Das Cinelatino wartet wieder mal mit einer Vielzahl an Filmen aus Lateinamerika und Spanien auf. In diesem Jahr steht Kolumbien im Mittelpunkt. Nur für Stuttgarter Cineasten gibt’s einen Wermutstropfen.
Stuttgart/Tübingen - So planungsunsicher wie in diesem zweiten Coronajahr war Paulo de Carvalho, der seit 28 Jahren Cinelatino leitet, das Filmfest für lateinamerikanische Filme, wohl noch nie. „Das Programm steht seit Langem, nur wie wir es umsetzen können, ist aufgrund der Inzidenzen lange unklar gewesen. Man hat vieles nicht selbst in der Hand, das macht es besonders schwer“, so der Filmexperte. Wenige Tage vor dem Festivalstart am 2. Juni ist dann klar, dass in Stuttgart vor Ort aufgrund der Coronaregelungen Anfang Juni noch kein Kinobetrieb stattfinden kann. In Tübingen, Freiburg und Reutlingen dagegen schon. „Deshalb haben wir letzte Woche beschlossen, unterschiedliche Lösungen je nach Lage anzubieten und alle Filme im Lauf der Festivalzeit online zu stellen“, so Carvalho.
Gewalt, Politik, Freundschaften
Mit seinem erfahrenen Cinelatino-Team hat er ein Programm voller eindrücklicher, politischer und sensibler Filme aus Peru, Kuba, El Salvador, Argentinien, Brasilien, Panama und Mexiko auf die Beine gestellt. Im Mittelpunkt: Kolumbien – gleich in zweifacher Hinsicht. Das Land, das als einziges in Südamerika sowohl an den Pazifik wie ans Karibische Meer grenzt, ist zum einen stark von Gewalt geprägt und andererseits nicht nur von seiner indigen Bevölkerung, wie viele lateinamerikanische Staaten, sondern auch von den afrokolumbianischen Einflüssen seiner Bewohner. Beide Themen werden beim Länderschwerpunkt beleuchtet.
Da ist etwa der kolumbianische Filmemacher Jhonny Hendrix Hinestroza, von dem zwei sehr unterschiedliche Werke zu sehen sind: Der Spielfilm „Chocó“, der in der gleichnamigen Provinz Kolumbiens das Leben einer ebenso gleichnamigen afrokolumbianischen, alleinerziehenden und in von Männern dominierten Gesellschaftsverhältnissen lebenden Hauptdarstellerin zeigt. Und die zarte, mehrfach ausgezeichnete, in Kuba spielende Romanze zweier Senioren, „Candelaría“. Ein Gespräch mit Jhonny Hendrix Hinestroza, der afrobrasilianischen Filmexpertin Tatiana Carvalho Costa, dem Wissenschaftler und Regisseur Roberto Robalinho und der Regisseurin Medhin Tewolde Serrano (Film „Negra“ im Programm) zum Thema „Antikoloniale Blicke“ steht am 8. Juni an.
Aktuelle Bezüge zu Wahlen und Rassismus
„Vor allem die aktuelle Lage in Kolumbien, wo das Thema Gewalt eine große Rolle spielt, als auch andere aktuelle politische Ereignisse wie etwa die Stichwahl in Peru und die Wahlen in Ecuador, werden auf dem Festival in Filmen und Diskussionen thematisiert“, so Carvalho. Die Filme „La Sirga“ und „Monos“ über jugendliche Kämpfer vertiefen das Thema Gewalt in Kolumbien, wie auch ein Buch der Universität Tübingen, das im Rahmen des Festivals vorgestellt wird. Auffällig auch: Viele Dokumentarfilme und Stücke mit Bezug zur indigenen Bevölkerung sind im Programm. „Durch die Entwicklungen in den letzten Jahren in vielen Staaten Lateinamerikas sind die Unterschiede zwischen Gesellschaftsschichten und Milieus verstärkt worden. Hinzu kommt Rassismus wie etwa in Brasilien. Wenn man bedenkt, dass die Regierung in Brasilien explizit Filmen, die sich mit Indigenen oder afrobrasilianischen Bezügen beschäftigen, keine Förderung gibt, und die neue ecuadorianische Regierung sich an die Seite von Bolsonaro stellt, sieht man, dass die Minderheiten immer mehr unter Druck geraten“, sagt der Festivalleiter.
Vielfalt der Filmwelt im Festival
Doch es gibt auch Gefühliges zu sehen, wie etwa den Trickfilm „Josep“, der eine wahre Flucht- und Freundschaftsgeschichte aus der Zeit des Franco-Regimes in Zeichnungen festhält, die spanische Coming-of-Age-Geschichte „Las niñas“, den Film „Cholitas“, der eine Gruppe emanzipierter Aymara-Frauen bei der Besteigung des höchsten Berges Südamerikas zeigt, den künstlerisch anspruchsvollen Spielfilm „My Mexican Bretzel“ oder den Eröffnungsfilm „A media voz“ (Mit halblauter Stimme), der die Geschichte zweier Emigrantinnen aus Kuba und ihrer Sehnsüchte aufgreift.
Alle Filme werden vom 3. bis 16. Juni online gezeigt, Tickets gibt es pro Film.
2.–9. Juni in Tübingen, dort soll es eine begrenzte Zahl an Sitzplätzen im Kino und einen Open-Air-Film-Space am Neckar geben. 16.–20. Juni Freiburg, 1.–4. Juli Reutlingen. Infos zu den Filmen, die Filme selbst und die Möglichkeit zum Ticketkauf gibt es hier auf der Website des Festivals.