Für das gemeinsame Singen und Beten nehmen sich die Menschen weniger Zeit. Foto: AP

Die Katholische Kirche verliert kontinuierlich Mitglieder. Nur Sankt Michael in Sillenbuch trotzt dem Trend wie ein gallisches Dorf den Römern – scheinba

Filder - Wenn Pfarrer Roland Rossnagel am Sonntag im Gottesdienst den Blick über die Bankreihen schweifen lässt, ist er zufrieden. In Sankt Michael in Sillenbuch sind die Gottesdienste gut besucht. Das sei schon seit Jahren so und auch nicht weniger geworden, sagt Reinhard Lange, der zweite Vorsitzende des Kirchengemeinderats, der die Gemeinde seit 25 Jahren kennt. Der Statistik nach müssten die Sitzplätze in den Kirchenbänken jedoch seit Jahren immer knapper werden – denn die Zahl der Gemeindemitglieder der katholischen Sillenbucher Gemeinde ist in den vergangenen Jahren konstant gestiegen.

Dies zeigen die Zahlen des kürzlich vom Statistischen Amt veröffentlichten Strukturdatenatlas der katholischen Kirchengemeinden in Stuttgart. Mit dieser positiven Bilanz steht Sankt Michael in der Stadt beinahe alleine da. Alle anderen Gemeinden verlieren kontinuierlich Mitglieder – im gesamten Stadtgebiet ist die Zahl der Katholiken seit 1990 um 20 Prozent gesunken. Die katholischen Kirchengemeinden sterben aus. Und das wortwörtlich. Denn der Altersdurchschnitt der Gemeindemitglieder steigt. Taufen gibt es immer weniger. Austritte verschlimmern die Situation.

Auch den anderen Gemeinden in den Bezirken unterm Fernsehturm, geht es nicht besser: 15,9 Prozent ihrer Mitglieder hat die Gemeinde Sankt Thomas Morus in Heumaden in den vergangenen 20 Jahren eingebüßt. Um 9,5 Prozent sank die Zahl bei Mariä Himmelfahrt in Degerloch seit 1990, 12,3 Prozent waren es bei Sankt Antonius von Padua in Plieningen.

Wie ein gallisches Dorf

Einzig Sankt Michael in Sillenbuch scheint dem allgemeinen Trend – wie ein gallisches Dorf den Römern – zu trotzen. Die Gemeinde hat seit 1990 Boden gut gemacht: Um 12,3 Prozent ist die Anzahl der Gemeindemitglieder gestiegen.

Was macht Sankt Michael anders als alle andere Gemeinden? Das fragte sich auch Reinhard Lange, als er die Statistik sah. Ein Blick in die eigenen Bücher zeigte jedoch, dass es sich nicht um ein Wunder handelt. „Im untersuchten Zeitraum entstand der Sillenbucher Markt, was einen enormen Zuzug ausgelöst hat“, erklärt Lange. Es sind also seit 1990 viele Katholiken nach Sillenbuch gezogen, die dann automatisch der Gemeinde Sankt Michael zugerechnet wurden – „ob sie nun im Gemeindeleben aktiv sind oder nicht“, sagt Reinhard Lange.

Ähnlich ließe sich auch begründen, warum die Zahl der Mitglieder von der Gemeinde Sankt Thomas Morus, die zur selben Seelsorgeeinheit gehört und von Pfarrer Rossnagel betreut wird, gesunken ist. „Das dortige Neubaugebiet Heumaden Über der Straße war bereits fertiggestellt und der Zuzug hatte sich bis zu Beginn der neunziger Jahre normalisiert“, sagt Lange. Für den allmählichen Rückgang war dann wie bei allen anderen Kirchengemeinden der demografische Wandel verantwortlich.

Demografischer Wandel ist das eigentliche Problem

Dieser ist nämlich das eigentliche Problem der Kirche. „Austritte machen uns zwar auch zu schaffen. Aber vor allem werden wir weniger und älter“, sagt Alois Schenk-Ziegler, Pfarrer der Gemeinden in Plieningen und Degerloch. Auch Untersuchungsleiter Joachim Eicken vom Statistischen Amt spricht von einem „automatischen Schrumpfungsprozess“. Ganz gleich, wie gut die Jugendarbeit einer Gemeinde sei und ob es ihr gelinge, die Zahl der Kirchenaustritte zu reduzieren, ihre Mitgliederzahl werde trotzdem kontinuierlich sinken. Der demografische Wandel sei eben nicht aufhaltbar.

Schenk-Ziegler merkt dies bereits, wenn er im Gottesdienst durch die Bankreihen blickt. Die Messen werden von Jahr zu Jahr schlechter besucht. Allein auf den demografischen Wandel sei dies aber nicht zurückzuführen. „Im Sommer ist es zu schön und zu warm, im Winter zu kalt und zu dunkel.“ Der Pfarrer kennt die gängigen Ausreden, warum viele nicht mehr zur Kirche gehen.

Der Evangelischen Kirche geht es nicht viel besser, weiß Schenk-Ziegler. Darum lautet die Lösung für die Zukunft für den Plieninger Pfarrer Ökumene. Seine Gemeinde sei beispielsweise im Asemwald schon in eine evangelische Kapelle eingemietet. Veranstaltungen organisieren die beiden Kirchen bereits gemeinsam. „Trotzdem muss jede Kirche ihre Identität behalten und braucht eigene Traditionen“, sagt er. Auch, dass langfristig Gemeinden zusammengeschlossen werden müssen, ist für den Pfarrer kein Tabu-Thema. „Es werden noch mehr ungeahnte Dinge auf uns zukommen“, ist er sich sicher.

„Wir müssen neue Wege einschlagen“

Beim Katholischen Stadtdekanat sucht man auch nach Lösungen. „Wir müssen neue Wege einschlagen“, sagt Geschäftsführer Alexander Lahl. Deshalb hat die Katholische Kirche Stuttgart im Oktober das Projekt „Aufbrechen“ gestartet, das Möglichkeiten zur Neuausrichtung für die Zukunft bringen soll. Die Katholische Kirche werde sich verändern müssen, um den Problemen Herr zu werden. Denn weniger Mitglieder bedeuten weniger Geld, was zu personellen Problemen führt. Zudem wird es in Zukunft zu viele Gotteshäuser geben.

In Sicherheit wiegen will sich auch die Gemeinde Sankt Michael nicht. Denn Reinhard Lange ist sich über eines sicher: „Das, was andere Gemeinden bereits merken, wird auf uns nur zeitverzögert zukommen“, sagt er. Der enorme Zuzug in den neunziger Jahren könne die unaufhaltbare Entwicklung nur hinauszögern. Fehlende finanzielle Zuweisungen könne man nicht ewig aus Rücklagen ausgleichen.

„Schon jetzt denken wir darüber nach, wie wir auf die Veränderungen reagieren werden, und wie wir wieder attraktiver werden“, sagt Lange. Er sei sich bewusst, dass die Katholische Kirche nach den Ereignissen der jüngsten Vergangenheit nicht den besten Ruf hat. Die Gemeinde sehe der Veränderung mit Sorge entgegen. Und Pfarrer Roland Rossnagel wird deshalb in Zukunft den Blick in den Gottesdiensten noch aufmerksamer über die Bankreihen schweifen lassen müssen.

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