Auch am Samstag regnet es auf dem Stuttgarter Wasengelände ohne Unterlass. Der Stimmung tut das keinen Abbruch, auch wenn sich leise Kritik an der Planung breit macht.
Der verlassenste Ort auf dem Cannstatter Wasen ist am Samstagnachmittag der Basketballcourt. Im Vorjahr gab es dort während dem Kessel-Festival noch hitzige Duelle beim Drei-gegen-Drei-Turnier. Hitzig im wahrsten Sinne des Wortes, denn es war unfassbar heiß. Wenn damals etwas auf den Boden tropfte, dann der Schweiß der Sportler. In diesem Jahr steht der halbe Platz unter Wasser, es regnet unaufhörlich. An Basketball ist deshalb nicht zu denken. Immerhin: dem übrigen Festival-Gelände kann der Regen nichts anhaben.
Schon auf dem Hinweg in der Stadtbahn lässt sich zweifellos erkennen, wer auf dem Weg zum Wasengelände ist. Den erfahrenen Festivalgänger bringen dunkle Wolken am Himmel und Pfützen auf dem Boden nicht aus der Ruhe. Die Leute sind ausgerüstet mit Regenjacken, kleinen Taschenschirmen oder Ponchos, die bei Bedarf auch am Einlass verteilt werden. Mag das Wetter noch so grau sein, der Blick aufs Gelände offenbart ein wahres Plastikponcho-Panorama mit Regencapes in den unterschiedlichsten Farben.
Während im Hintergrund der Bass von der Hauptbühne her wummert, ist die Stimmung bei den Essens- und Aktionsständen ungebrochen gut. „Mit Glitzer ist eh alles besser“, sagen Carina und Sandra lachend. Als Stuttgarterinnen sind sie Stammgäste auf dem Kessel-Festival, auf ihren Wangen funkelt es – auch Glitzer-Schminke gehört zum Standardrepertoire auf Festivals, die trägt man bei jedem Wetter auf.
„Bei den Frauenklos steht man wieder ewig an“
Unangenehm wird es eigentlich nur dann, wenn der Wind über den Wasen peitscht, da hilft auch der beste Poncho nichts. Das Wetter kommt diesmal als krasses Kontrastprogramm zum Vorjahr daher, als die Sonne nur so vom Himmel brannte. Damals waren die Veranstalter wegen langer Wartezeiten an den Getränkeständen und zu wenigen Toiletten in die Kritik geraten, zumindest die Getränkeversorgung ist in diesem Jahr kein Problem. „Bei den Frauenklos steht man aber wieder ewig an“, sagt Sandra.
Und vor allem gegen Abend, wenn viel los ist, kann es mit den Unterstellmöglichkeiten schnell eng werden. Bei den Essensständen ist das ein eher geringes Problem, aber wer sich auf den Weg zur Hauptbühne macht, hat bald nur noch eine echte Möglichkeit, um sich vor dem Regen zu schützen: die neue Palastzeltbühne. Sie bietet rund 5000 Menschen Platz und erfreut sich speziell abends großer Beliebtheit. Als dort am Freitagabend der Schorndorfer Rapper Majan auftritt, kann der Sicherheitsdienst irgendwann niemanden mehr ins Zelt lassen.
Trotzdem, um ihre Lieblingskünstler zu sehen, nehmen die Besucher auch in Kauf, ordentlich nass zu werden. „Da stelle ich mich von mir aus auch zwei Stunden lang in den Regen“, sagt Andreas, der mit seinem Kumpel Dominik aus dem Allgäu extra für „Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys“ angereist ist. Die Italo-Schlager-Band spielt um 17 Uhr, viel Zeit haben Andreas und Dominik also nicht auf dem Gelände, denn sie wollen einen guten Platz vor der Bühne. „Ohne Regen ist das bestimmt ein richtig cooles Gesamtkonzept“, sagt Andreas dennoch. „Gerade für Familien.“
Wer mag, kann sich bei den Stuttgarter Baseballern mit dem Schläger versuchen, bei den Footballern Fieldgoals schießen oder am Stand der Bietigheim Steelers mit dem Eishockey-Stock zielschießen. Auch wenn die Stände nicht so gut besucht seien wie im Vorjahr, dennoch sei ordentlich was los, da sind sich alle einig.
Der Ticketverkauf fürs kommende Jahr hat begonnen
Bis 19 Uhr sind die Aktionsstände an den beiden Tagen geöffnet, danach stehen die Künstler auf den Bühnen endgültig im Mittelpunkt. Gute Laune haben auch dann alle, „wenn man mal nass ist, ist es ja auch schon egal“, sagen Carina und Sandra, die sich vor allem auf Provinz freuen. „Außerdem tanzt es sich im Poncho genauso gut.“ Und vor der Bühne, wo alle dicht aneinander gedrängt stehen, wird es dann auch relativ schnell warm.
Im kommenden Jahr geht das Kessel-Festival in die fünfte Runde, der Ticketverkauf für das Wochenende am 4. und 5. Juli hat bereits begonnen. Dann hoffentlich wieder mit besserem Wetter. Aber in jedem Fall mit ordentlich Glitzer.