Trudl und Lucas Kauschinger am S-Bahn-Gleis vor ihrem Haus am Schützenweg in Leinfelden: Sie wehren sich dagegen, dass hier künftig auch IC-Züge vorbeirauschen sollen. Foto: Max Kovalenko

Widerstand gegen S-21-Fildertrasse gibt es vor allem in Leinfelden, wo viele Bürger an Gleisen wohnen.

Leinfelden-Echterdingen - Auf den Fildern kehrt keine Ruhe ein. Nach dem erfolglosen Widerstand gegen die Messe und dem erfolgreichen gegen eine zweite Startbahn drohen Leinfelden-Echterdingen jetzt IC-Züge quer durch die Stadt. Um das zu verhindern, wurde bereits vor 15 Jahren der Verein Lebenswertes LE gegründet.

Jeden Donnerstag, pünktlich um 19 Uhr, wird es in Leinfelden laut: Auf dem Neuen Markt machen dann rund 50 Gegner des Bahnprojekts S 21 mit Tröten und Trillerpfeifen ihrem Unmut Luft. Seit August 2010, dem ersten Schwabenstreich an dieser Stelle, ist die Zahl der Teilnehmer mehr oder weniger konstant. Daran hat auch die Volksabstimmung nichts geändert. Am kleinsten war die Gruppe mit rund 20 Leuten beim ersten Mal. Jetzt, bei der 95. Auflage, sind die Reihen dichter. Und gleich 400 Demonstranten auf einen Streich konnte Winfried Kretschmann mobil machen, der sich auch einmal am Schwabenstreich in Leinfelden beteiligte.

Fast immer dabei ist Altstadtrat Thomas Rommel – ein Mann mit FDP-Parteibuch. Ihm geht es um sein Eigenheim, das er vor Jahrzehnten an der Goethestraße in Leinfelden gebaut hat. Rommel trat schon beim Bau der S-Bahn auf den Plan. In den 1980er ­Jahren gründete er mit seiner Frau und neun weiteren Familien eine Bürgerinitiative gegen den Bau der Bahntrasse an seiner Grundstücksgrenze. Er klagte gegen die Bahn mit dem Ziel, eine Überdeckelung des Abschnitts zu erreichen. Damit ist Rommel gescheitert, doch hat seine Klage die ­S-Bahn-Einweihung um rund drei Jahre verzögert. So wurde erst am 18. April 1993 auch auf den Fildern schließlich das ­S-Bahn-Zeitalter eingeläutet.

In Echterdingen verläuft die Trasse meist im Tunnel

Damals ahnte Rommel noch nicht, dass es womöglich nicht bei der ­S-Bahn an seinem Gartenzaun bleibt. Und dass er noch einmal gegen noch mehr Zugverkehr würde vorgehen müssen. Jetzt drohen dem Pensionär auf den Schienen hinter seinem Haus ­IC-Fernzüge. Mit seinen Sorgen ist Rommel nicht allein: Die S-Bahn wurde damals quer durch die Wohngebiete in Leinfelden und Echterdingen geführt. Allerdings ist der Stadtteil Echterdingen gegenüber dem Stadtteil Leinfelden im Vorteil: Dort ­verläuft die Trasse meist im Tunnel, ­während die Gleise in Leinfelden und Oberaichen vor allem oberirdisch oder in offenen Gräben liegen.

Direkt an den Schienen wohnen auch Trudl und Lucas Kauschinger. Ihr Dreifamilienhaus am Schützenweg 12 haben sie 1961 gebaut – an der historischen Filderbahn­strecke. „Da verkehrte noch ein Zugpaar täglich“, erinnert sich die 76-Jährige – „morgens um 10 und abends um 17 Uhr.“ Spannend sei das immer gewesen, „vor allem für die Kinder“. Ihr Mann Lucas, 84 ­Jahre alt, zieht einen Ordner hervor mit der Korrespondenz, die er mit der Bahn geführt hat, als dort die S-Bahn geplant war. Doch aus ihrer Enttäuschung machen die ­Kauschingers keinen Hehl. Im Rahmen eines Beweissicherungsverfahrens wurde der ­Zustand ihres Hauses vor dem S-Bahn-Bau dokumentiert. Nach dem Bau ließ die Bahn die betroffenen Häuser begutachten. Doch das Ergebnis blieb unter Verschluss. „Wir haben es auf Umwegen dann doch erhalten“, sagt Trudl Kauschinger. Genutzt hat das nichts: Die entstandenen Risse in Mauern und Bodenfliesen wurden ignoriert: „Wir haben bis heute nichts erstattet bekommen.“

„Wir erwägen auch eine Klage“

Jetzt fürchtet das Ehepaar weiteren Ärger und durch den Lärm der IC-Züge einen Wertverlust seiner Immobilie. „Wir wollen den Kindern doch den Wert erhalten“, sagen sie und sehen es kommen, dass ihre Mieter ausziehen, wenn nun auch noch Schnellzüge am Garten vorbeirollen. Weil vor 50 Jahren niemand wusste, dass am Schützenweg einmal die S-Bahn fahren würde und vor 20 Jahren noch niemand an IC-Züge dachte, schließen die beiden auch nicht aus, dass eines Tages auch Güterzüge vorbeidonnern – eine Horrorvorstellung. Deshalb gehören beide seit der ersten Stunde zum Widerstand gegen das Bahnprojekt: „Uns hat vor allem die Sturheit bei der Bahn gestört und dass man an niemanden rankommt“, sagt sie. „Wir werden Einspruch einlegen, soweit es geht, und erwägen auch eine Klage“, sagt ­Lucas Kauschinger. Das klingt fast ein bisschen trotzig – doch im Grunde fühlt sich ­Lucas Kauschinger ohnmächtig gegenüber der Macht der Bahn.

Mit jedem Meter Entfernung von der Bahn-Trasse nimmt die persönliche Betroffenheit der Bürger ab. In der Nachbarstadt Filderstadt interessiert das Thema Fernzüge durchs Wohngebiet herzlich wenig. Mit­reden wollen Verwaltung und Gemeinderat dennoch, weil auch dort droht, dass der ­S-Bahn-Takt durch Fernzüge ausgedünnt werden könnte. OB Gabriele Dönig­Poppensieker hat durchgesetzt, dass sechs Filderstädter am Filder-Dialog teilnehmen dürfen. Zunächst vorgesehen waren null – das hat den Gemeinderat verärgert.

Das Ergebnis der Volksabstimmung hat die besondere Situation Leinfelden-Echterdingens dokumentiert: Während in Filderstadt und Ostfildern rund 59 Prozent für S 21 stimmten, waren es in Leinfelden-Echterdingen nur 49. Damit hätten die Projektgegner dort um ein Haar sogar das Quorum erreicht: Bei 33,26 Prozent der Stimmen ­aller Wahlberechtigten fehlten nur hauchdünne 0,04 Prozent.

Widerstand gegen den Fernzugbetrieb auf dem S-Bahn-Gleis

Ihre letzte Hoffnung setzen die Schienenanrainer jetzt auf den Filder-Dialog. Der Verein Lebenswertes LE fordert seit 15 Jahren eine Alternativtrasse. Claudia Moosmann hat ihn damals gegründet, weil sie als eine der Ersten in LE erkannte, dass Stuttgart 21 mehr bedeutet als ein Durchgangsbahnhof im Talkessel. Bereits im Gründungsjahr wirbelte die nimmermüde, in mehreren Vereinen engagierte Bürgerin und sammelte Protestunterschriften von 30 Prozent aller Wahlberechtigten in der Großen Kreisstadt – 7200 kamen 1997 zusammen.

Rund 100 Mitglieder gehören damals wie heute dem Verein an, darauf ist Moosmann stolz. Die Pro-Stuttgart-21-Bewegung, das von der CDU-Stadtverbandsvorsitzenden Ilona Koch angeführte Bündnis LE, kann da mit etwa 25 nichtorganisierten Mitgliedern nicht mithalten. Doch Moosmann räumt ein: „Auch in Leinfelden-Echterdingen ist eine Mehrheit dafür, dass der Tiefbahnhof in Stuttgart weitergebaut wird.“ Der Widerstand richte sich gegen den Fernzugbetrieb auf dem S-Bahn-Gleis.

In diesem Punkt hat die Volksabstimmung die Kontrahenten zusammengeführt. Jetzt wollen auch jene, die für das Bahnprojekt sind, verhindern, dass Fernzüge quer durch Leinfelden-Echterdingen fahren. Sie fürchten, dass der Nahverkehr um ein Drittel ausgedünnt werden müsste. 2005 versuchte der Gemeinderat noch einen Coup, um von den Plänen der Bahn zu profitieren. Doch der Vorstoß, einen Fernverkehrshalt in Leinfelden zu bekommen, hat keine Chance, realisiert zu werden. Resigniert wird aber noch nicht. „Ich kann mir vorstellen, dass das Land uns hilft, Murks auf den Fildern zu verhindern“, hat sich der bekennende S-21-Befürworter OB Roland Klenk (CDU) geäußert. Es sei nicht ganz chancenlos, Verbesserungen durchzusetzen. Sehr optimistisch klingt das aber nicht.

Ziel der Stadt bleibe eine Alternativtrasse

Überhaupt hält sich Klenk in der ganzen Debatte auffällig zurück. Seine Haltung – pro beim Gesamtprojekt, contra zu der Planung in der eigenen Stadt – stößt vielfach auf Unverständnis. Viele Bürger erwarten von Klenk, dass er auf die Linie von Verkehrsminister Hermann einschwenkt, der für Fernzüge aus dem Süden einen Stopp in Stuttgart-Vaihingen schaffen will. Von dort sollen Flughafen und Messe mit der S-Bahn erreicht werden.

Vor wenigen Tagen ist Klenk tatsächlich über seinen Schatten gesprungen: Er halte es für dringend empfehlenswert, den Impuls von Verkehrsminister Hermann sehr ernsthaft zu beleuchten. Man müsse davon ausgehen, dass die für LE optimale Trasse entlang der Autobahn wenig Chancen auf Verwirklichung habe. Dann würde Hermanns Alternative „ganz wesentlich die Sorgen unserer Bürgerschaft wegen zusätzlichen Lärms und Erschütterungen durch die Fernzüge mindern“. Und die Probleme aus dem geplanten Mischverkehr seien damit vom Tisch.

Im Filder-Dialog bleibt Klenk lieber im Hintergrund und schickt seinen Baudezernenten Frank Otte und den Leiter der Stabsstelle für Grundsatzangelegenheiten Klaus Peter Wagner in die Verhandlungen. Wagner sieht für Leinfelden-Echterdingen kaum Vorteile durch den Vorschlag des grünen Verkehrsministers: „Dann gibt es statt der Fernzüge mehr S-Bahn-Züge, aber nicht weniger Lärm und Erschütterungen.“ Ziel der Stadt bleibe eine Alternativtrasse, die wenig landwirtschaftliche Fläche verschlinge. Minimallösung seien Maßnahmen gegen Lärm und Erschütterung an der S-Bahn-Strecke. Dem schließt sich das Bündnis LE vorbehaltlos an.

„Wir genehmigen das nur noch, wenn auf Veranstaltungen hingewiesen wird“

Das defensive und zeitweise nicht eindeutige Vorgehen der Stadt führte vor zwei Jahren zu einem Eklat und Funkstille zwischen der Verwaltung und dem Verein Lebenswertes LE. Der hatte 1000 Euro in fünf neue großformatige Banner mit der Aufschrift „Kein IC durch LE“ investiert. Solche Transparente schmückten zwar seit Jahren Brückengeländer und Hausfassaden, doch plötzlich wurden sie untersagt. „Wir genehmigen das nur noch, wenn auf Veranstaltungen hingewiesen wird“, teilte die Verwaltung mit. Claudia Moosmann fand das fadenscheinig: Der OB sei S-21-Befürworter und deshalb gegen die Transparente.

Rückenwind bekommt der Widerstand durch die Schutzgemeinschaft Filder. Der Vorsitzende Steffen Siegel hat sich schon früh gegen S 21 gewandt, was die rund 800-köpfige Bürgerinitiative prompt ein paar Mitglieder gekostet hat. Die große Mehrheit aber unterstützt diesen Kurs. Dagegen wirbt Flughafen-Direktor Georg Fundel für den Fernbahnhof beim Airport, der die rund 250.000 Bürger auf der Filderebene schneller ans überörtliche Netz anschließen würde. Wie bei der Messe werde LE erheblich profitieren. Durchgesetzt hat sich diese Sicht­weise dort bisher jedoch nur bei wenigen.

Die vier S-21-Varianten sehen Sie unter www.stn.de/filderdialog.

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