Abgeschirmte Stars in Venedig: Tilda Swinton erschien mit venezianischer Karnevalsmaske zur Eröffnung des Festivals. Foto: dpa/Joel C Ryan

Weniger Stars, weniger Filme, dafür Fiebermessen, Masken und Trennwände – die erschwerten Bedingungen wegen der Corona-Pandemie stehlen dem Filmfest die Show und lassen keine richtige Festival-Atmosphäre aufkommen.

Venedig - Business as usual... Das wird es ob der Corona-Pandemie auf absehbare Zeit nicht geben. Auch in punkto Filmschauen. Die 73. Filmfestspiele Cannes hat man dieses Jahr ersatzlos gestrichen, in Venedig jedoch bereits Ende Mai beschlossen, die 77. Internationalen Festspiele auf dem Lido, der der Lagunenstadt vorgelagerten Badeinsel, planmäßig abzuhalten. Wegen Covid-19 natürlich nur unter strengen Sicherheits- und Hygienemaßnahmen. Ein Probelauf – vom 2. bis 12. September – unter neuen Vorzeichen. Sollte das Konzept aufgehen, werden wohl weitere Festivals folgen.

 

Alberto Barbera leitet zum inzwischen neunten Mal die Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica. Ob sein auslaufender Vertrag verlängert wird, dürfte nicht zuletzt davon abhängen, ob es ihm gelingt, das Ausnahme-Festival weitgehend reibungsfrei zu managen.

Jeder zweite Sitzplatz bleibt leer

2020 läuft alles anders: Die Körpertemperatur wird an den Zugängen zum weitläufig abgesperrten Festivalgelände gemessen – lange Schlangen vor den noch verschlossenen Kinosälen, sind die Folge. Maskenpflicht herrscht, während der Vorführungen muss ein Mund-Nasenschutz getragen werden. Für die Akkreditierten genügt es nicht mehr, ihre Ausweise beim Einlass zu präsentieren. Journalisten und Publikum können Tickets nur online kaufen, jeder zweite Sitzplatz bleibt leer. Persönliche Daten werden erfasst, um Infektionsketten gegebenenfalls zurückverfolgen zu können. Ein enormer Aufwand. Dennoch läuft der Betrieb fast reibungslos. Die Ordnungskräfte sind freundlich, die omnipräsente Polizei hält sich im Hintergrund, die meisten Besucher tragen die erschwerten Bedingungen mit Fassung, dank strahlenden Sonnenscheins gerne heftig transpirierend. Um die Möglichkeit zu schaffen, dass man jeden gewünschten Film auch zu sehen bekommt, hat man die Anzahl der Leinwände erhöht – unter anderem mit zwei speziell eingerichteten Open Air-Kinos – und bis zu 12 Vorführungen pro Film angesetzt. Dennoch wurde das Programm gestrafft.

Weniger Kategorien

Insgesamt kommen weniger Filme zur Aufführung. Natürlich ist der Wettbewerb wieder der Kern der Filmschau. 18 Filme – ein paar weniger als vergangenes Jahr – gehen um den Goldenen und die Silbernen Löwen ins Rennen, 19 laufen in der Reihe Orizzonti. Hinzu kommen elf Filme die außer Konkurrenz gezeigt werden, 12 Dokumentationen und drei Sondervorführungen. Auch die unabhängigen Filmreihen Settimana Internazionale della Critica (Woche der Kritik) und die Giornati degli Autori – Venice Days (Autorentage) hat man beibehalten. Gestrichen, sehr zum Leid der Cineasten, wurde die Sektion Venezia Classici, in der seit 2012 restaurierte Filmklassiker gezeigt werden. Die Reihe wurde an das Festival Il Cinema Ritrovato in Bologna übergeben. Ohne Laufkundschaft muss dieses Jahr auch die Sektion Venice Virtual Reality auskommen, die online stattfindet. Keine wirklich glückliche Lösung, denn der Reiz, mit einer VR-Brille mitten im Geschehen zu stehen, entfällt.

Unter den erschwerten Bedingungen leiden besonders die Fotografen. Zum üblichen Fotocall nach den Pressekonferenzen – auch hier herrscht Anmeldepflicht – auf der Terrasse des Casinó sind nur zehn Fotografen zugelassen. Ob das durchgehalten wird, ist die Frage. Glaubt man zumindest dem einheimischen Paparazzo, der sich zudem lauthals darüber beschwert, dass die Gesichtsmaske der Vertreter seiner Zunft bei den abendlichen Galas schwarz sein muss. Schwierige Tage. Zumal die Stars, die üblicherweise über den Roten Teppich schreiten, weitgehend fehlen. Sieht man bislang einmal von Jurypräsidentin Cate Blanchett, ihrem Mitjuror Matt Damon oder weniger bekannten Namen wie der Französin Stacy Martin („Nymphomaniac“) ab. Eine bittere Pille für Fans und Schaulustige. Hinzu kommt, dass man den Teppich, Laufsteg für Stars und Starlets, 2020 durch eine mit einer Hecke geschmückten Trennwand abgeschirmt hat. Sichtkontakt ist nicht möglich. Keine Tuchfühlung mit Darstellern und Regisseuren – von Autogrammen und Selfies ganz zu schweigen. So will die richtige Festivalatmosphäre (noch?) nicht aufkommen.

Die bisherigen Filmhighlights

Da hilft es wenig, dass im Forte Maghera eine kleine Fotoschau eingerichtet wurde, „Divine“ betitelt. 92 Porträts von Leinwanddiven die das Festival zwischen 1932 und 2018 besucht haben, kann man bei freiem Eintritt noch bis zum 1. November bewundern, unter anderem Sofia Loren tief in die Augen schauen.

Und der Film? Der gewohnte Mix. Vertreten sind zahlreiche, renommierte Routiniers wie der Iraner Majid Madjidi („Khorshid“) oder das US-Enfant-Terrible Abel Ferrara („Sportin’ Life“), Dokumentationen, etwa über „Greta“ Thunberg – ein „Propagandafilm“ maulte ein italienischer Journalist nach der Vorstellung – und natürlich Mainstream wie „The Duke“. Roger Michell („Notting Hill“) erzählt da die wahre Geschichte von einem Mann, der 1961 ein Goya-Porträt des Duke of Wellington stahl, um gegen die BBC-Rundfunkgebühren zu protestieren. Ein launiges, handwerklich makelloses, heftig beklatschtes Schelmenstück, eine schauspielerische Tour de Force von Jim Broadbent, dem die gewohnt souveräne Helen Mirren als kantige Arbeiterfrau eisern zur Seite steht.

Mit dem Srebrenica-Massaker durch serbische Paramilitärs im Jahr 1992 beschäftigt Jasmila Zbanic („Esmas Geheimnis“). Aus der Sicht einer Dolmetscherin (großartig: Jasna Djuricic) schildert sie im Wettbewerbsbeitrag „Quo vadis, Aida?“ die Ereignisse. Eine Studie in Sachen Banalität des Bösen. Alle Grausamkeiten belässt sie im Off, die Hilflosigkeit der UN-Truppen führt sie vor Augen. Ein erschütterndes Memento mori.

Solides französisches Arthouse-Kino liefert Nicole Garcia mit „Amants“. Ein Thriller, eine Amour fou. Kalt sind die Bilder, eisig ist die Stimmung. Stacy Martin gibt mit Minimalmimik die Frau, die bei den Männern Begehrlichkeiten weckt. Doch den, den sie will, kann sie nicht halten... Der Auftakt ist vielversprechend.

Reihen, Preise und die Jury

Beiträge
18 Filme umfasst der Wettbewerb, darunter ist der deutsche Beitrag „Und morgen die ganze Welt“ von Julia von Heinz, der in der kommenden Woche präsentiert wird. 19 Filme laufen – ohne heimische Beteiligung – in der Sektion Orizzonti.

Trophäen
Vergeben werden neben dem Goldenen Löwen diverse Silberne Löwen, darunter der Große Preis der Jury. Die beste darstellerische Leistung wird jeweils mit der Coppa Volpi belohnt.

Gremium
Präsidentin der siebenköpfigen Jury – ihr gehört Regisseur Christian Petzold („Undine“) an – ist die australische Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett. Sie wurde 2007 mit der Coppa Volpi für ihre Rolle in „I’m Not There“ ausgezeichnet.

Nebenreihen
Außer Konkurrenz werden 12 Dokumentationen sowie elf Spielfilme gezeigt, darunter „Love after Love“ von Ann Hui, die – wie auch die britische Schauspielerin Tilda Swinton – mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk geehrt wird.