Im Rentenalter hat der ehemalige Fliesenleger aus Harthausen sein kreatives Talent entdeckt Foto: Caroline Holowiecki

Er schreibt, er dichtet, er malt und gestaltet – und er stellt seine Objekte im Vorgarten aus: Der Rentner Helmut Kraiß aus Filderstadt-Harthausen ist ein kreativer Tausendsassa, und er hat ein dankbares Publikum.

Filderstadt - Die Augen fahren Achterbahn. Wohin nur zuerst schauen? Zum Storch, geformt aus einem Gartenschlauch, der auf der Garage thront? Zum Spinnennetz aus Draht an der Hauswand, in dem Insekten aus Blech zappeln? Zum Fernsehturm aus Beton? Zur Friedenstaube auf einem Ginkoblatt? Oder zum Akkordeon aus Zement? Der Vorgarten von Helmut Kraiß ist eine richtige Freiluftgalerie. Der bald 81 Jahre alte Mann hat alles selbst gestaltet und zu seinen Skulpturen, Figuren und Installationen auch noch Spruchtafeln gesetzt. Die Tafeln tragen kurze Reime und lange Gedichte wie jenes über die „Heimat Harthausen“ oder zum Thema Burnout.

Helmut Kraiß versammelt hier kleine Lebensweisheiten aber auch politische Statements wie beim Windspiel, das in den Farben der Parteien gehalten ist, oder kritische Anmerkungen zur Schere, deren Klingen weit auseinanderklaffen so wie auch die Kluft zwischen Armen und Reichen immer größer zu werden drohe. Helmut Kraiß fügt immer wieder Neues dazu.

Immer ein Zettele parat

2009, bereits Rentner, hat der ehemalige Fliesenleger aus Harthausen sein kreatives Talent entdeckt und lebt es seither im Gestalten, im Musizieren, im Schreiben von Kurzgeschichten und im Dichten aus. In einem Büchlein hält er alles fest. Fotografien von seinen sämtlichen Kunstobjekten sind eingeklebt, außerdem hat er dort niedergeschrieben, wie er im Frühjahr 1949 für einen Tag in eine Arrestzelle in Bernhausen kam, weil er mit einem Freund zu zweit auf einem Fahrrad erwischt worden war, oder welche Gedanken ihn zu Stuttgart 21 umtreiben.

Die Worte und Ideen fliegen ihm im Alltag zu – beim Gassigehen oder bei den Übungen mit der Herzsportgruppe. „Im Geldbeutel habe ich immer ein Zettele zum Aufschreiben dabei“, sagt er.

Eulen aus Blech

Seine Kunst kommt bei den Menschen gut an. „Manche Leute sagen, sie kennen alle meine Sprüche“, erklärt Helmut Kraiß, und die Freude darüber ist ihm anzusehen. Manche Großeltern blieben mit ihren Enkeln am Haus in der Johann-Strauß-Straße stehen und übten das Lesen, „eine Frau kommt immer extra aus Grötzingen“, sagt er. Auch Kindergartengruppen hat er bereits durch seinen Garten geführt. Schon im Winter fragten manche Nachbarn, wann er endlich die neue Frühjahrsdeko aufstellen werde.

Der Senior zeigt auf seine zwei Eulen aus Blech, neben denen zu lesen ist: „Wir sitzen hier und ruh’n und überlegen erst, bevor wir etwas tun.“ Helmut Kraiß zieht die Augenbrauen hoch. „Das hätte ich schon verkaufen können, aber ich gebe nichts her“, stellt er klar. Auch auf eine Präsentation in einer Ausstellung lege er keinen Wert. „Da habe ich hier mehr Publikum“, sagt er und lächelt.

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