Filderdialog Scharfe Kritik an Moderator Weitz

Von Konstantin Schwarz 

Start am Samstag mit 67 statt den gewünschten 80 Bürgern – Bahn hat definitiv zugesagt.

Stuttgart - Über das Wochenende trudelten im Staatsministerium von Winfried Kretschmann (Grüne) weitere Anmeldungen von Bürgern zur insgesamt dreitägigen Debatte über den Anschluss des Flughafens an das Projekt Stuttgart 21 ein. 4500 Menschen hatte Gisela Erler, 66-jährige Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung, im zweiten Anlauf angeschrieben. Bis Montagnachmittag sagten 62 zu. Zusammen mit den fünf aus der ersten Werbe-Aktion ergibt das jetzt 67 Bürger, die auch am 29. Juni und 7. Juli in Kleingruppen über den vertrackten Filder-Anschluss reden wollen. 80 waren gewünscht.

„Ich bin froh über die neuen Zahlen“, gestand Erler am Montag am Rande einer Pressekonferenz im Landtag. „Wir haben ja viel Spott bekommen, weil sich zuerst nicht viele gemeldet haben.“ Man habe daraus gelernt. In der Vorwoche waren nur knapp 40 Anmeldungen eingegangen. Das Demokratie-Experiment der Grünen stand auf der Kippe. Selbst die Bahn als Bauträger hatte ihren Rückzug erwogen. Kretschmann und Erler wären damit bundesweit blamiert gewesen. Am Montag gab der Stuttgart-21-Projektsprecher Wolfgang Dietrich die Zusage: „Wir sind bereit, an der Veranstaltung teilzunehmen, wenn alle Projektpartner mitmachen.“ Das sind die Stuttgart-21-Mitzahler Stadt und Verband Region Stuttgart, die Landesregierung und der Flughafen. Sie haben ihre Teilnahme nie infrage gestellt.

„Ich gehe nicht davon aus, dass Steffen Siegel dem Dialog fern bleibt“

Ob die Schutzgemeinschaft Filder am Dialog teilnimmt, ist noch unklar. Sie opponiert heftig gegen die geplante Umlenkung der heute direkt zum Hauptbahnhof führenden Gäubahn auf die S-Bahn-Gleise zum Flughafen. „Ich gehe nicht davon aus, dass Steffen Siegel dem Dialog fern bleibt“, sagte Erler unserer Zeitung. Der Sprecher der Schutzgemeinschaft hatte sich vergangene Woche bei dem Dialog-Moderator Ludwig Weitz verärgert in den Urlaub abgemeldet. Siegel kritisiert das Verfahren. Die Grünen-Regionalrätin Ingrid Grischtschenko als wichtiges Mitglied der Schutzgemeinschaft will Siegel überzeugen. Sie wolle „alles ­daransetzen, dass es zum Dialog kommt“.

Andere wie die CDU-Kreisvorsitzende Ilona Koch aus Leinfelden-Echterdingen haben die Veranstaltung abgehakt. In der Kommune, die von den Bahn-Plänen Hauptbetroffene ist, weil auf den S-Bahn-Gleisen ein Mischverkehr mit IC- und Regionalzügen entsteht, diskutiert ein Arbeitskreis alternative Lösungen. „Die Dialog-Veranstaltung ist das falsche Instrument“, sagt Koch. Die Arbeitsgruppe sei weiter, als die Dialog-Veranstaltung kommen könne. Sie habe kein Vertrauen mehr zum Moderator Ludwig Weitz, begründet Koch ihren Ausstieg aus der Spurgruppe, die den Dialog vorbespricht. Die Großveranstaltung sei „dilletantisch vorbereitet, Herr Weitz ist beratungsresistent“, sagt Koch. Bei der Bahn registriert Koch dagegen „Beweglichkeit“. Die Bahn will neben der von ihr favorisierten Trasse, also der S-Bahn-Mitnutzung und einem neuen Fernbahnhof am Flughafen sechs weitere zeigen, die sie allerdings intern längst ausgeschlossen hat.

Wie weit reicht die Kompromissbereitschaft der Bahn beim Filder-Anschluss?

Die sieben Planungsalternativen sollen am Samstag von der Firma Intraplan aus München vorgestellt werden. Projektgegner hätten den ehemaligen Schweizer Bahn-Chef Benedikt Weibel für die Präsentation bevorzugt. Der Bahn-Konzernbevollmächtigte Eckart Fricke sagte diesem nach einer Sitzung der Spurgruppe ab. Intraplan, so Fricke, habe „das Kriterium der Unbefangenheit genauso erfüllt“. Nach der Vorstellung sollen Initiativen am Samstag kurz die Möglichkeit erhalten, ihre alternativen Vorstellungen vor dem insgesamt maximal 163 Menschen zählenden Plenum zu erläutern. Neben 80 zufällig ausgewählten Bürgern werden 83 Vertreter der betroffenen Städte, der Projektpartner und Pro- und Contra-Initiativen im Saal sein.

Wie weit die Kompromissbereitschaft der Bahn beim Filder-Anschluss reicht, darüber gehen die Meinungen auseinander. Erler betont, die von Weitz vorgesehene Diskussion in Kleingruppen könne neue Ideen bringen. „Dieses Verfahren ist bewusst gewählt worden“, sagt Erler, damit solle „die ewige Frontenbildung im Ja-Nein-Modus überwunden werden“. Alle hätten in den letzten Jahren „genügend Fensterreden zu Stuttgart 21 gehört“. Jede große öffentliche Saalschlacht werde daher zu einem „neuen Schauzirkus, bei dem sich die Menschen nicht mehr bewegen“. Dem Moderator Weitz kommt bei der Kleingruppenarbeit die zentrale Rolle zu. Er will von Tisch zu Tisch gehen, um Argumente zu sammeln, zu bündeln und dann einen Vorschlag zu machen.

Nachdem die Latte schon in der Vorbereitung des Filder-Dialogs fast gerissen wurde, schraubt Erler ihre Erwartungen herunter: „Ich messe den Erfolg nicht nur daran, dass die ganz große Veränderungslösung raus kommt. Für mich ist auch ein neues Diskussionsklima und ein wiedergewonnener ­Respekt der Bürger zu unterschiedlichen Positionen ein ganz vorrangiges Anliegen.“

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