Der Improvisationsmusiker Harald Kimmig trifft in „Interface“ auf den Tänzer Hideto Heshiki. Foto: Marc Doradzillo / Sechs Tage frei

Bis zum 13. April bringt das Festival „6 Tage frei“ preisgekrönte Tanz- und Theaterproduktionen in Stuttgart zusammen. Im Theater Rampe und auf anderen Bühnen ist tolle Kunst aus der freien Szene zu erleben, die auch von ihren Zumutungen spricht.

Stuttgart - Mindestlohn? Da lachen Künstler der freien Szene nur. Die prekären Arbeitsverhältnisse vieler Tänzer, Schauspieler und Choreografen können Warnung vor einer Zukunft sein, in der immer mehr Beschäftigte auf sich selbst gestellt sein werden. Von Glück sagen kann da, wer gut vernetzt ist – und dann auch noch mit einem Preis belohnt wird wie die zehn ausgezeichneten Tanz- und Theaterproduktionen, die beim Festival „6 Tage frei“ in Stuttgart aufeinandertreffen. Eine Plattform auch für Gespräche und Austausch zu sein ist wichtigste Aufgabe des Festivals rund um den Preis, den Stadt und Land im Zweijahresrhythmus vergeben.

Dass es gleich zu Beginn der dritten „6 Tage frei“-Ausgabe darum geht, wie es sich anfühlt, mitten drin oder außen vor zu sein, ist sicherlich kein Zufall. Auf der Bühne jedenfalls kann die Kunst ihren Protagonisten den geschützten Raum bieten, den das Leben draußen verwehrt. „Lucky Bastards“ nennt Edan Gorlicki seine interdisziplinäre Gala deshalb nicht ohne Hintersinn. Glücklich und ganz bei sich sind seine drei Tänzer auf einem kleinen quadratischen Licht-Feld, sie stützen und halten sich und versuchen in kühnen Formationen, über Schwerkraft und Grenzen hinauszuwachsen.

Was ist schlimmer: Krieg oder Vergewaltigung?

Doch außerhalb des geschützten Raums wirken sie angreifbar, heimatlos, ausgesetzt; mit Hilfe des Publikums müssen sie die Zumutungen der Welt – Krieg, Vergewaltigung, Rassismus und einiges mehr – gegeneinander abwägen. Musik und Texte werden von Johannes Bartmes am Synthesizer, dem Stuttgarter Beatboxer Philip Scheibel und seinem Partner, dem Slam-Poetry-Rapper Tobias Borke, live so dazugemixt, dass ein toller, klug unterhaltender Abend das Resultat ist. Er macht Lust auf die nächste Premiere von Edan Gorlicki, der übrigens bereits 2017 erfolgreich bei „6 Tage frei“ dabei war. In „What do we do“, das am 12. Juli im Ein-Tanz-Haus in Mannheim herauskommt, nimmt der in Heidelberg lebende Choreograf unsere Entscheidungen unter die Lupe und hat das Publikum bereits am Probenprozess beteiligt.

2490 Euro Mindestlohn für Künstler

Mindestlohn? Den gibt es tatsächlich auch für freie Künstler in Stuttgart, nämlich exakt 2490 Euro im Monat. Doch weil diese Situation rar ist, wird sie selbst zum Kunstwerk und wie ein solches präsentiert. Und so arbeitet der englische Musiker Pete Yelding im Projektraum der freien Szene derzeit quasi im Schaufenster, am Dienstag besichtigt von Festivalgästen. Durchaus als Provokation zu verstehen ist das Programm „Conditions of Work“, das die freie Tanz- und Theaterszene Stuttgart klug ausgedacht hat und für das sie gemeinsam mit dem Campus Gegenwart der Musikhochschule zehn monatsweise wechselnde Stipendiaten im ehemaligen Projektraum Lotte unterbringt: Faire Arbeitsbedingungen werden hier selbst zum Thema und die Strukturen der Kunstproduktion beleuchtet.

Yelding spielt Cello und Sitar, mixt Weltmusik, Jazz und Pop zu etwas fragilem Neuem, macht sich mit Samples und Loops zum eigenen Partner. Passanten dürfen eintreten, zuhören, diskutieren. Noch mehr IT-Equipment hat am zweiten Festival-Abend Harald Kimmig im Jes aufgebaut. Der Improvisationsmusiker an der Geige macht den Tänzer Hideto Heshiki und digitale Audio- und Video-Manipulationen zu gleichwertigen Partnern. Wer steuert in „Interface“ den flirrenden Fluss an Klängen und Bildern, die ein Solo zur Massenbewegung machen? Das bleibt so unklar, wie das Verhältnis von Mensch zu Natur und Technik derzeit ist. Was im Leben Angst macht, fordert auf der Bühne intensiven Einsatz und hat einen faszinierenden, ästhetischen Sog.

Hier geht es zum Programm von „6 Tage frei“.

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