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Attacken mit Pfefferspray, Hundekot im Briefkasten: In Feuerbach ist eine Nachbarschaftsstreit eskaliert.

Stuttgart -  Wäre der seit Jahren andauernde Streit zwischen mehreren Nachbarn in Feuerbach nicht in Gewalttätigkeiten ausgeartet, könnte man fast von einem Gesamtkunstwerk sprechen. Da ist von "Scheißkanaken" und von "dreckigem, stinkigem Volk" sowie von "Schwuchtel" die Rede. Folgenschwere Attacken mit Pfefferspray sind ebenso wie Hundekot im Briefkasten in den Polizeiakten dokumentiert.

Apropos Kot: Bei einem der zahlreichen Prozesse der Nachbarn gegeneinander glitt im Januar dieses Jahres sogar ein besonnener und erfahrener Berufungsrichter am Landgericht in die Fäkalsprache ab. "Das ist doch alles nur Scheiße, mit der Sie Polizei und Justiz seit Jahren beschäftigen", so der Richter. Genützt hat es nicht.

Attacke mit dem Pfefferspray

Am Montag setzte es das nächste Urteil. Dieses Mal wurde eine 57-jährige Krankenschwester in Rente und ein ehemaliger Nachbar vom Amtsgericht Bad Cannstatt verurteilt. Die Frau, die mit ihrem Mann eine Eigentumswohnung in Feuerbach besitzt und eine weitere Wohnung im selben Haus vermietet, gilt als Ausgangspunkt der ungezählten Auseinandersetzungen. Mehr als 100 Anzeigen gegen verschiedene Nachbarn hat das Rentnerehepaar in den vergangenen Jahren erstattet. Der inzwischen pensionierte Polizeihauptkommissar, der fast alle Anzeigen aus dem Haus bearbeiten durfte, machte im Zeugenstand einen sichtlich schockierten, aber auch resignierten Eindruck. Geradezu hasstriefend habe sich die 57-Jährige über eine Nachbarfamilie geäußert. "So etwas hatte ich zuvor von einer Frau noch nie gehört", so der Pensionär.

Am 6. Mai 2008 waren ein heute 36-jähriger Familienvater und die 57-Jährige im Treppenhaus aneinandergeraten. Er soll einen Damenschlapper nach dem Hund der Frau geworfen haben, als sie nach dem Gassigehen nach Hause kam und ihn "Scheißkanake" genannt hatte. Sie wiederum habe den Nachbarn daraufhin mit ihrem Pfefferspray attackiert, worauf er ihr das Spray entwandt und sie schlug und trat. Er habe sie mit seinem nackten, angeblich pilzbefallenen Fuß am Boden fixiert, so die Frau vor Gericht. Förmlich geritten sei er auf ihr, wobei sein "Zebedäus" fest geworden sei.

Es gibt ja noch andere Nachbarn

Fest steht, dass die Frau, die unter anderem wegen Beleidigung und einer früheren Pfefferspray-Attacke vorbestraft ist, eine Rippenfraktur und etliche Prellungen davongetragen hat. Der Mann machte Atembeschwerden und entzündete Augen geltend. Auch sein zwölfjähriger Sohn ("Papa, es brennt so") habe eine Ladung des Antihundesprays abbekommen.

So kam es, dass die Nachbarn beide als Angeklagte und Opfer vor den Kadi zitiert wurden - die Frau wegen gefährlicher Körperverletzung und Beleidigung, der gelernte Dreher wegen vorsätzlicher Körperverletzung. Beide Angeklagte stellen sich vor der Einzelrichterin als Opfer dar, was den Staatsanwalt nicht sonderlich beeindruckt. Er sieht seine Anklage voll bestätigt und beantragt sechs Monate Freiheitsstrafe gegen die Frau und nur eine Geldstrafe gegen den Mann, weil er nicht vorbestraft ist. Die Anwälte wollen davon nichts wissen. Der 36-Jährige sei freizusprechen, da er in Notwehr gehandelt habe, so sein Verteidiger. Vielleicht habe er zu heftig reagiert, was man aber als eine entschuldigte Notwehrüberschreitung sehen müsse - vor allem, da er von der Frau früher schon einmal mit Pfefferspray traktiert worden sei.

Es gibt ja noch andere Nachbarn

Die Angeklagte straft sowohl den Staatsanwalt wie auch den Anwalt des Nachbarn demonstrativ mit Nichtachtung. So wird sie auch beim Urteil verfahren. Ihr Anwalt argumentiert, seine Mandantin habe sich höchstens einer fahrlässigen Körperverletzung schuldig gemacht, was mit einer geringen Geldstrafe zu ahnden sei.

Die Richterin folgt dem Antrag des Anklägers. Sie verurteilt die Rentnerin zu sechs Monaten und zwei Wochen mit Bewährung, weil noch ein Urteil wegen Beleidigung miteinzubeziehen ist. Zudem muss sie 2000 Euro bezahlen. Der 36-Jährige wird mit 80 Tagessätzen Ö 25 Euro bestraft. Er ist mit seiner Familie inzwischen ausgezogen. Keiner der Prozessbeteiligten glaubt, dass damit der Zwist beendet ist. Es gibt schließlich noch mehr Nachbarn.

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