Germano Salese in seinem Truck: Den Brand im Engelbergtunnel vom 3. März 2026 wird der 48-Jährige nie vergessen. Foto: Marius Venturini

Germano Salese saß 40 Minuten im brennenden Engelbergtunnel fest. Er dachte an das Ende. Heute kämpft der Lkw-Fahrer mit den psychischen Folgen.

Von seinen Liebsten hatte er sich schon verabschiedet. „Ich habe eine Sprachnachricht an die Familien-WhatsApp-Gruppe geschickt“, erinnert sich Germano Salese. „Ich habe fest geglaubt, dass ich es niemals lebend da raus schaffe.“ Der 48-jährige Lkw-Fahrer ist einer der beiden Männer, die am 3. März beim verheerenden Brand eines Sattelzugs im Engelbergtunnel bei Leonberg schwere Rauchgasvergiftungen erlitten haben. Betroffen war neben ihm noch der Fahrer des Unfall-Trucks.

 

Dies ist Germano Saleses Geschichte.

Der in Salerno in Italien geborene Fernfahrer hat eine bewegte Berufslaufbahn hinter sich. Vor vielen Jahren betrieb er noch eine Sicherheitsfirma. Währenddessen versuchte er, damals noch in Benningen, einen Fahrservice mit drei Stretch-Limousinen zu etablieren. Irgendwann ging er für einige Jahre zur Polizei. Schließlich quittierte er jedoch den Dienst, zog mit Frau Laura und den drei Kindern ins badische Rosenberg – und wurde Lasterfahrer bei einer Spedition, die mehrere Standorte im Stuttgarter Umland betreibt.

Im Engelbergtunnel: Erst ein bisschen weißer Rauch...

Auf dem Weg nach Hause war Germano Salese auch am Mittag des 3. März. Er kam von einer Tour nach Frankreich zurück. Die Route führte ihn von Süden her auf der A 81 durch die Weströhre des Engelbergtunnels. Dort verliefen bis dahin eine Spur in Richtung Heilbronn und zwei in die entgegenkommende Richtung zum Autobahndreieck Leonberg. „Ich bin hineingefahren, da war noch alles normal“, berichtet er. „Ich dachte nur ungefähr in der Mitte, dass da ein bisschen weißer Rauch sein könnte. Ich habe mir aber nichts dabei gedacht.“

Großeinsatz beim Brand im Engelbergtunnel. Foto: Simon Granville

Plötzlich gingen jedoch sämtliche Lichter aus. „Und es kam eine Durchsage, dass Lebensgefahr bestehen würde.“ Zunächst fuhren alle erst einmal weiter. „Dann hat der schwarze Audi vor mir gebremst – und erst in diesem Moment habe ich gemerkt, was da überhaupt los ist“, sagt Salese. „Da stand ich aber quasi schon neben dem Feuer.

So konnte der 48-Jährige auch live miterleben, wie der Fahrer des betroffenen Sattelzugs die Zugmaschine in sicherer Entfernung vom lichterloh brennenden Auflieger abstellte. „Dann war fast alles schwarz, man hat nichts mehr gesehen. Der Rauch war so schnell da, das kann man sich nicht vorstellen.“ Ab und zu sah er schimmernde Flammen. „Ansonsten nichts.“

Germano Salese harrte im Führerhaus seines Scania-Trucks aus. Schließlich rief er seine Frau an. „Ich habe ihr gesagt, was passiert ist und dass ich im Tunnel feststecke.“ Sie riet ihm, ein Tuch nass zu machen und durch den Stoff hindurch zu atmen. Das tat er. „Ab und zu habe ich das Fernlicht eingeschaltet, aber man hat rein gar nichts gesehen. Ich hätte nie gedacht, dass Rauch so dicht sein kann.“

Dann begannen die Explosionen, wie es Germano Salese nennt. In Wahrheit platzten die Reifen des brennenden Aufliegers, was sich im Tunnel furchterregend anhörte. „Ich habe das im Führerhaus wirklich gespürt, das war beängstigend.“ Daraufhin probierte Salese, etwas hin und her zu rangieren. Doch der Auflieger verhakte sich mit der Absperrung. „Da ging dann gar nichts mehr.“ Der Trucker sah seinem nahenden Ende entgegen...

Im Engelbergtunnel setzte Germano Salese noch eine vermeintlich letzte Voicemail ab

„Ich habe noch einmal meine Frau angerufen und gesagt: ‚Schatz, ich schaffe es hier nicht lebend raus’.“ Auch die Voicemail in die Familiengruppe setzte er in diesem Moment ab. „Ich dachte wirklich, jetzt ist es vorbei, ich kann nichts mehr tun. Ich war ja auch schon rund 40 Minuten da drin.“ Irgendwann merkte er, dass er immer weniger Luft bekommt und immer benommener wird.

Weg aus dem Tunnel: Feuerwehrleute bringen Germano Salese (ganz links) sowie den Fahrer des Unfall-Trucks in Sicherheit. Foto: KS-Images.de / Andreas Rometsch

Einen letzten Strohhalm ergriff er aber doch noch. Am unteren Ende der Frontscheibe seines Trucks hatte er zwei Blitzlichter installiert. „Die habe ich angeschaltet, um auf mich aufmerksam zu machen. Und ich vermute, dass das dann ein Feuerwehrmann gesehen hat.“ An den Moment, als die Beifahrertür seiner Zugmaschine aufging, erinnert sich Germano Salese noch genau. „Auf einmal saß ein Feuerwehrmann in kompletter Atemschutzausrüstung neben mir.“ Aus einer Tasche habe dieser eine zweite Maske gezogen und sie ihm aufgesetzt.

„Da bin ich wieder halbwegs zu mir gekommen.“ Die Ansage des Feuerwehrmannes war eindeutig: „Wir müssen ganz schnell hier raus!“ In gebückter Haltung arbeiteten sich die beiden in Richtung Tunnel-Ausgang vor. „Den habe ich gar nicht gesehen, da war so viel Rauch“, beschreibt Germano Salese seine letzten Momente in der Weströhre. Als sich die beiden in sicherer Entfernung zum Feuer befanden, riss er sich die Maske herunter und sank hustend auf den Boden.

Gestützt und mit einer Flasche Wasser ausgestattet wurde er die Treppe rechts neben dem Tunnelportal nach oben gebracht worden. Dort warteten die Helferinnen und Helfer der verschiedenen Rettungsdienste. Sie verpassten ihm eine Sauerstoffmaske und leiteten den Transport ins Ludwigsburger Krankenhaus in die Wege. Dabei brannte sich eine weitere Erinnerung in Saleses Gedächtnis ein: „Ich saß auf meiner Trage neben der des Unfallfahrers. Der war da, aber irgendwie war er auch nicht da...“

Die Fahrt durch das Stau-Chaos ins Krankenhaus dauerte trotz Blaulicht und Sirene satte 40 Minuten. Angekommen, wurde Germano Saleses Lunge geröntgt, außerdem musste er sich zwei Bluttests unterziehen. Am Abend durfte er nach Hause. Seine Frau war mit den beiden ältesten Kindern inzwischen ebenfalls angekommen. „Ich wusste zwei Stunden lang nicht: Ist er rausgekommen? Ist er tot?“, erinnert sie sich. „Da geht einem alles durch den Kopf.“

Nach diesem Tag im Engelbergtunnel: Salese feiert zweiten Geburtstag

„Ich weiß noch genau, dass der Feuerwehrmann gesagt hat: ‚Wärst du ausgestiegen und hättest zweimal eingeatmet, wärst du weg gewesen’“, sagt Germano Salese. Und auch der Notarzt habe betont, dass er an diesem Tag seinen zweiten Geburtstag feiern könne.

Gut drei Wochen nach dem Feuer geht es dem 48-Jährigen zumindest körperlich wieder gut. In den Tagen danach plagten ihn noch starke Kurzatmigkeit und schlimme Kopfschmerzen. Die Psyche hingegen macht ihm nach wie vor zu schaffen. „Bei Tunnel, bei denen ich den Ausgang nicht sehe, habe ich Probleme“, sagt er. Hilfe habe er sich noch keine geholt, auch wenn viele es ihm raten würden.

Zwei Wochen nach dem Vorfall ist wieder durch den Engelbergtunnel gefahren – allerdings durch die Oströhre. Mit an Bord sei ein Angstgefühl gewesen, das sich mit zunehmender Dauer verstärkt habe. Auf der ersten langen Tour nach dem Unfall fuhr zur Unterstützung Ehefrau Laura quer durch Europa mit.

Über einen Berufswechsel denkt er keinesfalls nach. „Ich vermeide aber unterwegs die längsten Tunnel und nehme lieber eine Ausweichroute.“ Das sei wie beim Motorradfahren, sagt er – da ist es seiner Ansicht nach auch das Beste, nach einem Sturz so schnell wie möglich wieder damit anzufangen. Germano Salese hofft jedoch, dass das mulmige Gefühl mit der Zeit wieder verschwindet. Er ist optimistisch.

Verhalten beim Tunnelbrand: Raus aus dem Auto oder sitzen bleiben?

Situation
Der Leonberger Feuerwehrkommandant Wolfgang Zimmermann betont: „Wenn alles voller Rauch ist, ist es sicher nicht die schlechteste Variante, mit Umluft im Auto zu bleiben.“ Die beste Variante sei jedoch immer, sich im Tunnel selbst zu retten – wenn es irgendwie gehe. Beim Brand vom 3. März sei es Glück gewesen, dass nur zwei Personen direkt betroffen gewesen seien – „und wir die relativ schnell gerettet haben“.

Rettung
Man solle laut Zimmermann so früh anhalten, dass man erst gar nicht in den Rauch fahre. „Wenn Durchsagen kommen oder man entfernt Rauch sieht, sofort das Fahrzeug verlassen und über einen Querschlag fliehen.“