Christian und Erika Altendorf stehen vor DRK-Domizil und HvO-Auto. Hinten in der Garage parken zwei weitere Einsatzfahrzeuge. Foto: Langner

9,5 Millionen bekommt die Feuerwehr für ihre neue Zentrale. Das DRK haust in einem Abbruchbau. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen beiden.

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert. So ließe sich derzeit wohl das Verhältnis zwischen dem Grafenauer Roten Kreuz und der Gemeindeverwaltung beschreiben. Der Ortsverein vermisst die Wertschätzung für seine Arbeit und sieht sich im Vergleich zur Freiwilligen Feuerwehr als „ungeliebtes Kind der Gemeinde“, wie es die Ortsvereinschefin Erika Altendorf ausdrückt.

 

Sichtbar wird dies momentan anhand einer Netzdebatte um die geplante Feuerwehrzentrale, für die Grafenau rund 9,5 Millionen Euro investieren will. Das Domizil des DRK-Ortsvereins steht dagegen in einem abbruchreifen Gebäude in Döffingen. Die vom Bauhof als Lager genutzte Asphaltfläche vor dem ehemaligen Pfannkuch-Supermarkt versprüht Schrottplatz-Charme. Das DRK selbst ist auf beengtem Raum in einer ehemaligen Wohnung untergebracht. Zwei von vier Fahrzeugen stehen in einer unbeheizten Garage, in der sich auch die Spinde und eine improvisierte Umkleide befinden.

Rettungsberuf beim Roten Kreuz als Familiensache

Deutlich besser scheint es bei dem Ortsverein um Motivation und technische Ausstattung bestellt. Das hat sehr viel mit Christian Altendorf zu tun. Der 29-jährige Sohn der Vereinsvorsitzenden ist in Grafenau Bereitschaftsleiter, Zugführer und Verantwortlicher für die Ersthelfermannschaft der Helfer vor Ort (HvO). „Ich bin hier die eierlegende Wollmilchsau“, sagt er grinsend. Für das DRK ist er ehrenamtlich und als Rettungssanitäter bei der Rettungswache Sindelfingen des DRK-Kreisverbands auch hauptberuflich tätig. Seine Mutter ist ebenfalls aktives Mitglied der Blaulichtfamilie. Die 66-Jährige arbeitet im Hausnotruf der Malteser.

Erika und Christian Altendorf in der Garage des DRK-Gebäudes: links das Katastrophenschutzfahrzeug, rechts der Rettungswagen. Foto: Langner

Als Christian Altendorf vor fünf Jahren in Grafenau die Leitung übernahm, stand der Verein kurz vor dem Aus. Seitdem hat sich offenbar einiges getan: Die Helferzahl in der Bereitschaft stieg von drei auf 24 Mitglieder, es gibt mittlerweile ein Jugendrotkreuz, man investiert kräftig in die Ausrüstung und ersetzt nach und nach den veralteten Fuhrpark. Weil man alle Fahrzeuge „über die Maßen“ ausstatte, werde der Ortsverein im Kreisverband als „kleine Rettungswache“ bezeichnet, sagt Christian Altendorf.

Ähnliche Standards gelten wohl auch für das Bereitschaftsteam, insbesondere für die vom Verein komplett selbst finanzierten Helfer vor Ort, die pro Jahr im Schnitt auf mehr als 200 Einsätze kommen. Sie übernehmen die Erstversorgung vor Eintreffen von Rettungsdienst oder Notarzt.

Die meisten HvOler seien selbst Rettungssanitäter und verfügen über eine Ausrüstung, die an die eines Notarzts herankomme. Dazu zählen moderne Defibrillatoren, die über die Spende eines Bürgers finanziert wurden. Der Unternehmer zählt zu den Menschen, die den Helfern vor Ort ihr Leben verdanken. In einem Leserbrief kritisierte er zuletzt die Verwaltung dafür, dass man bei der Millioneninvestition für das Feuerwehrhaus nicht an das DRK gedacht habe.

Christian Altendorf zeigt die improvisierte Umkleide in der Garage. Bei Minusgraden ist auch die Dienstkleidung im Spind eiskalt. Foto: Langner

Auf der lokalen Facebook-Gruppe „Schwarzes Brett Grafenau“ sorgt der Leserbrief für Gesprächsstoff. In einem Kommentar verweist der Dätzinger CDU-Rat und Feuerwehrmann Andreas Geiger auf einen entscheidenden Unterschied: Die Gemeinde ist gesetzlich verpflichtet, die Einsatzfähigkeit der Feuerwehr zu gewährleisten. Das DRK Grafenau ist dagegen ein Verein und die Unterstützung eine freiwillige Leistung.

Genau hier bringe Grafenaus Bürgermeister Martin Thüringer und mit ihm der Gemeinderat aber immer wieder einiges durcheinander, erzählt Erika Altendorf. „Er wirft Rettungswesen, Katastrophenschutz und Ortsvereine in einen Topf“, sagt sie.

Auf Nachfrage scheint Thüringer an diesem Punkt jedoch sehr klar: Anders als bei der Feuerwehr seien Land beziehungsweise Landkreis für das Rettungswesen zuständig, sagt der parteilose Rathauschef. Daher – und weil die Gemeinde sich schlichtweg kein großes Rettungszentrum leisten könne – habe man das DRK nicht in die Planung des Feuerwehrhauses einbeziehen können. Auch für die Fahrzeuge seien primär Land und Kreisverband zuständig. Dennoch habe die Gemeinde das DRK hier zuletzt bei Beschaffung und Ausstattung mit über 70 000 Euro unterstützt, betont Thüringer. Er lobt ausdrücklich die wertvolle Arbeit des Ortsvereins – insbesondere die der Helfer vor Ort.

DRK soll altes Dätzinger Gerätehaus angeboten werden

„Uns allen ist klar, dass dieser Zustand im Ulrichstein 13 ein Provisorium ist“, verweist der Bürgermeister auf das marode DRK-Domizil. Wenn die neue Feuerwehrzentrale steht, wolle man dem DRK das alte Feuerwehrhaus in Dätzingen zur Verfügung stellen. „Das halte ich für eine gute Lösung“, sagt Thüringer. „Da passen aber nur zwei unserer Fahrzeuge rein“, widerspricht Christian Altendorf. Er bevorzugt das Döffinger Gerätehaus, vermutet aber, dass dort eine Mensa für die Gemeinschaftschule vorgesehen ist.

Bei der Feuerwehr hält man die Anspruchshaltung des Ortsvereins zum Teil für überzogen. Dass Erika und Christian Altendorf über Facebook mangelnde Unterstützung beklagen, kommt ebenfalls nicht überall gut an. Unterschiedlicher Ansicht ist man offenbar auch in der Frage, wie es um die Kameradschaft steht. Laut Christian Altendorf, übrigens selbst ehemaliger Feuerwehrmann, sei das DRK nie zu Hauptübungen eingeladen. Laut Feuerwehr gab es in der Vergangenheit durchaus gemeinsame Übungen. Hier ist von einem „guten Verhältnis“ und „problemloser Zusammenarbeit“ die Rede.

Am Ende scheint wohl nur eines klar zu sein: Es bleibt kompliziert.

Der DRK-Ortsverein Grafenau auf einen Blick

Menschen
Beim DRK Grafenau sind 24 Personen in der Bereitschaft aktiv, darunter neun im Dienste der Helfer vor Ort (HvO). Außerdem gibt es seit zwei Jahren wieder eine Jugendgruppe mit mittlerweile 20 Mitgliedern. Im Ort gibt es zudem zahlreiche Unterstützer: Aktuell zählt der Ortsverein laut Vorstand knapp 600 Fördermitglieder.

Material
Der Ortsverein verfügt über vier Fahrzeuge: einen Mannschaftstransportwagen (MTW), einen Rettungstransportwagen (RTW), ein dem Land unterstelltes Katastrophenschutzfahrzeug (KTW-B) sowie einen BMW X3, der als Kommandowagen (KdoW) und bei HvO-Einsätzen im Dienst ist. Untergebracht ist das DRK in einer ehemaligen Privatwohnung im abbruchreifen Gebäude des einstigen Pfannkuch-Supermarkts.