Alexander Wieland nimmt ein Metallteil an der Zugprüfmaschine in die Mangel. Foto: Caroline Holowiecki

Jedermann kennt das riesige TÜV-Süd-Gebäude im Gewerbegebiet von Bernhausen, doch kaum jemand weiß, was eigentlich drinnen passiert. Ein Besuch im Werkstoffprüflabor.

Man muss laut sprechen, um sich zu verstehen. Der Lärm rührt von diversen Sägen, Fräs- und Drehmaschinen, die den gesamten Raum füllen. Metallspäne liegen auf der Erde. Große und kleine Teile aus Kupfer, Messing oder Aluminium, Rohre, Behälter und Platten warten darauf, von den Mitarbeitern bearbeitet zu werden. Alles wirkt wie in einer klassische Metallwerkstatt. Tatsächlich hat sie aber nur einen Zweck. „Alles, was die Mitarbeiter hier herstellen, wird im nächsten Raum zerstört“, sagt Christian Dietz, der Abteilungsleiter. Er ist am TÜV-Süd-Standort in Bernhausen für das Werkstoffprüflabor zuständig.

 

„Das ist das größte akkreditierte Werkstoffprüflabor für Metalle, das wir bei TÜV Süd haben“, erklärt der Unternehmenssprecher Thomas Oberst. Was das 25-köpfige Team hier auf etwa 1000 Quadratmetern macht? Unterschiedliche Materialien auf Herz und Nieren prüfen. Dafür stehen ihnen unterschiedliche Verfahren und Apparaturen zur Verfügung. Alexander Wieland nimmt an diesem Vormittag an der Zugprüfmaschine ein Metallteil in die Mangel. Mit einer Zugkraft von bis zu 20 Tonnen wird es nach und nach auseinandergezogen – bis es mit einem lauten Knall birst. Andere Teile können mit Schlagversuchen oder auch unter extremer Hitzeeinwirkung auf ihre Zähigkeit untersucht werden.

Sägen, Fräs- und Drehmaschinen lärmen mächtig. Foto: Caroline Holowiecki

Das passiert in der Giftküche des TÜVs in Bernhausen

Im Raum nebenan, der sogenannten Giftküche, werden Korrosionsversuche mit diversen Gefahrenstoffen unternommen. Durch Blei in den Wänden und der Decke besonders geschützt und hinter einer etwa 15 Zentimeter dicken Spezialtür verborgen ist zudem der Röntgenbunker. Hier können Teile im Rahmen der sogenannten zerstörungsfreien Prüfung buchstäblich durchleuchtet werden – mit Strahlung in einem Energiebereich von 300 Kilovolt. So wird beispielsweise sichtbar, ob eine Schweißnaht den Anforderungen entspricht oder ob ein Material Risse oder Poren hat, die dort nicht sein sollten.

Notwendig ist das in verschiedenen Bereichen. Das Spektrum fängt beim Materialcheck bei Fahrgeschäften auf dem Wasen an, geht über die Beurteilung von Schweißnähten von Brücken oder der Beschaffenheit von Druckbehältern und endet beim Schadensgutachten fürs mittlerweile abgerissene Parkhaus in Bernhausen. Entsprechend findet bei Weitem nicht alles im Labor statt. „Zu 70 Prozent wird das draußen beim Kunden gemacht“, sagt Christian Dietz über zerstörungsfreie Prüfungen. Viele alltägliche Bereiche sind also tangiert. Dennoch weiß kaum einer in Bernhausen, was im riesigen TÜV-Gebäude eigentlich gemacht wird. Diese Erfahrung macht auch Christian Dietz. „Ich kenne es aus dem Verwandten- oder Bekanntenkreis. Jeder verbindet TÜV mit Autos.“

TÜV-Hochhaus in Bernhausen vereint mehrere Gesellschaften

Haupt- und Abgasuntersuchungen an Kraftfahrzeugen werden im Service-Center im Erdgeschoss des mächtigen grauen Klotzes erledigt, auch weitere fahrzeugnahe Dienstleistungen wie Schaden- und Wertgutachten oder spezielle Services für Oldtimerfans stehen auf der Tagesordnung. Das TÜV-Hochhaus vereint mehrere Tochtergesellschaften unter einem Dach. Die TÜV Süd Product Service GmbH etwa befasst sich unter anderem mit Spielplatzchecks.

„Weitere sichtbare Dienstleistungen von TÜV Süd sind die Prüfungen von Aufzügen und Rolltreppen, auf die unser Prüfzeichen – das blaue Oktagon – hinweist“, sagt Thomas Oberst. Die Sachverständigen hätten ihre Büros in Bernhausen, seien jedoch bundesweit unterwegs. Gleiches gelte für Baugutachten und -abnahmen oder die Prüfungen von Ölheizungen, Blitzschutzanlagen und Photovoltaikanlagen.

Johannes Weber macht potenziell krebserregenden Fasern unterm Rasterelektronenmikroskop ausfindig. Foto: Caroline Holowiecki

Menschen wie Johannes Weber sind jedoch wenig sichtbar. Im Kellergeschoss geht der ausgewiesene Experte zum Thema Asbest seiner Arbeit nach. Seine Hauptaufgabe: in Proben von alten Eternitplatten, in Putz oder Spachtelmasse die potenziell krebserregenden Fasern ausfindig machen. Beauftragt wird er von Privatleuten, die ihr Häusle sanieren, ebenso wie von Kommunen. Johannes Weber holt eine Tüte mit alten Fliesen hervor. An der Unterseite der Kacheln ist schwarzer Kleber zu sehen, den wird er unter die Lupe nehmen. Dafür steht ihm unter anderem ein Rasterelektronenmikroskop zur Verfügung, das eine bis zu 20 000-fache Vergrößerung ermöglicht. Auch Luftmessungen führt er durch. Johannes Weber betont: „Die Asbestanalytik ist aufwendig.“

Zweitgrößter TÜV-Süd-Standort in Deutschland

600 Mitarbeitende
Mit über 30 000 Mitarbeitenden – etwa die Hälfte davon in Deutschland – ist TÜV Süd eines der führenden Prüf- und Zertifizierungsunternehmen weltweit. Das Gebäude im Gewerbegebiet von Bernhausen ist der zweitgrößte deutsche Standort nach München. Hier arbeiten um die 600 Personen, verteilt auf mehrere Tochtergesellschaften, etwa die TÜV Süd Industrie Service GmbH.

Zwei Grundstücke
Fürs riesige Gebäude an der Gottlieb-Daimler-Straße gibt es seit geraumer Zeit Pläne. Es soll Mitte 2028 durch einen Neubau ersetzt werden, erklärt der Unternehmenssprecher Thomas Oberst. Auch ein neues Verwaltungsgebäude ist demnach angedacht. Für die Vorhaben hat der TÜV zwei Grundstücke in unmittelbarer Nähe in petto, unter anderem die Zirkus-Wiese bei der Polizei.