Die Filderbahnstraße wird derzeit regelrecht umgepflügt. Später wird sie von Bäumen gesäumt und mit breiteren Gehwegen ausgestattet sein. Foto: Kathrin Wesely

Die Filderbahnstraße wird derzeit in einen Boulevard verwandelt. Seit Sommer wird daran gearbeitet. Einige Geschäftsleute befürchten Umsatzeinbußen. Andere freuen sich auf die künftige Flaniermeile.

Möhringen - Unter Kreischen senkt sich die Diamantscheibe rotierend in den Asphalt. Die Arbeiter schützen sich mit faustgroßen Ohrenschonern und verständigen sich per Handzeichen. Seit fünf Monaten wird an der Filderbahnstraße in Möhringen gebaut. Die Anrainer müssen seither Lärm und Schmutz ertragen, und mancher Geschäftsinhaber klagt, dass die Kundschaft ausbleibe. Erst verlegte der Verteilnetzbetreiber Netze BW neue Leitungen, dann rückte die Baufirma an, deren Arbeiter die Filderbahnstraße in einen Boulevard verwandeln sollen. Die Gehwege werden breiter, was bei der Fahrbahn abgezwackt wird, die dann nur noch sechs Meter breit sein wird. Elf neue Bäume werden zwischen Straße und Trottoir gepflanzt, und ein paar Sitzbänke werden hinzugruppiert; der übrige Straßenrand wird als Parkfläche ausgezeichnet. Insgesamt wird es weniger Parkplätze geben als vorher. Dafür wird es gemütlicher, die Geschwindigkeit auf 30 Kilometer pro Stunde herabgedimmt. Die Kreuzungen werden barrierefrei gestaltet, indem Bordsteine abgesenkt und Blindenleitsysteme eingerichtet werden. Auch die Beleuchtung des Boulevards wird neu gemacht. Die Gesamtkosten liegen bei 1,5 Millionen Euro. Die Kommune rechnet damit, dass im Frühjahr alles fertig ist.

Kundschaft kann nicht parken

Die Arbeiter sind jetzt auf der Höhe vom Hotel Lindenhof angelangt. Der Hotelchef Walter Schweizer hat derzeit Lärm und Dreck direkt vor der Eingangstür zum Restaurant, zuckt aber nur mit den Schultern: „Ich freue mich schon drauf, wenn es fertig ist. Breite Gehwege, Bäume – das wird richtig schön.“ Mit den Bauarbeitern pflege er ein gutes Verhältnis. Er hat den Männern auch schon Kaffee rausgebracht. Die Kundschaft lasse sich durch die Baustelle nicht schrecken: „Achtzig Prozent sind Stammgäste, die kommen so oder so.“ Auch der Mittagstisch im Hotelrestaurant sei weiterhin gut besucht – gern von älteren Gästen, die allein leben und die schwäbische Küche schätzen. Wenn Parkplätze wegfallen, kümmert das Schweizer ebenfalls wenig, er hat eigene Stellplätze für die Gäste.

Valeria Ranaldi vom Schuhgeschäft Wolf sieht das nicht so gelassen. Die Baustelle vor ihrem Laden schrecke die Kundschaft ab. Im Schaufenster wirbt die Geschäftsfrau großflächig mit „Baustellenrabatt“. Zwar habe sie die vergangenen Monate noch nicht konkret bilanziert, „aber wir merken schon deutlich, dass weniger Leute in den Laden kommen“. Ihre Mutter und Geschäftsinhaberin, Ulrike Ranaldi, glaubt auch nicht, dass sie von der Verschönerung der Filderbahnstraße profitieren wird, weil die Kundschaft dann nicht mehr vor dem Laden parken kann. „Aber die Baustelle ist bloß das i-Dipfele.“ Längst habe ein Abwärtstrend in Möhringen eingesetzt. Schon der Wegzug des Drogeriemarktes an der Ecke vis à vis habe sich auf die Geschäfte in der Umgebung negativ ausgewirkt. „Der hat viele Kundinnen angezogen, die dann eben noch in andere Läden gegangen sind.“ Jetzt ist dort ein Matratzengeschäft. „Der Branchenmix spielt eine entscheidende Rolle, weil die Kunden unterschiedliche Dinge und Erledigungen verbinden wollen. In Degerloch zum Beispiel funktioniert es sehr gut, da fahren die Leute extra hin zum Einkaufen. Aber hier fehlen Läden des täglichen Bedarfs. Der Trend geht in Möhringen abwärts.“

Zu wenig attraktive Geschäfte

Ein so finsteres Bild mag Katharina Beinl nicht zeichnen, die in „Kate’s Room“ Designgegenstände für den Alltag anbietet. Beinl befürchtet zwar ebenfalls, dass der Wegfall von Parkplätzen negative Folgen für ihre Bilanz haben könnte. Allerdings räumt die Ladeninhaberin ein, könnte es auch umgekehrt sein, dass eine ruhigere, grünere Filderbahnstraße mehr Menschen anlockt. „Es gibt hier allerdings zu wenig attraktive Geschäfte, um richtig Flanieren zu können. Es bräuchte ein paar Läden mehr.“

Den Wegfall von Haltemöglichkeiten sieht man auch in der Apotheke Linda mit Sorge, weil alte und kranke Kunden, die nur rasch ein Rezept abholen wollen, gerne direkt vor dem Haus parken. Dennis Granziera von der Eisdiele Cortina gegenüber bangt ebenfalls um seine Autokundschaft. „Viele kommen hergefahren, um Eis mitzunehmen.“ Unbehagen bereitet ihm auch der Lieferverkehr: „Die Lastwagen halten jetzt alle auf der Straße. Das wird wahrscheinlich auch nicht besser, wenn dann auch noch Bäume, Radständer und Bänke an der Straße stehen. Aber schöner wird es an der Straße bestimmt.“

Im Lauf der Woche werde die Baustelle von der einen Straßenseite auf die andere verlegt, gibt das Bauamt zur Auskunft. Bis Ende des Monats soll der untere Abschnitt komplett fertiggestellt sein, das sei mit den Geschäftsleuten an der Straße so vereinbart, damit man deren Weihnachtsgeschäft nicht verderbe. Die Arbeiten sollen erst wieder im Frühjahr fortgesetzt werden. Spätestens Ende Mai kommenden Jahres sei der neue Boulevard dann flanierbar.

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