Brad Pitt in Quentin Tarantinos Wettbewerbsbeitrag „Once upon a time in Hollywood“ Foto: Festival

Die Filmfestspiele in Cannes inszenieren sich mit Tarantino, Jarmusch oder Almodóvar als Kino-Veteranentreffen. Doch immerhin haben es in diesem Jahr tatsächlich vier Filmemacherinnen in den Wettbewerb geschafft – darunter die Österreicherin Jessica Hausner.

Cannes - Während bei der Berlinale die Zeichen auf Umbruch stehen – gerade gab das neue Führungsduo erste Neuerungen für sein erstes Festival im Februar 2020 bekannt – bleibt bei der Konkurrenz in Cannes weiter alles beim Alten. An diesem Dienstag werden in Südfrankreich die 72. Internationalen Filmfestspiele eröffnet, und einmal mehr präsentiert sich das immer noch bekannteste Filmfestival der Welt als Gewohnheitstier. Gravierende personelle Neuerungen hat es an der Croisette schon seit vielen Jahren nicht mehr gegeben. Und auch der Blick aufs diesjährige Programm verspricht viele alte Bekannte.

Zombies zur Eröffnung

Eine Zombiekomödie zum Auftakt mag auf den ersten Blick unerwartet erscheinen, doch „The Dead don’t die“ ist der neue Film des amerikanischen Regisseurs Jim Jarmusch – und der geht damit bereits zum achten Mal ins Rennen um die Goldene Palme. Dass er in diesem Jahr gleich zur Eröffnung ran darf, verdankt er auch seiner hochkarätigen Besetzung: Zu seinem Ensemble gehören Bill Murray, Chloe Sevigny, Adam Driver, Tilda Swinton, Selena Gomez und Tom Waits, die auf dem roten Teppich für den in Cannes stets ganz besonders zelebrierten Glamour sorgen sollen.

Jarmusch ist längst nicht der erfahrenste Festival-Veteran im diesjährigen Wettbewerb, schließlich ist Ken Loach, der mit „Sorry we missed you“ an den Start geht, bereits zum 14. Mal vertreten. Zweimal hat der Brite die Goldene Palme gewinnen können, genau wie die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, die mit „Le jeune Ahmed“ ebenfalls zum achten Mal dabei sind. Weitere ehemalige Gewinner, die ihre neuen Filme der Jury unter dem Vorsitz von Oscar-Gewinner Alejandro González Iñárritu sowie tausenden Journalisten und Fachbesuchern aus der ganzen Welt präsentieren, sind etwa Terrence Malick und Quentin Tarantino.

Bruno Ganz in seiner letzten Rolle

Malick erzählt in „Ein verborgenes Leben“ eine in Österreich spielende Geschichte über einen sich der Wehrmacht verweigernden Bauern. Während Malick seinen Film, in dem Bruno Ganz in seiner letzten Rolle zu sehen ist, schon vor ein paar Jahren abgedreht und immer wieder umgeschnitten hat, wurde Tarantinos „Once upon a time in Hollywood“ so knapp vor Festivalbeginn fertig, dass seine Teilnahme erst vor zwei Wochen bestätigt werden konnte. Für den im Umfeld des mörderischen Sektenführers Charles Mason spielenden Film reisen selbstverständlich auch die Hauptdarsteller Brad Pitt, Leonardo DiCaprio und Margot Robbie ans Mittelmeer. Eine weitere Hollywood-Großproduktion, das auf dem Leben von Elton John basierende Musical „Rocketman“, wird außer Konkurrenz gezeigt.

Andere Dauergäste, die nach Cannes zurückkehren, sind der Italiener Marco Bellocchio („Der Verräter“), der Spanier Pedro Almodóvar („Leid und Herrlichkeit“) oder auch der Frankokanadier Xavier Dolan, der trotz seiner jungen 30 Jahre mit „Matthias et Maxime“ schon zum dritten Mal um die Goldene Palme konkurriert. Erstmals seit seinem skandalumwitterten Gewinnerfilm „Blau ist eine warme Farbe“ ist der Franzose Abdellatif Kechiche mit „Mektoub, My Love: Intermezzo“ wieder mit von der Partie. Für seinen Landsmann Arnaud Desplechin ist unterdessen „Roubaix, une lumière“ bereits der sechste Anlauf, eine Palme zu gewinnen.

Nur vier der 21 Wettbewerbsbeiträge stammen von Frauen

Überhaupt ist das französische Kino gewohnt stark im Wettbewerb des Festivals vertreten. Der einzige Regiedebütant – Ladj Ly mit „Les Misérables“ (keine neue Victor Hugo-Adaption, sondern eine Story über Unruhen in Pariser Vororten, ) – genießt ebenso Heimvorteil wie drei der vier Frauen, die im Wettbewerb vertreten sind. Neben Céline Sciamma, Justine Triet und Mati Diop ist außerdem die Österreicherin Jessica Hausner dabei, die ihre Gentechnik-Geschichte „Little Joe“ auf Englisch umgesetzt hat. Dass zwar einerseits so viele Wettbewerbsfilme wie seit 2011 nicht mehr, aber andererseits trotzdem weniger als ein Viertel der insgesamt 21 Beiträge von Frauen inszeniert wurden, wird auch in diesem Jahr dazu führen, dass Festivalleiter Thierry Frémaux sich der Kritik ausgesetzt sieht, dass Cannes ein Gleichberechtigungsproblem hat. Da nützt es auch nichts, dass das diesjährige Festivalplakat der jüngst verstorbenen Agnès Varda Tribut zollt (während der Ehrenpreis an Alain Delon geht).

Der deutsche Film ist in Cannes derweil so schwach vertreten wie lange nicht. Die hochgehandelte Kathrin Gebbe sucht man mit ihrem neuen Film „Pelikanblut“ vergeblich im Programm. Nur Werner Herzog ist mit einem Sonderscreening für seinen Dokumentarfilm „Family Romance, LLC“ vertreten, außerdem steckt in den Filmen von Malick, Hausner und Bellochio deutsches Geld, während Maren Ades Produktionsfirma Komplizen Film am Wettbewerbsbeitrag „La Gomera“ des Rumänen Corneliu Porumboiu beteiligt ist.

Weil Netflix fehlt, fehlt auch Scorsese

Komplett abwesend beim Festival ist dieses Jahr einmal mehr der Streamingdienst Netflix. Nachdem die Firma vor zwei Jahren mit mehreren Beiträgen im Wettbewerb vertreten war, gab es Proteste der französischen Filmverleiher und Kinobetreiber. Seither sind alle Palmen-Anwärter verpflichtet, mehrere Monate lang exklusiv im Kino zu laufen, eine Kompromisslösung wurde bislang nicht gefunden.

Cannes gehen damit wie bereits 2018 einige mit Spannung erwartete Großproduktionen vor allem US-amerikanischer Provenienz durch die Lappen, allen voran Martin Scorseses neues Mafia-Epos „The Irishman“ mit Robert de Niro und Al Pacino. Der Film wird stattdessen, so hört man es aus der Gerüchteküche, Anfang September bei der Konkurrenz in Venedig zu sehen sein, wo man sich in den letzten Jahren erfolgreich als Startrampe für die Oscar-Saison neu erfunden hat. In Cannes dagegen ist weiterhin business as usual angesagt. Mit wie viel Erfolg, das werden die kommenden 12 Tage zeigen.

Die Filmfestspiele von Cannes finden vom 14. bis zum 25. Mai statt.

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