Diesem freundlichen Gesellen droht Gefahr: Wenn ihn kein Krötensammler vom Asphalt rettet, dann fahren ihn Autoreifen zu Matsch. Foto: dpa

Wenn die kalten Tage vorbei sind, beginnt die Krötenwanderung in Stuttgart und Region. Naturschützer lesen sie vom Asphalt der Straßen auf, damit sie nicht überfahren werden. Doch es drohen noch vielerlei andere Gefahren.

Filder - Wenn es trotz Wintereinbruch demnächst wärmer wird und Regen fällt, dann sollten Autofahrer langsam fahren, denn die Wanderung der Amphibien beginnt. Grasfrösche, Bergmolche und Erdkröten machen sich dann auf den Weg zu den Gewässern, in denen sie geboren wurden. Auch die vielen Helfer, welche die Amphibien einsammeln, die es trotz der Krötenzäune noch auf die Fahrbahn geschafft haben, bekommen dann alle Hände voll zu tun. Ingrid Schulte ist mit fünf Mitstreiterinnen am Onstmettinger Weg unterwegs. „Die Amphibien kommen von Kaltental hoch und verharren dann in den Feldern. Früher haben wir noch rund 1000 Kröten in den Probstsee gebracht, im vergangenen Jahr waren es nur noch 200. Es werden immer weniger“, sagt sie.

Die Bestände des Grasfroschs und der Erdkröte gehen zurück

Der Diplombiologe Gerhard Pfeiffer vom Umweltverband BUND in Stuttgart bestätigt Ingrid Schultes Beobachtungen. „Es gibt deutliche Hinweise auf den Artenrückgang. Der Laubfrosch ist beispielsweise schon fast ganz verschwunden, der Kammmolch, der aussieht wie ein kleiner Saurier, hat rapide abgenommen und auch die Gelbbauchunke steht auf der Roten Liste.“ Es sei dramatisch, dass jetzt auch der Grasfrosch und die Erdkröte im Bestand zurückgingen. Man könne davon ausgehen, dass die Tiere durch das Artensterben unter den Insekten weniger Nahrung hätten. „Allerdings leiden Amphibien auch stark unter Pilzkrankheiten“, sagt der Experte. Übertragen werden sie durch Terrarientiere: „Man kann sie im Internet bestellen und viele lassen sie einfach frei, wenn sie sich nicht mehr um sie kümmern wollen. Deshalb fordern wir, dass der Internethandel mit Exoten unterbunden wird.“

Ein weiterer Grund für den Rückgang: Die Wasserstellen verlanden oder wachsen zu. „Der Laich braucht eine gewisse Wärme, damit die kleinen Frösche und Kröten zur Entwicklung kommen“, sagt der Di-plombiologe. In den Wäldern seien eine Zeit lang die von den Orkanen Wiebke und Lothar gerodeten Flächen der Gelbbauchunke zugute gekommen. Auch die Intensivierung der Landwirtschaft mit Pestiziden und Dünger sei ein wichtiger Faktor dafür dass es auf den Wiesen und in den Teichen und Weihern nicht mehr so quakt wie früher. Gerhard Pfeiffers Bilanz ist düster: „Lebensräume und Nahrungsgebiete fehlen. Die Amphibien haben die absolute Arschkarte. Man muss Sorge haben, dass sie verschwinden.“ Dies wirke sich auch auf die Vogelwelt aus: „In der Nahrungskette sind Amphibien Beute für Storche und Graureiher.“

Weitere Gefährder sind Autofahrer. „Auf dem Onstmettinger Weg, auf dem wir mit Warnjacken und Eimern unterwegs sind, sind sie gerast. Jetzt nehmen sie etwas mehr Rücksicht“, sagt Ingrid Schulte. Sie freut sich, „dass sich jetzt mehr Leute, vor allem aber Kinder, an der Rettung der Tiere beteiligen“. Wenn dennoch Not am Mann ist, bekommen die Naturschützer weitere Hilfe: „Wenn wir anrufen, kommen auch Flüchtlinge zur Rettungsaktion.“

Die inneren Organe der Kröten platzen vom Luftzug vorbeifahrender Autos

„In milden Nächten sind ab Einbruch der Dämmerung Erdkröten und teilweise auch Frösche unterwegs zum Probstsee, Riedsee oder Laichgewässern im Wald“, sagt Monika Herrmann, die stellvertretende Grünen-Bezirksbeirätin in Möhringen. Besonders morgens und abends sollten Autofahrer und Radfahrer auf wandernde Kröten achten, vor allem auf dem Onstmettinger und Ebinger Weg in Möhringen und entlang von Probst- und Riedsee, wo es – anders als in Sonnenberg – keine Schutzzäune gebe. Viele Kröten würden nicht überfahren, sondern durch den Luftzug vorbeifahrender Autos getötet. Dabei platzen bereits ab 30 Kilometer pro Stunde die inneren Organe. „Dann sitzt die Kröte äußerlich heil auf der Straße, aber sie lebt nicht mehr und die Zunge hängt aus dem Hals“, sagt Monika Herrmann.

Auch in Vaihingen ärgern sich die Amphibienschützer über Raser. „Trotz der Tempo-30-Schilder fahren viele Autofahrer 70 oder 80. Deshalb wollen wir, dass während der Krötenwanderung geblitzt wird“, sagt Rainer Späth, der mit 20 Gleichgesinnten auf der alten B 14 patrouilliert, die von Vaihingen nach Böblingen führt.

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