Reinaldo (Maikol David) wird von der Polizei misstrauisch beäugt. Foto: Festival

Amerikanische Superhelden gibt es im deutschen Kino bekanntlich satt. Aus manchen Weltregionen aber kommen kaum noch Filme zu uns. Das Festival Cinelatino schafft da Abhilfe und bringt Aufregendes aus Spanien und Lateinamerika – vom 20. bis 26. April auch ins Stuttgarter Kino Delphi.

Stuttgart - Wie Zahlen doch täuschen können. In Deutschland gab es Ende 2016 4739 Kinoleinwände in 892 Städten und Dörfern. Das klingt nach berauschender Vielfalt, nach breit gefächertem Überblick über das Filmschaffen hierzulande und in der Welt. Aber das Gegenteil ist richtig. Zwar gibt es eine das Kino erstickende Flut von Neustarts, trotzdem sind ganze Weltregionen, ja, sogar nahe Nachbarländer nicht mehr vertreten in diesem Vorbeiwirbeln des Flüchtigen. Glück hat, wer an Orten wohnt, wo Festivals versuchen, ein wenig Farbe auf die weiß gewordene Filmlandkarte zu bringen. In Tübingen, in Freiburg und von Donnerstag an auch in Stuttgart im Delphi kann man eine Woche lang beim Festival Cinelatino Filme aus Spanien entdecken und aus jenem großen Amerika, das nicht vom Mauerbauer Donald Trump regiert wird.

Schon der Eröffnungsfilm „El Rey de La Habana – Der König von Kuba“ von Augusti Villaronga (Donnerstag, 15.30 Uhr) führt uns in eine Gegend, die nur neugierig machen kann, ins Kuba des sozialistischen Bankrotts, dem dramatische Veränderungen bevorstehen. Villaronga erzählt nicht vom ganz aktuellen Zustand, er schildert die Neunziger, als die tiefe Wirtschafts- und Sinnkrise den meisten Kubanern klar machte, dass hinter Fidel Castros Beschwörungen zum Aufbau des Sozialismus kein umsetzbarer Plan mehr steckte, sondern nur noch Altersstarrsinn und Systemverkalkung. Der Jugendliche Reinaldo, Ausbrecher aus einem Erziehungsheim, die Gelegenheitsprostituierte Magda, und die Transsexuelle Yunisleidi sind die Hauptfiguren des Films, Außenseiter mit prekären Lebensmodellen allesamt, aber damit, so suggeriert der Film, eigentlich die idealen Repräsentanten einer nicht mehr funktionierenden Gesellschaft.

Privates von der Lage in Spanien

Kuba ist ein Schwerpunkt von Cinelatino 2017, Migration ist ein anderer, aber ein Dauerbrenner, der gar nicht mehr als Themenschwerpunkt ausgewiesen werden muss, ist die Lage im ebenfalls von einer schweren Wirtschaftskrise und hoher Jugendarbeitslosigkeit gebeutelten Spanien. Am Freitag nähern sich gleich zwei Filme der kollektiven Befindlichkeit eines Landes übers Private und Konkrete. In „Estiu 1993“ (20.30 Uhr, Delphi) von Carla Simón wird ein sechsjähriges Mädchen nach dem Tod der Mutter aus der gewohnten städtischen Umgebung und der Daseinsicherheit herausgerissen und muss sich bei Verwandten auf dem Land ganz neu zurechtfinden. In „Amama“ (22.30 Uhr, Delphi) des Basken Asier Altuna erzählt vom Drei-Generationen- und Wertekonflikt auf einem Bauernhof. Ja, es gibt noch ein spanisches Kino neben den Filmen Pedro Almodóvars. Man bekommt es normalerweise bloß nicht zu sehen.

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