Woody Harrelson in „Three Billboards In Ebbing, Missouri“ Foto: Festival

Ein italienisches Drama über einen Kindsverkäufer schockiert das Publikum, ein pechschwarzes US-Krimi-Drama schwingt sich zum Favoriten auf bei den Filmfestspielen am Lido, wo das Star-Aufgebot selten größer war.

Venedig - Er steht noch aus, der große Skandalfilm, der (kino-)politische Aufreger oder der in vergangenen Jahren übliche eintägige Streik der Filmvorführer – gerne gelegt auf den Tag der „Regata storica“, was viele Journalisten dankend nutzten, um sich diese traditionsreiche venezianische Regatta anzuschauen. Was das Filmfestival angeht, wird man von Berlin und Cannes aus neidisch auf den Roten Teppich am Lido blicken: Filmfans und Paparazzi durften sich bereits freuen über Rebecca Hall, Colin Firth, Kad Merad, Frances McDormand, Susan Sarandon, Jennifer Lawrence, Michael Caine, Judi Dench, ­Javier Bardem, Kirsten Dunst.

Und auch Donald Sutherland und Helen Mirren, die in „The Leisure Seeker“ in einem alten Wohnmobil gen Key West fahren. Das Problem: Der Gatte, einst ein angesehener Literaturprofessor, leidet an Alzheimer, sie ist todkrank. Er ist Körper, sie ist Geist – gemeinsam funktionieren sie (fast) perfekt. Paolo Virzi („Il capitale humano“) hat seinen ersten englischsprachigen Film, ganz auf Sutherland und Mirren zugeschnitten, die durch Vereinigte Staaten reisen, die sie nicht mehr verstehen. In die Tiefe geht der Wohlfühlfilm nicht.

Pfiffe für ein böses Drama

In Robert Guédiguians („Der Schnee am Kilimandscharo“) „La villa“ treffen sich nach dem Tod des Vaters drei Kinder wieder in dessen Anwesen am Meer: Armand, der Wirt des dümpelnden Restaurants im Erdgeschoss, die Schauspielerin Angela, der spitzzüngige Hochschullehrer Joseph samt studentischer Geliebter. Man umkreist sich, streitet, nähert sich an – bis in einer Höhle drei Flüchtlingskinder auftauchen und das französische Dialogkino mit Amour und Tränen seinen Fokus verliert.

Wie ein Schlag in die Magengrube fühlt sich „Una famiglia“ an. Vincent und die 15 Jahre jüngere Maria leben unauffällig in einem schäbigen Viertel Roms. Immer wieder lieben sie sich, doch die Idylle trügt: Maria gebärt Kinder, die Vincent an Leute verkauft, die keine bekommen können – bis sie eine eigene Familie möchte. Schwarzgrau sind die eng kadrierten Bilder, die Köpfe des Paares oft in Großaufnahme zu sehen. Geschickt entwickelt Sebastiano Risi seinen Plot, es kommt zu Gewalttätigkeiten, ein schwules Paar taucht auf, ein schmieriger Arzt – während der grobschlächtige Verführer Vincent schon eine neue „Mitarbeiterin“ ins Auge fasst. Das böse, desillusionierende, so noch nie gesehene Drama sorgte für reichlich Pfiffe und Unmut. Zu Unrecht, hat der Filmemacher doch den Ton genau getroffen – die Verwerflichkeit der Figuren und Umstände kann man ihm nicht vorwerfen.

So spannend kann eine Bilbiothek sein

Spontanen Applaus gab’s, als der Name Frederick Wiseman auf der Leinwand erschien: Mehr als 40 wegweisende Dokumentationen hat der 1930 in Boston geborene Regisseur gedreht. Mit „Ex Libris – The New York Public Library“ ist er erstmals im Wettbewerb und begibt sich in die weltberühmte Bibliothek des „Big Apple“ – ohne Kommentar, ohne Mätzchen. Er schaut nur geduldig hin und hört zu. Im Aufsichtsrat, wo es immer ums Geld und um neue Synergien geht, bei einem Gespräch mit Elvis Costello, bei einem Lesezirkel zu Gabriel García Márquez’ „Liebe in Zeiten der Cholera“. Wiseman blickt in eine eigene, vielfältige, spannende Welt, die 197 Minuten vergehen wie im Fluge.

Wie auch die 112 von „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“, der bislang deutlichste Favorit für den Goldenen Löwen. Oscar-Preisträger Martin McDonagh („Brügge sehen... und sterben?“) hat ein pechschwarzes Krimi-Drama im Stil der Coen-Brüder inszeniert. Nachdem der Vergewaltiger und Mörder ihrer Tochter nicht gefasst wurde, mietet deren Mutter drei Plakatwände vor den Toren des Südstaatennests, um dem Polizeichef und seinen selbstgefälligen, rassistischen Hinterwäldlern eine Botschaft zu senden – worauf im Wortsinn die Hölle losbricht.

McDonagh spart nicht mit Gewalt

Der überraschende Plot schlägt zig Haken, die Wortgefechte sind scharf und witzig, die Charaktere perfekt gezeichnet, das Timing kommt auf den Punkt. Zur brillant aufspielenden Besetzung gehören Frances McDormand, Woody Harrelson, Sam Rockwell und Peter Dinklage. Hier stimmt alles. Mit Empathie nähert sich der irische Theaterautor seinen Figuren, er spart nicht mit Gewalt – Stichwort: Zahnarztbohrer –, setzt diese jedoch clever und punktuell ein. Da wird Kino zu Kunst, gleichermaßen klug und unterhaltsam.

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