Beim Sommerfest der Kulturen auf dem Stuttgarter Marktplatz spielte samstags erst die Weltmusik aus der Region und am Sonntag tanzte die Welt.
Überm Stuttgarter Marktplatz schwebt noch eine große Dachkonstruktion. Sie ist übrig geblieben vom Public Viewing der Europameisterschaft, sie spendet nun dem Sommerfestival der Kulturen ein wenig Schatten in der glühenden Hitze des Samstagnachmittags.
60 Vereine und 13 Bands
Die Stuhlreihen, der freie Platz vor der Bühne des Sommerfestivals liegen am Samstag im gleißenden Sonnenlicht und werden noch gemieden; noch wird auf dem Platz nur wenig getanzt. Das ändert sich schnell, als die kühleren Schatten der umliegenden Gebäude langsam aufsteigen. In den Seitenstraßen am Marktplatz findet der Markt der Kulturen statt, mit Kunsthandwerk aus aller Welt. Den Marktplatz selbst füllen, in täglichem Wechsel, Stände die Speisen aus aller Welt anbieten, in täglichem Wechsel. Insgesamt 60 Vereine beteiligen sich am Festival, 13 Bands spielen, über fünf Tage hin – Zahlen, die seit vielen Jahren nahezu konstant sind. Aber es gibt auch Neues, am Samstag: Die BW Sessions.
Rolf Graser organisiert das Festival für das Forum der Kulturen, den Dachverband der Migrantenvereine und interkulturellen Einrichtungen in Stuttgart. „Früher“, sagt Rolf Graser, „haben wir das Festival ganz international gemacht. Aber wir möchten auch die Weltmusikszene in der Region stärken. Deshalb widmen wir nun einen ganzen Tag Gruppen, die von hier sind und solche Musik spielen.“
In der Region musiziert man international
Etwa 70 Bands bewarben sich um eine Teilnahme; eine Jury aus Stuttgarter Bürgerinnen und Bürgern wählte die Bands aus, die nun auftreten, nach der Eröffnung der BW Sessions durch Staatssekretär Arne Braun. „Wir wollen zeigen“ – das sagt Rolf Graser später dann, auf der Bühne – „welches Potenzial es für die Weltmusik in Baden-Württemberg gibt.“ Und: „Immer häufiger hört man heute wieder Stimmen, die sagen, dass manche Menschen nicht hierhergehören, immer öfter kommt es zu Diskriminierung. Viele Menschen, die heute hier auf dem Platz sind, wissen, wovon ich rede. Stuttgart soll eine offene Stadt werden und bleiben.“
Musikerinnen und Musiker von Heidelberg bis Burundi
Den Anfang bei den BW Sessions machen Palito Aché aus Heidelberg die kubanische Musik spielen, aber auch von der kolonialen Vergangenheit sprechen. Die Sängerin und Saxofonistin Gabriele positioniert sich dann zwischen Jazz und Hiphop und schafft es schon, ein Publikum vor die Bühne zu holten.
Noch besser und höchst temperamentvoll gelingt das Foia Verde mit Sängerin Katalin Horvath und Sebastian Mare als wildem Geiger mit eigenen Paganini-Variationen. Alzalia bestehen aus dem Produzenten Umannto, der Sängerin Paria Tavakoli und aus Mazen Mohsen aus Syrien. Schließlich, ehe El Flecha Negra mit einer temperamentvollen Mischung heißer Stile den kühleren Marktplatz zum Tanzen bringen, steht dort Andy Mwag mit seiner Band auf der Bühne – er stammt nicht aus dem Land, er kommt aus dem ostafrikanischen Burundi, dessen Partnerschaft mit Baden-Württemberg 2024 seit 40 Jahren besteht.
Mehr als 10 000 Menschen feiern
Mehr als 10 000 Menschen feierten an Samstag und Sonntag auf dem Marktplatz. Der Sonntag dann gehört, ehe das Abendprogramm des Festivals beginnt, mehr als 40 Stuttgarter Vereinen, in denen sich Menschen mit Migrationshintergrund organisierten – sie zeigen Tänze ihrer Heimat, ob nun aus Griechenland, Mali, Peru, Spanien, China oder Vietnam: Ein bunter Tag der Traditionen und Kostüme.
Zuvor, am späten Samstagabend, legt die deutsch-kenianische DJane Afropunk auf – und der Marktplatz tanzt, obschon kein Ton zu hören ist: Das Publikum trägt Kopfhörer. Schon am Freitagabend sorgte eine „Silent Disco“ für erstaunliche Stimmung, Rolf Graser erzählt: „Es lief arabische Musik und die Leute haben nicht nur getanzt, sie haben sich an den Händen gefasst. Es hat sich wirklich etwas getan, zwischen den Menschen!“