Jonathan (Jannis Niewöhner) droht verloren zu gehen. Foto: ARD/Jeremy Rouse

Das vorzüglich gespielte Debütdrama „Jonathan“ mit Jannis Niewöhner ist ein berührender Film über das Sterben – und erzählt zudem von einem familiären Tabu.

Stuttgart - Schon die ersten Bilder dieses eindringlichen Debütdramas verbreiten morbide Stimmung: Satter Regen fällt aufs Land, alles wirkt finster und hoffnungslos. Im Wald hockt zitternd ein Mann; sein Sohn findet ihn und bringt ihn nach Hause. Dort stellt der Junge Fragen nach der Mutter, doch der Vater Burghardt (André M. Hennicke) weigert sich, über seine angeblich bei einem Unfall verstorbene Frau zu sprechen. Der Film lässt zunächst ebenfalls viele Fragen offen; Piotr J. Lewandowski (Buch und Regie) beschränkt sich auf eine fast dokumentarisch anmutende Beobachterposition.

Ein Geheimnis lastet

„Jonathan“ spielt auf einem Bauernhof zur Erntezeit, es gibt viel zu tun; der Titelheld (Jannis Niewöhner), 23, droht zwischen der Arbeit und der Pflege des Vaters verloren zu gehen. Das ändert sich erst, als eine Pflegerin wie ein Traumwesen in sein Leben tritt: Anka (Julia Koschitz), eine luftig gekleidete selbstbewusste junge Frau, die viel positive Energie ausstrahlt. Die beiden beginnen eine Liebesbeziehung, doch Anka spürt, dass ein Geheimnis über Hof und Familie lastet. Doch auch Jonathans verhärmte Tante Martha (Barbara Auer) ergeht sich bloß in düsteren Andeutungen.

Jannis Niewöhner, Jahrgang 1992, ist nicht zuletzt dank der Amazon-Serie „Beat“ (2018), für die er mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden ist, längst einer der großen Stars seiner Generation. Aber schon 2015, als „Jonathan“ entstanden ist, dürfte er Lewandowskis Hoffnungen mehr als erfüllt haben. Niewöhner vermeidet einen Fehler, den viele junge Schauspieler begehen, wenn sie jugendlichen Zorn verkörpern sollen: Sie schreien und toben und lassen alles raus. Niewöhner lässt Jonathan den ganzen Druck in sich hineinfressen; sein Spiel ist eine einzige Implosion des Schweigens.

Eigentümliche Atmosphäre

Ähnlich vorzüglich wie die Arbeit mit den Schauspielern ist die Bildgestaltung. „Jonathan“ war nach einigen preisgekrönten Kurzfilmen der erste Langfilm, den der gebürtige Pole Lewandowski, Absolvent der Filmakademie in Ludwigsburg, in eigener Regie inszeniert hat. Umso eindrucksvoller sind die Bilder (Kamera: Jeremy Rouse), die im Zusammenspiel mit der dräuenden Musik (Lenny Mockridge) eine ganz eigentümliche Atmosphäre schaffen. Abgesehen von wenigen heiteren Szenen scheint eine Art Mehltau über dem Anwesen zu liegen.

Nicht nur die aus vielen Momentaufnahmen bestehende Dramaturgie, auch die regelmäßigen Zwischenschnitte auf Insekten unterstreichen den Eindruck, dass Lewandowski die Geschichte wie eine Fallstudie konzipiert hat. Ähnlich wie der Schmetterling, der einem Spinnennetz entkommt, kann sich auch Jonathan schließlich aus den familiären Verstrickungen befreien. Zwischenzeitlich verliert er komplett den Boden unter den Füßen, als ihm klar wird, dass er sein bisheriges Leben mit einer Lüge verbracht hat.

Berührende Abschiedsmomente

Abgesehen von Bildgestaltung und Darstellerführung ist „Jonathan“ schon allein wegen des ungeschönten Umgangs mit dem Thema Sterben ein ungewöhnliches Drama. Burghardt siecht förmlich dahin; eine reine Fernsehproduktion würde sich diese Bilder nicht trauen. Berührender als der Todeskampf ist jedoch ein Abschiedsmoment, als der Sterbende von Ron und Jonathan über eine Wiese getragen wird und ein letztes Mal die Grashalme durch seine Finger gleiten lässt.

Neben dem Tabuthema, über das keiner der Beteiligten sprechen will, war dies Lewandowskis Motiv, die Geschichte zu erzählen: „Der Film soll die existenziellen Ängste und Träume eines jungen Mannes vermitteln, der sich mit dem Tod auseinandersetzen muss.“ Auch deshalb ist Niewöhner als kantiger Typ wie geschaffen für die Rolle: Einerseits demonstriert Jonathan Härte, andererseits kümmert er sich liebevoll um den Vater. Wie sehr die Ereignisse dem jungen Mann zu schaffen machen, vermittelt Niewöhner eher unterschwellig.

Ausstrahlung: ARD, 25. Juni, 22.45 Uhr

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