Der Internist Markus Ebel leitet die Notaufnahme der Filderklinik. Er weiß, wer dort richtig ist – und wer nicht. Foto: Caroline Holowiecki

Um den Patientenandrang zu bewältigen, fordert der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung eine Gebühr für die Notaufnahme. Ist das wirklich nötig? Ein Internist aus der Filderklinik hat Erstaunliches zu berichten.

Filderstadt - Als Leiter der Notaufnahme in der Filderklinik sieht Markus Ebel viel. Brüche, Herzinfarkte, Schlaganfälle. Zwei Chirurgen und ein Internist, wie er einer ist, nehmen tagsüber Patienten mit schweren Verletzungen und Erkrankungen in Empfang, je ein Kollege aus der Kinder- und der Frauenheilkunde ist auf Abruf. Immer häufiger hat es das Team aber mit ihnen zu tun: Menschen mit Spreißeln in den Fingern, Insektenstichen, mit Blasenentzündungen, blauen Flecken. „Es kommen welche, die sagen, sie hätten einen Tag lang keinen Stuhlgang gehabt“, so der Mediziner. Menschen, die tatsächlich keine Notfälle sind.

Landauf, landab sind Notaufnahmen überfüllt und Wartezeiten lang. Der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, hat jüngst mit der Forderung nach einer Gebühr, um überflüssige Besuche abzuwenden, aufhorchen lassen. „Eine finanzielle Steuerung wäre genau der Hebel, der helfen würde. In vielen anderen Ländern Europas ist so etwas längst üblich“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Ziel müsse sein, dass nur noch diejenigen in den Notaufnahmen säßen, die später auch stationär behandelt werden müssten. „Wenn sich bestimmte Patienten dem Angebot der niedergelassenen Ärzte dauerhaft entziehen und das System nach Gusto nutzen, wie es ihnen gerade einfällt, muss das finanzielle Sanktionen nach sich ziehen.“

Wortgefechte, wenn echte Notfälle vorgezogen werden

2007 sind im Schnitt 48 Personen pro Tag in die Filderstädter Notaufnahme gekommen, heute sind es bis zu 120. „Wir haben viele, die zum Hausarzt könnten“, stellt Markus Ebel klar. Die Gründe, warum sie doch bei ihm aufschlagen, sind vielschichtig. Einer ist „Prof. Dr. Google“. Das Internet mache bisweilen hysterisch, hinzu komme, dass viele Menschen Symptome nicht mehr deuten könnten. „Eltern mit kleinen Kindern können nicht mehr mit Fieber umgehen, sie werden panisch“, sagt er. Überbesorgte hier, Hypochonder dort, und dann sind da noch die Ungeduldigen. Thomas Breitkreuz, der Ärztliche Direktor der Filderklinik, betont: „Es gibt Patienten, die sagen, dass sie beim Hausarzt so lang warten müssen. Oder: Ich bin berufstätig und kann erst nach 18.30 Uhr.“ Dabei ist in Markus Ebels Augen der Andrang nicht das Hauptproblem: „Alle wollen mit ihren Anliegen schnellstmöglich behandelt werden.“ Er spricht von einer Internetmentalität: Lieferung per Knopfdruck. Der 58-Jährige berichtet von Wortgefechten, wenn echte Notfälle vorgezogen werden. Oft schaukle sich die Wut einzelner in einer Gruppendynamik hoch, durch Diskussionen mit den Störern verzögern sich Wartezeiten noch mehr. „Da packt mich die Wut“, bekennt er. Dabei ist gerade in der Filderklinik die richtige Anlaufstelle nur wenige Meter entfernt. Einen Stock tiefer ist die Notfallpraxis, eine Einrichtung der niedergelassenen Ärzte im Fildergebiet, die freitags, vor Feiertagen sowie an Wochenenden besetzt ist, wenn der Hausarzt Feierabend hat.

Die Extrapatienten sind nicht mal lukrativ

Lukrativ sind die Extrapatienten in der Notaufnahme auch nicht. Die Abklärungspauschale – tagsüber 4,74 Euro, nachts 8,42 Euro – bekommt die Klinik von den Kassen, wenn eine Schwester die Person im Ersteinschätzungsverfahren begutachtet, eine Dringlichkeit festlegt und dann ein Arzt abermals nachschaut und schließlich entscheidet, dass der Patient am nächsten Tag zum Hausarzt gehen soll. Wird doch behandelt, erhält das Krankenhaus laut Markus Ebel im Schnitt 30 Euro. Dabei fielen durchschnittlich 120 Euro an. „Der Gesetzgeber lässt uns allein“, findet er.

Ob eine Gebühr tatsächlich etwas bringen würde, Markus Ebel ist gespalten. Zwar betont er, dass mit dem Wegfall der Praxisgebühren Ende 2012 die Zahl der Patienten gestiegen sei, allerdings befürchtet er, dass finanziell Schwache bei hohen Kosten möglicherweise nicht kämen, obwohl es nötig wäre. Thomas Breitkreuz stellt nämlich klar: „Es gibt viele echte Notfälle, bei denen man sagt: Gut, dass Sie sofort gekommen sind.“ Stattdessen würde Markus Ebel vor jedem Krankenhaus eine dauerhaft besetzte hausärztliche Notfallpraxis vorschweben, die eine Pfortenfunktion erfüllt. Der Arzt betont: Medizin-Laien, die auch mal aus falscher Sorge in die Notaufnahme kommen, nimmt er das nicht übel. „Das Einzige, worum ich die Leute bitte: Haben Sie Geduld.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: