Der Sieger von Cannes präsentiert der Welt seinen Preis: Ken Loach, der Moralist unter den europäischen Autorenfilmern Foto: AP

Zum Abschluss der Filmfestspiele in Cannes hat die Jury ihre Preise vergeben. Der britische Regisseur Ken Loach ist mit seinem Sozialdrama „I, Daniel Blake“ der Gewinner der Goldenen Palme. Die zuvor stark favorisierte Deutsche Maren Ade ging völlig leer aus.

Cannes - Am Ende gab es dann doch eine große Überraschung bei der Abschlussgala des 69. Filmfestivals von Cannes im Premierenkino Grand Théâtre Lumière. Der weltweit renommierteste Filmpreis, die Palme d’Or, ging an den Regisseur Ken Loach für sein Sozialdrama „I, Daniel Blake“, das davon erzählt, wie ein rechtschaffener, älterer Arbeiter vom britischen Un-Sozialsystem zugrunde gerichtet wird. Ein schwer kranker Mann wird hier vom Amt reglementiert und sanktioniert, bis ihm die Lebenskraft ausgeht. Auch bei anders ausgerichteten Preishoffnungen kann niemand ernsthaft etwas gegen diese Ehrung haben, steht sie doch gewiss auch für Loachs Lebenswerk und einen klassischen Humanismus, der inszenatorisch ohne jede Protzerei der Effekte auskommt.

Es ist die zweite Goldene Palme für Ken Loach: Der 79-Jährige gewann bereits 2006 für das historische Drama „The Wind That Shakes the Barley“. Die Palme d’Or für „I, Daniel Blake“ ist zugleich eine Mahnung, den Umgang der Menschen miteinander nach seiner Menschlichkeit zu befragen.

Der zweite Hauptpreis des Festivals wurde der Schottin Andrea Arnold zugesprochen: Sie gewann den Großen Preis der Jury für ihr zweieinhalbstündiges Drama „American Honey“. Mit der Kamera extrem dicht an der Protagonistin, folgt die Regisseurin einer jungen Afroamerikanerin, die sich einer Drückerkolonne für Magazin-Abos anschließt. Star (Sasha Lane) gerät in eine Gruppe von daheim weggelaufenen Kids, deren Leben zwischen Verkaufsdruck, Armut und anarchischen Party-Momenten oszilliert. Arnolds Film ist eine sehr energetische Bestandsaufnahme heutiger, unterprivilegierter US-Jugend und gleichzeitig eine Hommage an das Amerika der Sehnsuchtsbilder.

Den Regie-Preis teilen sich der Franzose Olivier Assayas („Personal Shopper“) und der Rumäne Cristian Mungiu („Bacalaureat“), der auch schon eine Goldene Palme gewonnen hat. Und Maren Ades für die Palme hoch gehandelte Regiearbeit „Toni Erdmann“? Acht Jahre lang war kein deutscher Film im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes vertreten gewesen. Die aus Karlsruhe stammende Ade durfte dieses Jahr als erste deutsche Regisseurin überhaupt auf die Palme d’Or hoffen. Doch die deutsch-österreichische Koproduktion „Toni Erdmann“ ging leer aus. Und das ungeachtet der Standing Ovations bei der ersten Vorführung dieser Tragikomödie über eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung an der Croisette. Die Kritiker-Euphorie über diesen Film kümmerte die Wettbewerbsjury jedoch wenig. „Toni Erdmann“ konnte sich indes über eine andere Auszeichnung freuen: Der Film der Berliner Regisseurin erhielt den Preis der Internationalen Kritiker-Organisation Fipresci als bester Film im Wettbewerb.

Maren Ade geht leer aus – den Ovationen des Publikums zum Trotz

Auch den beiden Hauptdarstellern Peter Simonischek und Sandra Hüller waren in Cannes Preischancen zugetraut worden, sie gingen aber ebenfalls leer aus. Denn auch bei den Schauspielerehrungen gab es Überraschungen. So wurde als beste Darstellerin die großartige Jaclyn Jose ausgezeichnet für ihre Hauptrolle einer mit Drogen dealenden Mutter in „Ma’ Rosa“ von Brillante Mendoza (Philippinen). Als bester Schauspieler sah sich Shahab Hosseini geehrt, der in „Forushande (The Salesman)“ als Emad jenen Mann sucht, der seine Ehefrau in der gemeinsamen Wohnung überfiel. In seinem neuen Film entfaltet der Iraner Asghar Farhadi, der mit „Nader und Simin – eine Trennung“ vor vier Jahren den Oscar gewann, erneut eine Geschichte um Schuld und Vergebung. Der Regisseur selbst durfte sich über den Preis fürs beste Drehbuch freuen.

21 Filme konkurrierten in diesem Jahr im Wettbewerb um die Palme d’Or. Die Preise wurden unter Vorsitz des Hollywood-Regisseurs George Miller („Mad Max: Fury Road“) von der Jury verliehen, zu der die Regisseure Arnaud Desplechin und László Nemes, die Produzentin Katayoon Shahabi sowie die Schauspieler Kirsten Dunst, Valeria Golino, Vanessa Paradis, Mads Mikkelsen und Donald Su­therland gehörten. Sie hat uns verblüfft, diese Jury.

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