Filder Warum die Rettung im Notfall aus der Dose kommt

Von Leonie Schüler 

Detlef Graf von Schlieben aus Bonlanden setzt sich für die Einführung einer Notfalldose ein. Foto: Leonie Schüler
Detlef Graf von Schlieben aus Bonlanden setzt sich für die Einführung einer Notfalldose ein. Foto: Leonie Schüler

Damit Sanitäter schnell Infos über Patienten bekommen, sollen Angaben über Vorerkrankungen bald in eine kleine Plastikdose gepackt werden. Und die findet sich an einem Ort, an dem man eigentlich zuletzt suchen würde.

Filder - Eier, Milch, Senf und Gemüse – der Kühlschrank von Detlef Graf von Schlieben ist gut gefüllt. Und dennoch vermisst der Mann aus Bonlanden darin etwas schmerzlich: eine Notfall-Dose, auch SOS- oder Rettungsdose genannt. Freunde aus Kiel haben dem 85-Jährigen davon erzählt, und nun setzt er sich dafür ein, dass solche Dosen auch in Filderstadt eingeführt werden.

Was genau ist eine Notfall-Dose? Das zehn Zentimeter hohe Gefäß ist dafür da, Sanitäter im Falle eines Notfalls über den Patienten zu informieren. Auf einem Datenblatt erfahren sie mit einem Blick, welche Medikamente er einnimmt, ob er Vorerkrankungen wie Herzprobleme oder Diabetes hat und ob es Unverträglichkeiten gibt. Damit der Notarzt die Dose schnell findet, wird sie in der Kühlschranktür deponiert. Aber nicht, weil das Gefäß kühl gelagert werden müsste – Medikamente gehören nämlich nicht hinein –, sondern der Grund ist ein ganz anderer: „Einen Kühlschrank hat jeder, und eine Küche ist immer leicht zu finden“, sagt Nico Vollbert, der eine Variante der Notfall-Dose in Bremen produziert. „Außerdem dürfen Retter einen Kühlschrank ohne Zustimmung des Hausherren öffnen. Schränke und Taschen dürfen sie nicht ohne Weiteres durchwühlen.“ Um den Sanitätern einen Hinweis zu geben, wird ein Aufkleber an der Innenseite der Eingangstüre sowie am Kühlschrank angebracht.

Es steigert das Sicherheitsgefühl

Detlef Graf von Schlieben ist vom Prinzip der Notfall-Dose, die in England erfunden wurde und dort weit verbreitet ist, überzeugt: „Das ist so eine simple Dose, aber sie kann so nützlich sein. Im Notfall zählt jede Minute.“ Von Schlieben selbst lebt alleine und muss nach einem Schlaganfall blutverdünnende Medikamente nehmen. Eine Rettungsdose würde ihm ein sicheres Gefühl geben, sagt er. „Denn selbst, wenn Verwandte da sind, wissen die in der Aufregung ja nicht, wo meine Unterlagen sind und welche Medikamente ich nehme.“

Die Dose samt Infoblatt Foto: Leonie Schüler

In der Apotheke seines Vertrauens verneinte man von Schliebens Anfrage, ob solche Dosen im Sortiment geführt werden. Der Senior wandte sich daraufhin an die Stadtverwaltung Filderstadt mit der Bitte, sich für die Einführung des kleinen Rettungshelfers stark zu machen. Auf Nachfrage unserer Zeitung versichert Jens Theobaldt vom Amt für Familien, Schulen und Vereine, dass man mit den Ortsverbänden des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im Gespräch darüber sei, wie eine Umsetzung in Filderstadt möglich wäre. „Unsere Haltung ist klar: Wir sehen es grundsätzlich positiv, wenn man das einführen könnte. Es steigert das Sicherheitsgefühl und kann wirklich helfen.“ Nun müsse geklärt werden, ob sich die Stadt finanziell beteilige und auf welchem Weg die Dosen unter die Leute gebracht werden können – etwa über die Bürgerämter und Apotheken.

Gerade bei bewusstlosen Patienten ist es sehr hilfreich

Träger des Projekts wird voraussichtlich das DRK sein. Dort begrüßt man die Idee. „Die Abläufe der Folgehilfe könnten dadurch deutlich schneller ablaufen“, sagt Gunter Wagner, Sprecher der DRK-Ortsvereine in Filderstadt. Es wäre ein einheitliches Prinzip für Hilfskräfte aller Art – also nicht nur für Notärzte, sondern auch für Pflegekräfte, Polizei oder Feuerwehr. Beim jüngsten Treffen aller fünf Ortsvereine hätten sich alle dafür ausgesprochen, die Notfallhilfe in Filderstadt einzuführen. „Wir hoffen, dass wir die Dose im September zum Welt-Erste-Hilfe-Tag auf Märkten und mit Flyern vorstellen können“, sagt er. Ob jemand die Dose in seinen Kühlschrank stellt oder nicht, sei natürlich freiwillig.

Auch in Leinfelden-Echterdingen wird daran gearbeitet, eine Unfalldose einzuführen. Eine Servicegruppe des Stadtseniorenrats hat die Idee in die Stadtverwaltung hineingetragen, die bei Oberbürgermeister Roland Klenk „auf fruchtbaren Boden fällt“, wie er sagt. Denn: „Es ist ein sehr einfacher und eleganter Weg, die Voraussetzung einer Rettung zu verbessern.“ Derzeit würden Gespräche mit dem DRK geführt, „mit dem Ziel, gemeinsam ein Angebot zu machen“, sagt Klenk. Da die Einführung gut vorbereitet werden müsse, werde es voraussichtlich noch bis Frühjahr 2019 dauern. Ein Beitrag der Stadt könne sein, bei der Werbung zu helfen, auch finanzielle Unterstützung des Projekts sei denkbar.

Jan Polzin vom DRK-Ortsverein L.-E. würde die Anschaffung der Dose jedem empfehlen. „Im Rettungseinsatz gab es Situationen, wo ich mir gewünscht hätte, dass ich medizinische Infos über den Patienten gehabt hätte“, sagt er. Bei einem bewusstlosen Patienten sei für die Rettungskräfte wichtig, über Vorerkrankungen Bescheid zu wissen. Davon sei zum Beispiel abhängig, in welche Klinik ein Patient gebracht werde – etwa mit kardiologischer Abteilung.

Für Detlef Graf von Schlieben steht fest: „Wenn Filderstadt die Dose einführt, will ich der Erste sein, der sie kauft.“

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