Filip Barankiewicz Foto: Galtier

Tränen? Nein, Filip Barankiewcz schaut lachend in die Zukunft. An diesem Samstag tanzt der Erste Solist seine letzte Vorstellung als Mitglied des Stuttgarter Balletts. Doch das, was vor ihm liegt, ist spannend genug, um alle Wehmut vergessen zu lassen.

Stuttgart - 18 Jahre ist Filip Barankiewcz in Stuttgart, seit 2002 tanzt er als Erster Solist in jeder Hinsicht in der ersten Reihe. Vor allem als Petrucchio, der männlichen Hauptrolle in John Crankos Ballettkomödie „Der Widerspenstigen Zähmung“, ist der Tänzer ein Hingucker. Nicht nur, dass bei seinen Sprüngen für einen Moment lang die Zeit stehen zu bleiben scheint. Filip Barankiewcz nimmt alle darstellerischen Hürden dieser Shakespeare-Figur mit souveräner Doppelbödigkeit, die das Lachen leicht macht.

Ob als Romeo, der Rolle, in der sich der Tänzer an diesem Samstag vom Stuttgarter Ballett verabschiedet, ob als Onegin, dessen Ekel an der Welt er mit Intelligenz zuspitzt: Filip Barankiewcz agiert mit Eleganz und Charme. Nicht umsonst gehört er zu den Lieblingen des Stuttgarter Ballettpublikums. Und das wird einen wie ihn nicht leichten Herzens ziehen lassen.

Oder vielleicht doch? Denn wer ein Gespräch mit dem Tänzer über dessen Zukunft führt, der kann nicht anders, als sich von seinem Enthusiasmus anstecken zu lassen. Und das, obwohl sich die Wege von Filip Barankiewcz und dem Stuttgarter Ballett trennen werden.

Dass er die Stelle an der Cranko-Schule abgelehnt hat, die Intendant Reid Anderson dem ausgebildeten Ballettpädagogen angeboten hatte, war ein Risiko. „Aber es hat sich gelohnt!“, wie Filip Barankiewcz nun weiß. Denn die zurückliegende Saison hat der Tänzer auch dazu genutzt, um sein Talent als Ballettmeister zu erproben. Für Kompanien in Warschau, Prag und Stockholm hat er das Training geleitet; den August wird er mit seiner Frau und den beiden Kindern in Helsinki verbringen, um dort erstmals als Gast-Ballettmeister auszuhelfen.

Viel unterwegs ist Filip Barankiewcz auch als Coach. Einer, der wie er als Tänzer die großen Rollen Crankos so messerscharf bis in feine Details hinein sezieren kann und dazu noch fünf Sprachen beherrscht, ist mit seiner Erfahrung international gefragt.

So hat er an der Rolle des Onegin mit Solisten in Stockholm gearbeitet. „Das hat mir sehr großen Spaß gemacht und lässt sich wirklich mit dem Glück vergleichen, welches das eigene Tanzen mir bereitet.“ Aus der Zuschauerperspektive auf die eigene Arbeit schauen? Für einen, der viele Jahre lang selbst auf der Bühne agierte, ist das eine neue, schöne Erfahrung.

„Es ist eine Traumaufgabe, die vor mir liegt“, freut sich Filip Barankiewicz auf das, was kommt. Mehr Angebote sind da, als er bewältigen kann. Aus Glasgow, Talinn und Seoul etwa, wo er für das koreanische Staatsballett auf Einladung von Sue Jin Kang die Einstudierung der „Zähmung“ mitbetreuen soll. Für Filip Barankiewcz geht es dabei nicht nur um die Arbeit im Ballettsaal, wichtig ist ihm auch über die reinen Schritte hinaus zu vermitteln, was ein Choreograf sagen will.

Solche Begegnungen behält er aus der eigenen Karriere in schöner Erinnerung. Die mit Marcia Haydée und Richard Cragun in Rio de Janeiro zum Beispiel, wo seinem Debüt als Petrucchio intensive Proben und Gespräche vorangegangen waren. „Es war einmalig mitzuerleben, wie Ricky, damals 57 Jahre alt, im Ballettsaal vor meinen Augen alle drei Pas de deux tanzte.“

Den Hut zu tragen, den bereits ein Cragun als Petrucchio auf dem Kopf hatte? Ins Kostüm zu schlüpfen, das Tamas Detrich als Onegin trug? Mit Künstlern wie Hans van Manen zu arbeiten? „Stuttgart ist ein Phänomen. In allem steckt so viel Gefühl, so viel Geschichte. Für mich war das immer ein großer Ansporn“, sagt Filip Barankiewicz, der diesen Stuttgarter Geist nun in die Ballettwelt trägt. „Als Tänzer bin ich in Stuttgart geblieben, denn die Kompanie und ihr Publikum haben mir das Gefühl gegeben, hier zu Hause zu sein“, sagt er. Vermissen wird er folglich wohl nichts – wie auch, steckt doch der Stuttgarter Geist nach 18 Jahren tief in ihm.

Jahre, die prägen und voller Erinnerungen sind. „Den Onegin in Stuttgart zu tanzen ist schon etwas Besonders. Aber in meiner Heimatstadt Warschau hatte ich noch während der Vorstellung eine Gänsehaut“, sagt Filip Barankiewicz. Eine tolle Anekdote ist die Vorstellung von „Giselle“, in der er den Bauern-Pas-de-deux tanzen sollte, und dann so spontan als Albrecht für einen verletzten Kollegen einspringen musste, dass er sich plötzlich in zwei Rollen auf der Bühne wiederfand.

„Ich hatte eine unglaublich tolle Karriere hier, aber jetzt blicke ich voller Freude auf das, was mich erwartet“, sagt Filip Barankiewicz, der als Gast weiterhin tanzen will. In Karlsruhe zum Beispiel, wo Birgit Keil im Herbst auf ihn als Petrucchio nicht verzichten will.

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