Die israelische Figurenspielerin Yael Rasooly erweckt in ihrem Stück „Edith and me“ die legendäre französische Gesangsikone Edith Piaf zum Leben. Foto: Eva Herschmann

Die Imaginale, das alle zwei Jahre stattfindende internationale Theaterfestival animierter Formen Baden-Württemberg, bietet bis zum 9. Februar eine kleine, feine Auswahl von aktuellen Produktionen für Kinder und Erwachsene in Schorndorf.

Es ist ein Ein-Frau-Stück, doch das Publikum hat nicht das Gefühl, dass Yael Rasooly allein auf der Bühne steht. Mit ihren lebensgroßen Puppen, mit Objekten und ihrer Stimme hat die Figurenspielerin aus Israel eine pralle, berührende, intime und poetische Geschichte erzählt. Das Stück „Edith and me“ hat die 9. Imaginale, das internationale Festival des Figurentheaters, in Schorndorf eröffnet. Es demonstriert gleich zum Auftakt, welche Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten dieses oft belächelte Genre zu bieten hat.

 

„Edith and me“ erzählt eine Geschichte von Erinnerung und Identität, die das Publikum – überwiegend, aber nicht ausschließlich der älteren Generation angehörend – auf eine ganz persönliche Reise schickt. Das Stück, das auf verschiedenen Zeitebenen spielt, steckt voller Tragik – und zugleich voller Hoffnung. Es basiert auf der wahren Geschichte einer Sängerin, die nach einem schrecklichen Erlebnis ihre Stimme und auch ihren Mut verliert. Doch dann kommt Edith Piaf in ihr Leben: Die berühmte Gesangsikone aus Frankreich zerrt sie aus dem Bett und ins Leben zurück.

Zwischen Komik und schmerzlichem Erinnern

Die rund 100 Zuschauenden im Saal des Figurentheater Phönix waren begeistert, berührt vom Puppenspiel und den vielen kleinen Details. Yael Rasooly bringt durch ihre Erzählweise Vergangenes an die Oberfläche und transportiert auch schmerzliche Erinnerungen in die Gegenwart. Dabei gelingt es der jungen Israelin, die Balance zwischen unterhaltsamem Kabarett und psychologischer Authentizität, zwischen Komik und schmerzlichem Erinnern zu wahren.

„Sie ist allein, aber man denkt, es stehen viel mehr Charaktere auf der Bühne“, sagt Soran Assef, der mit seiner Frau Ute das Figurentheater Phoenix in Schorndorf leitet, das die beiden 1986 gegründet haben. Seit 2010 ist ihr Theater Spielstätte bei der alle zwei Jahre stattfindenden Imaginale Baden-Württemberg. Sie gastiert auch in Stuttgart, Mannheim, Heilbronn, Eppingen und Ludwigsburg und gehört zu den größten deutschen Figurentheaterfestivals. Yael Rasooly sei ein leuchtendes Beispiel für die Vielfalt des Puppen- und Marionettentheaters, sagt Soran Assef. „Denn wir haben uns längst vom Kasperltheater emanzipiert, wobei auch das Kasperltheater durchaus noch immer seine Berechtigung hat, und es viele Puppenspieler gibt, die den Kasperl richtig gut inszenieren.“

Doch längst werde in der Szene, die weltweit gut vernetzt sei, mit sehr vielen Medien gearbeitet und vom Roboter bis zu Spezialeffekten vieles eingesetzt, auch Kunstblut, erklärt Soran Assef. „Alles, was man sieht, ist aus dem kreativen und produktiven Output der Kunstschaffenden entstanden. Die Bandbreite reicht von Objekttheater, bei dem Dinge zum Leben erweckt und zu Subjekten werden, bis zu reinem Slapstick, der temporeich und genau auf den Punkt ist, und vor allem im englischsprachigem Raum beliebt ist.“

Stille in schnelllebiger Zeit

Nicht nur an Kreativität und Vielfalt mangle es nicht. Auch Nachwuchs, sowohl national als auch international, gebe es reichlich, ergänzt Ute Assef. „Zumindest, was die Akteure anbetrifft. Es gibt immer wieder neue, junge Gruppen oder Einzelspieler. Beim Publikum jedoch fehlt uns ein wenig das jüngere Mittelalter.“ Die Kleinsten könne man auch in dieser schnelllebigen Zeit noch immer mit Puppenspiel begeistern, sagt sie. „Und sie sind das anspruchsvollste und direkteste Publikum, denn sie zeigen es sofort, ob es ihnen gefällt, oder ob sie sich langweilen.“ Manche Kolleginnen und Kollegen versuchten die Aufmerksamkeit von Kindern mit Geschwindigkeit zu bekommen. „Wir hingegen setzen bewusst auf Stille und arbeiten stark mit Bildhaftem, das klappt ganz wunderbar.“

Die Faszination von Figurentheater lasse sich leicht erklären, sagt Soran Assef. „Wir haben nur zwei Hände, und diese Einschränkung und dieses Dilemma fördert die Kreativität.“ Was der Schorndorfer meint, hat Yael Rasooly mit ihrer beeindruckenden Darstellung in „Edith and me“ unterstrichen. Sie ließ das Publikum vergessen, dass sie eigentlich allein auf der Bühne stand.

Das Festspiel in Schorndorf

Festival
 Seit 2008 bietet die Imaginale alle zwei Jahre Figurentheater im Grenzbereich zu Tanz, Neuem Zirkus, Performance und Digitalkunst. Bei der neunten Auflage treten Künstlerinnen und Künstler aus Belgien, Deutschland, El Salvador, Frankreich, Irland, Israel, Italien, Kanada, Kuba, Lettland, Mexiko, Niederlande, Schweden, Schweiz, Slowenien, Spanien und Südafrika auf.

Karten
 Für das Objekttheater „Macbeth Muet“ der kanadischen Gruppe La Fille Du Laitier am Donnerstag, 6. Februar, 20 Uhr, gibt es noch Karten. Alle anderen Vorstellungen in Schorndorf sind ausverkauft.