Die Gebäude auf der Gutenhalde gehören zu den städtischen Unterkünften, in denen Flüchtlinge untergebracht sind. Foto: Otto-H. Häusser

Als hätten die Ehrenamtlichen nicht genug zu tun: Flüchtlinge, die von der Stadt untergebracht werden, müssen sich selbst um die Mietzahlung kümmern. Unterstützung brauchen sie dabei von freiwilligen Aktivisten, die eigentlich schon genug Behördengänge zu bewältigen haben.

Filderstadt - Deutschland und seine Bürokratie: Für Flüchtlinge, die in das fremde Land kommen und die deutsche Sprache nur nach und nach verstehen lernen, sind die Schreiben, die sie von deutschen Behörden bekommen, in aller Regel undurchschaubar. Sie begreifen nicht, was von ihnen verlangt wird, und sie wenden sich deshalb oft an ehrenamtliche Helfer.

Dies ist auch jetzt wieder der Fall, nachdem die Stadtverwaltung Bescheide über die Zahlung von Mieten verschickt hat. Grund ist die Erhöhung der Gebühren für die Benutzung von Flüchtlings- und Obdachlosenheimen. Die Schreiben gingen direkt an die Flüchtlinge, die in städtischen Wohnheimen oder Häusern untergebracht sind.

Mehrarbeit für Ehrenamtliche

Die Flüchtlinge müssen nun die Bescheide weiterreichen, entweder ans Landratsamt oder an das Jobcenter, je nachdem, ob sie den Status „anerkannt“ haben oder nicht. Konkret bedeutet dies Mehrarbeit für die ehrenamtlichen Helfer, weil die Flüchtlinge gar nicht verstehen, was man von ihnen will.

Stellt sich mancher die Frage, weshalb die Behörden nicht direkt miteinander kommunizieren. Wäre es doch am einfachsten, wenn die Mieten ohne Umwege von Jobcenter und Landratsamt angefordert würden. Doch das geht aus rechtlichen Gründen nicht, wie Filderstadts Stadtkämmerer Georg Braunmüller auf Anfrage erklärt. Schuldner sei nun mal der Flüchtling als Mieter. Deshalb müsse er persönlich angeschrieben werden. „Natürlich wäre es praktischer, wir könnten uns direkt ans Landratsamt wenden“, fügt er hinzu. Es komme immer wieder vor, dass Mahnungen verschickt würden, weil die Flüchtlinge die Zahlungsaufforderungen nicht rechtzeitig weiterleiten.

Hartmut Reinecker vom Arbeitskreis Asyl weiß aus eigener Erfahrung, dass Flüchtlinge, die teilweise komplizierten in juristischer Sprache abgefassten Schreiben nicht verstehen. Hinzukomme, dass in Sammelunterkünften, wie denen auf der Gutenhalde in Bonlanden, nur ein Briefkasten zur Verfügung stehe. In ihm lande dann die Post für 15 Leute zusammen mit vielen Werbeprospekten.

Reinecker kennt noch weitere Beispiele für Bürokratismus bei der Flüchtlingsbetreuung. Beispielsweise bei der Arbeitsaufnahme. Inzwischen dürfen Flüchtlinge schon nach drei Monaten Aufenthalt in Deutschland arbeiten. Die sogenannte Vorrangprüfung – sprich:  Es muss geprüft werden, ob nicht auch ein deutscher Arbeitsloser den Job machen könnte – ist weggefallen. Trotzdem muss ein vom Arbeitgeber ausgefülltes Formular mit dem Titel „Stellenbeschreibung“ bei der Ausländerbehörde abgegeben werden.

Warum kein direkter Kontakt?

Die Behörde schickt das Papier dann nach Nürnberg zur Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Arbeitsagentur. Dort wird geprüft, ob Mindestlohn und Arbeitszeit beim in Frage kommenden Minijob eingehalten werden. „Warum kann das nicht von der Ausländerbehörde direkt gemacht werden?“, fragt Reinecker. Zumal diese Behörde in Filderstadt sehr gut arbeite. Trotz des Umwegs über Nürnberg sei der Bescheid immerhin nach 14 Tagen beim Flüchtling. „Es gibt aber auch Ausländerbehörden, bei denen das viel länger dauert“, sagt der pensionierte Lehrer. Er kenne einen Fall, bei dem ein Landwirt Saisonarbeiter für die Ernte gesucht habe. Der Bescheid für die interessierten Flüchtlinge sei allerdings erst im Dezember eingetroffen.

Reinecker wäre froh, wenn die Ehrenamtlichen bei der Betreuung von Flüchtlingen noch mehr entlastet würden. Wenn die Flüchtlinge aus der Sammelunterkunft ausziehen müssen, weil sie entweder zwei Jahre in Deutschland sind oder aber ihre Anerkennung bekommen haben, werde die Stadt für die Betreuung zuständig. Bei der Stadt gebe es aber für all diese Flüchtlinge in der Anschlussunterbringung nur einen Sozialarbeiter. Deshalb müssten die Ehrenamtlichen immer wieder einspringen.

Sozialarbeiter kümmert sich um Kernthemen

Der stellvertretende Leiter des Ordnungsamts, Jan-Stefan Blessing, zuständig für diesen Sozialbereich, sagt, der städtische Sozialarbeiter kümmere sich vor allem um die anstehenden Kernthemen – die finanzielle Unterstützung, den Familiennachzug oder Traumatisierungen. „Wir sind froh, dass die Ehrenamtlichen uns tatkräftig unterstützen“, sagt er. Im März werde ein weiterer Sozialarbeiter eingestellt. Dann kommen aber auch nach und nach drei zusätzliche städtische Flüchtlingsheime auf dem Festplatz Bonlanden sowie an der Weidacher und La Souterrainer Straße in Bernhausen dazu.

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