Auf dem Bernhäuser Friedhof gibt es bereits drei Kolumbarien (im Hintergrund zu sehen), dabei wird es aber nicht bleiben. Foto: Thomas Krämer

Immer weniger Verstorbene werden in einem Sarg bestattet. Hinterbliebene entscheiden sich stattdessen immer öfter für eine neue Form der letzten Ruhestätte. Doch die Idee dahinter ist gar nicht neu, sondern uralt.

Filderstadt - Stirbt ein Mensch, dann gingen Verwandte und Bekannte früher zu einer Beerdigung. Nimmt man den Begriff wörtlich, dann stimmt das immer häufiger nicht mehr. Stattdessen müsste es neutral Bestattung heißen. Denn in den vergangenen Jahren ist nicht nur die Zahl der Feuerbestattungen nach oben gegangen. Seit im Jahr 2002 auf dem Oberen Friedhof in Sielmingen das erste Kolumbarium (lateinisch, „Taubenschlag“) errichtet worden ist, nimmt besonders die Nachfrage nach dieser Bestattungsart stark zu. Bei einem Kolumbarium handelt es sich um Urnennischen.

Norbert Branz kann dies mit Zahlen untermauern. In Bernhausen habe es 2010 insgesamt 45 Bestattungen gegeben. „Elfmal wurde das Kolumbarium als letzte Ruhestätte gewählt“, sagt der Leiter des Filderstädter Tiefbauamts. Das entspricht einem Anteil von knapp einem Viertel. 2016, also gerade einmal sechs Jahre später, fiel bei 78 Bestattungen 32-mal die Entscheidung zugunsten einer Kammer in einem Kolumbarium. Das sind 41 Prozent.

Die Konsequenz liegt auf der Hand

Die Entwicklung ist auf allen Friedhöfen ähnlich“, sagt Branz. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Man habe deshalb mittlerweile auf allen sechs Friedhöfen der Stadt sukzessive weitere solcher Anlagen gebaut, berichtet der Leiter des Tiefbauamts. In Harthausen und Sielmingen soll in den kommenden Jahren zum jeweils bestehenden Kolumbarium ein weiteres dazugekommen, auf den Friedhöfen in Bonlanden, Plattenhardt und Sielmingen gibt es schon drei. Und in Bernhausen soll, so haben es die Mitglieder des Technischen Ausschusses in ihrer jüngsten Sitzung beschlossen, ein viertes Kolumbarium hinzukommen. Die Kosten in Höhe von 180 000 Euro werden auf dieses und das kommende Jahr im städtischen Haushalt aufgeteilt. Damit wird das Angebot auf den städtischen Friedhöfenergänzt, das zusätzlich unter anderem Baumgräber, anonyme Bestattungen oder – in Zusammenarbeit mit der Filderklinik – ein Fötenfeld für Totgeburten beinhaltet.

Doch warum wollen die Leute immer häufiger in Urnennischen begraben werden? Ralf-Dieter Raubinger ist vom Fach und kennt die Antwort. Der Bestatter aus Filderstadt sieht für die Entwicklung vor allem zwei Gründe. „Bei Kolumbarien fällt zum einen die Pflege weg“, sagt er. Das sei gerade für Angehörige interessant, die nicht vor Ort wohnen und deswegen bisweilen weite Wege in Kauf nehmen müssten, um die Pflanzen auf den Gräbern zu gießen oder welke Blumen zu entfernen. Auch für Berufstätige, die im Alltag stark eingespannt sind, sei das ein Argument.

Die Kosten auf den ersten Blick täuschen

Und dann spielt natürlich auch das liebe Geld eine Rolle. „Ein Doppel-Kolumbarium kostet zurzeit rund 900 Euro, dazu muss man für die Beschriftung noch 500 bis 1000 Euro rechnen“, sagt der Bestatter Raubinger. Ein Erdgrab sei zwar mit knapp 900 Euro auf den ersten Blick günstiger. Dann sei die Rechnung allerdings ohne die vierstelligen Kosten für Grabstein oder Grabplatte gemacht. Und Hinterbliebene, die sich nicht für eine Feuerbestattung und eine Urne entscheiden, müssen zusätzlich noch den Sarg kaufen. „Die Grabpflege kann zusätzlich mit jährlich mehreren hundert Euro zu Buche schlagen“, sagt der Bestatter.

Kolumbarien sind keine Erfindung der neuen, teilweise auch säkularisierten Gesellschaft. In Deutschland wurde das erste Kolumbarium 1878 auf dem Hauptfriedhof in Gotha errichtet. Und auf dem Stuttgarter Pragfriedhof ist das 1902 gebaute Kolumbarium Teil eines im Jugendstil gebauten Krematoriums. Die ersten bekannten Kolumbarien wurden vor rund zwei Jahrtausenden von den Römern gebaut. Darin wurde – platzsparend – in Tongefäßen die Asche von Verstorbenen gefüllt, die weniger begütert waren. Das Wort Kolumbarium kommt aus dem Lateinischen und bedeutet schlicht: Taubenschlag.

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