Filmemacher in Stuttgart „Birnenkuchen und Lavendel“ im Gespräch

Von Wolfram Hannemann 

Märchen oder nicht, das ist hier die Frage: Virginie Efira und Benjamin Lavernhe in „Birnenkuchen und Lavendel“. Foto: Neue Visionen
Märchen oder nicht, das ist hier die Frage: Virginie Efira und Benjamin Lavernhe in „Birnenkuchen und Lavendel“. Foto: Neue Visionen

Von der aufkeimenden Liebe zwischen einer Obstbäuerin und einem Mann mit Asperger-Syndrom erzählt Eric Besnard in „Birnenkuchen mit Lavendel“. Nun war er mit seinem Hauptdarsteller Benjamin Lavernhe zu Gast im Delphi-Kino, um Preise entgegenzunehmen und Fragen zu beantworten.

Provence – - Monsieur Besnard, wie sind Sie darauf gekommen, eine Romanze mit einem Asperger-Patienten zu erzählen?
Besnard: Ich wollte über ein Thema schreiben, das es mir erlaubt, subjektiv zu sein, und das auch Platz für Sinnlichkeit lässt. Denn als Drehbuchautor schreibe ich wesentlich komplexere Geschichten. Und wenn schon einfach, warum nicht gleich die einfachste überhaupt – die eines Mannes und einer Frau. Weil es darüber natürlich schon viele Geschichten gibt, brauchte ich etwas Originelles. So bin ich auf das Asperger-Syndrom gestoßen. Damit hatte ich jene Zutat gefunden, die meine Geschichte von anderen unterscheiden würde.
Ist der Film nicht einfach ein wunderbares Märchen?
Besnard: Nicht ganz, denn die Geschichte ­erzählt ja auch etwas sehr Glaubhaftes. Würden sich Pierre und Louise am Ende küssen, dann wäre es tatsächlich ein Märchen. So aber bleibt die Geschichte offen. Wirklich wichtig dabei ist die Entwicklung des Blickes auf den jeweils anderen, die es ermöglicht, dem anderen eine Chance zu ­geben. Genau das ist die Botschaft.
Man lacht über Pierres Marotten, aber nicht über ihn. Wie gelingt das?
Besnard: Mit einer solchen Figur ist das ­natürlich immer eine Herausforderung. Doch schaut man genauer hin, so erkennt man das gleiche Prinzip wie bei Stummfilmfiguren: Anfangs lacht man noch ein bisschen über sie, doch im Laufe des Filmes werden sie zu Helden, über die man nicht mehr lacht. Das Lachen humanisiert, macht menschlicher. Natürlich könnte diese Person noch viel lustiger sein, aber dann wäre sie einfach nicht mehr glaubwürdig.
Wie würden Sie Pierre charakterisieren?
Lavernhe: Eric sagte immer, dass die Figur etwas Außerirdisches und Heldenhaftes ­habe, gleichzeitig aber auch ein ganz normaler Mensch sei. Normaler vielleicht sogar als die meisten Menschen. Dieses Paradoxon hat mich an der Figur interessiert. Natürlich hat Pierre auch etwas von einem Clown. Aber durch seine Art, die Welt zu sehen, und wie durch ihn manche Dinge einfach schön werden, ist er in gewisser Weise auch ein Künstler. Auch seine Naivität fand ich interessant; sie hat mich sehr berührt.
Besnard: Meine Produzenten wollten von ­Anfang an einen großen Star verpflichten, doch ich konnte mir keinen in dieser Rolle vorstellen. Als ich Benjamin dann zum ersten Mal auf der Bühne sah, wusste ich sofort, dass ich den Richtigen gefunden hatte. Das gab mir dann auch das Vertrauen, diesen Film tatsächlich machen zu können.
Wie haben Sie sich auf diese Rolle, diesen Geisteszustand vorbereitet?
Lavernhe: Ich habe sehr viel mit Eric über das Drehbuch gesprochen, denn ich habe Pierre ja beim Lesen entdeckt. Auch seine Recherchen zum Thema Asperger waren sehr hilfreich. Dazu kam, dass ich mich selbst sehr schnell in dieser Rolle wiedergefunden habe. Natürlich möchte man bei einer solchen Rolle wirklich „performen“, etwas Neues erschaffen. Doch die Arbeit war sehr leicht. Man wurde einfach nur gefilmt. Das Schwierigste war, darauf zu vertrauen, dass trotz dieser einfachen Art und Weise zu spielen auch etwas nach außen strahlt.
Bäume spielen eine wichtige Rolle im Film.
Besnard: Für mich sind Bäume wirklich ­extrem wichtig! Schon vor 25 Jahren habe ich ein Drehbuch geschrieben, das im 13. Jahrhundert spielt und den Titel „Der Baum und der Degen“ trägt. Irgendwann werde ich es auch verfilmen! Und der Protagonist in meinem nächsten Film ist Förster. Außerdem habe ich schon eine Dokumentation über einen Dschungel gedreht, in dem hauptsächlich Bäume zu sehen sind. Bäume symbolisieren nicht nur die Natur, sondern auch die Zeit und das Zusammenwirken von Mensch und Natur. Sie haben Schlüsselrollen in „Birnenkuchen mit Lavendel“.
Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihres Films?
Besnard: Mit zwei Filmen waren die ­Zuschauer in Frankreich in der letzten Zeit besonders zufrieden: „The Imitation Game“ und „Birnenkuchen mit Lavendel“, beides Filme mit Asperger-Thematik. Ich habe das Gefühl, dass dies als eine Art Pforte für Empfindlichkeit und Zerbrechlichkeit wahrgenommen wird. Der Film zeigt, dass man auch mal zerbrechlich sein darf und Schwäche zeigen kann und dass man auch manchmal dieses Kindliche beibehalten darf, das es einem auch noch als Erwachsenem ermöglicht, einen unschuldigen Blick auf das Leben zu haben.

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