Für viele Tiere bedeutet das Silvester-Feuerwerk vor allem eins: Stress. Foto: imago images/blickwinkel

Für Haus- und Wildtiere bedeutet die Knallerei an Silvester eine Menge Stress und manchmal sogar den Tod. Eine Tierheimleiterin gibt Tipps, damit der Jahreswechsel für Mensch und Tier entspannt verläuft.

Stuttgart - Wenn zu Silvester an allen Ecken die Raketen und Böller hochgehen und bunte Lichtblitze durch den Nachthimmel zucken, dann beginnt für die Haus- und Wildtiere der Stress. Da sie wesentlich besser hören als Menschen, versetzt sie der Lärm der Feuerwerkskörper in Panik. Erschreckt durch den ungewohnten Lärm sind die Tiere danach oft noch tagelang verängstigt.

Bei der Tierschutzorganisation Tasso, die Europas größtes, kostenloses Haustierregister betreibt, laufen rund um den Jahreswechsel die Telefonleitungen heiß, weil Hunde und Katzen weglaufen. Am letzten Tag des Jahres 2018 und am ersten Tag in 2019 wurden allein nach der Tasso-Statistik mehr als 630 Tiere vermisst. Die Dunkelziffer dürfte noch weit höher sein, denn die Statistik erfasst nur bei Tasso registrierte Tiere.

Auffällig ist vor allem die Zahl der entlaufenen Hunde: Sind das am Tag sonst durchschnittlich etwa 100 Fälle, wurden an den beiden letzten Tagen des Jahreswechsels mindestens 416 Hunde von ihren Familien getrennt. „Wir hoffen, dass es in diesem Jahr nicht wieder so viele Fälle gibt“, sagt Tasso-Pressesprecherin Laura Simon.

Entwarnung vom Stuttgarter Tierheim und der Tiernothilfe

Nicht ganz so dramatisch fallen dagegen die Zahlen in Stuttgarts Tierheim aus. „Wir kriegen jeden Tag Fund- oder Verwahrtiere. Zum letzten Jahreswechsel waren das nicht mehr als einem normalen Tag“, sagt Tierheimleiterin Marion Wünn auf Anfrage. So kam etwa am 31. Dezember 2018 lediglich ein Hund ins Tierheim. Im Vergleich: Im Schnitt sind es bis zu zehn Tiere am Tag. „Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Leute hier zu Silvester gut auf ihre Tiere Acht geben“, so Wünn. Auch die Zahlen der Tiernothilfe Stuttgart sehen ähnlich aus. Beim vergangenen Jahreswechsel verendeten zwei Wildtiere, außerdem wurden zwei entlaufene Hunde gefunden. „Verunfallte oder verletzte Tiere gab es zum Jahreswechsel nicht“, sagt ein Sprecher der Stadt auf Anfrage.

Wenn das Haustier entläuft, sollten Frauchen und Herrchen dies nicht nur sofort dem örtlichen Tierheim melden, sondern auch die örtliche Polizeidienststelle und den Tiernotdienst der Stadt Stuttgart informieren, empfiehlt Marion Wünn. Damit das entlaufene Tier später seinem Halter zugeordnet werden kann, ist eine Registrierung bei Tasso notwendig. Die ist kostenlos, doch „etwa die Hälfte aller Tiere, die wir bekommen, sind zwar gechippt, aber leider nicht registriert. Viele der Halter wissen gar nicht, dass sie ihr Tier registrieren lassen können“, erklärt die Stuttgarter Tierheimleiterin. Doch nur so können Tierheim oder Tasso den Halter ausfindig machen. „Ansonsten können wir oft einfach nur abwarten, bis der Halter sein Tier bei uns abholt“, sagt sie.

Tipps für Tierhalter

Damit Mensch und Tier einen möglichst stressfreien Jahreswechsel erleben, hat Marion Wünn einige Tipps: „Die Fenster und Rollläden am besten geschlossen halten und den Tieren in der Wohnung viele Rückzugs- und Versteckmöglichkeiten anbieten“, empfiehlt sie. Mit laufendem Radio oder Fernseher könne man außerdem eine gewohnte Geräuschkulisse schaffen. Keinesfalls sollten Tierbesitzer allerdings auf die Angst der Tiere eingehen und versuchen sie zu beruhigen. „Das Tier merkt sonst, dass tatsächlich etwas nicht stimmt, was seine Angst nur noch verschlimmert“, sagt die Tierheimleiterin.

Bereits einige Tage vor Silvester bis ins neue Jahr hinein solle man mit seinem Hund nur noch an der Leine Gassi gehen. „Auch der liebste Hund rennt weg, wenn neben ihm ein Böller explodiert“, warnt Marion Wünn. „Freigängerkatzen sollten, wenn möglich, schon ein Tag vor der Silvesternacht nicht rausgelassen werden und den Jahreswechsel in der Wohnung verbringen.“

Potenziell tödlicher Stress für Wildtiere

Als Tierfreund empfiehlt Marion Wünn, auf die Silvester-Knallerei ganz zu verzichten. Wer jedoch nicht von dem bunten Spektakel ablassen will, der solle zumindest allgemein Rücksicht nehmen und nur mit großem Abstand zu Tierheim, Pferdekoppeln und ähnlichen Aufenthaltsräumen von Tieren knallen. „Dasselbe gilt übrigens auch für den Waldrand“, betont Wünn. Denn gerade auch Wildtiere gerieten durch Raketen und Böller leicht in Panik.

So warnt auch der Naturschutzbund (Nabu) davor, dass Wildtiere im Wald, von denen gerade im Winter viele ihren Stoffwechsel auf ein Minimum reduzieren, an Silvester in Panik geraten. Sie schrecken durch Feuerwerk in der Nähe auf und werden in Stress versetzt, wodurch sie wertvolle Energiereserven verbrauchen. Ebenso können Vögel von lautem Feuerwerk aufgeschreckt werden. Gefiederte Höhlenbewohner wie die Meise erwachen und geraten in Stress, Wasservögel fliegen teilweise auf. Anschließend brauchten sie lange, bis sie wieder zur Ruhe kommen. „Das nächtliche Umherfliegen kostet Vögel unnötig Energie, auf die sie gerade in langen, kalten Winternächten angewiesen sind“, erläutert der NABU-Ornithologe Stefan Bosch.

Daher sollten Raketen und Böller nie in der Nähe von Feld, Wald und Flur sowie Fluss- und Seeufern gezündet werden. Auch in öffentlichen Grünanlagen sammeln sich viele Vögel und andere Tiere zur Nachtruhe, genauso wie in Gärten oder auf Bäumen und im Gebüsch.

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