszeit zwischen acht und 50 Euro kosten, die Zugangskontrollen klappen reibungslos. Nicht zuletzt dank der Hundertschaften freundlicher Damen und Herren der Exekutive, die fürs Fiebermessen und die Taschenkontrollen zuständig sind.
Ein wenig Angst konnte man am Wochenende ob der Besuchermassen auf dem Lido bekommen, nur die von Masken verdeckten Gesichter auf dem Festivalgelände gemahnten an die Coronapandemie. Diesbezüglich wusste Festivalchef Alberto Barbera zu beruhigen. Über 90 Prozent der Akkreditierten sollen zweimal geimpft sein, bis vergangenen Dienstag wurde offiziell kein einziger positiver Fall gemeldet – wobei sich angeblich ein deutscher Kollege infiziert hat.
Der Genrefilm kehrt zurück
Überhaupt kein Grund zum Klagen gibt es in Bezug auf die Filme, der Wettbewerb und die Orizzonti-Reihe präsentieren sich so stark wie seit Jahren nicht mehr. Augenfällig die Rückkehr des Genrefilms, modern und mit viel Stilwillen umgesetzt von ausgewiesenen Autorenfilmern. Die Neuseeländerin Jane Campion, deren letzte Spielfilmarbeit „Bright Star“ aus dem Jahr 2009 datiert, hat sich mit „The Power of the Dog“ nach dem Roman von Thomas Savage an einem Rancher-Western versucht. Um gegensätzliche Brüder (Benedict Cumberbatch und Jesse Plemons) geht es, um eine Witwe (Kirsten Dunst), die mit ihrem linkischen Sohn (Kodi Smit-McPhee) als Ehefrau des einen ins Herrenhaus einzieht. Was zu (homo-)sexuellen Spannungen und final zur Tragödie führt. Eine bildgewaltige Pferdeoper (Kamera: Ari Wegner), die Elemente von „Mein großer Freund Shane“ und „Brokeback Mountain“ vereint.
Western, Western, mehr Western
In die Kategorie Rachewestern fällt „Old Henry“ von Potsy Ponciroli, sicherlich ein Fan von Clint Eastwoods „Erbarmungslos“. Ein Farmer (Tim Blake Nelson) findet auf seinem Land einen schwer verwundeten Sheriff und eine Satteltasche voller Geld – und sieht sein Heim daraufhin von einer blutrünstigen Outlaw-Gang umstellt. Bleihaltige Action folgt, ein origineller Clou, der die Schießkünste des maulfaulen, verknitterten Protagonisten erklärt, sowie ein furios inszeniertes Finale. Beide Werke zitieren John Fords berühmte Einstellung aus dem „Schwarzen Falken“ – die Kamera blickt aus der Dunkelheit einer Hütte durch die Tür in die Weite der Landschaft.
Western pur ist bei „Django & Django“ zu erleben, der Dokumentation von Luca Rea. Im Mittelpunkt steht Sergio Corbucci („Leichen pflastern seinen Weg“), der „zweitbeste Regisseur von Spaghettiwestern“. Die Klassifizierung stammt von Quentin Tarantino, der neben Franco Nero und Ruggero Deodato, der eine Star, der andere Regieassistent bei „Django“, gewohnt atemlos Auskunft gibt. Neben aussagekräftigen Clips bekommt man weitgehend unbekanntes Super-8-Material zu sehen, darf noch einmal die große Zeit der Italowestern erleben.
Tarantino ist abwesend präsent
Apropos „Inglourious Basterd“ Tarantino. Obwohl der B-Picture-Freak nicht persönlich vor Ort weilt, ist er omnipräsent. Als Interviewpartner. So auch in „Inferno Rosso. Joe D’Amato sulla via dell’eccesso“, Manlio Gomarascas und Massimiliano Zanins Porträt des unermüdlichen, ewig in juristische Prozesse verstrickten Exploitation-Filmers und – laut italienischer Nachrufe – „Pornokönigs“, dem gleichgesinnte Kollegen wie Jess Franco („Orgasmo perverso“) oder Eli Roth („Hostel“) Tribut zollen. Weit über 200 Filme hat der als Aristide Massaccesi (1936–1999) geborene Kameramann, Regisseur und Produzent unter zig Pseudonymen realisiert, berühmt-berüchtigt wurde der Römer mit seiner „Black Emanuelle“-Reihe mit Laura Gemser. Auf der Hand liegt schließlich, dass Tarantino bei „Ennio“ ausführlich zu Wort kommt. Da erzählt er Giuseppe Tornatore („Cinema Paradiso“) von seiner Kooperation mit „Maestro Morricone“ bei „Once upon a Time in . . . Hollywood“ und „The Hateful 8“.
Was zur Musik führt und symptomatisch für das diesjährige Programm steht. Wunderbar lassen sich zwischen den Werken und ihren Machern Verbindungen herstellen, wie ein Puzzle fügen sich 2021 die Produktionen ineinander. Um das berühmteste Lied des 2016 verstorbenen kanadischen Singer-Songwriters kreist Daniel Geller und Dayna Goldfines reichlich verklärte Hommage „Hallelujah: Leonard Cohen, a Journey, a Song“, Bernard MacMahon rockte trotz später Stunde bei „Becoming Led Zeppelin“ mithilfe von Jimmy Page, Robert Plant und Co. sowie vielen Konzertmitschnitten das Publikum.
Leisere Töne schlug die Debütantin Roberta Lena bei „DeAndré#DeAndré“, ihrer Annäherung an den Cantautore (Liederdichter) Fabrizio De André (1940–1999) an, während Giorgio Verdelli mit „Ezio Boss. Le cose che restano“ an den Titel gebenden Ex-Bassisten einer Italo-Ska-Band und späteren Ausnahmekomponisten – von ihm stammt unter anderem der Score zu Gabriele Salvatores „Ich habe keine Angst“ – erinnert. So geht Filmfestival.