EU-Kommissar aus dem Strohgäu: Günther Oettinger beim Festakt Foto:  

Günther Oettinger erinnert beim Festakt zu 200 Jahre Korntal, wo er zur Schule gegangen ist, auch an die Missbrauchsfälle in der Brüdergemeinde. Er schlägt die Brücke von der Vergangenheit ins Hier und Jetzt – und wirbt für ein ganz besonderes „Team“.

Korntal-Münchingen - Vor allem für Kinder und Familien war am Sonntag beim bunten Fest im Korntaler Zentrum einiges geboten. Die Freiwillige Feuerwehr zum Beispiel hatte ein beinahe originalgetreues Feuerwehrauto aus Luftballons sowie farbenfrohe, lebensgroße Drachen geknotet, mit denen sie durch die Innenstadt zog. Farbenfroh sind auch die in Korntal bereits bekannten, gelben T-Shirts, in denen sich eine kleine Gruppe gegenüber des Hoffmannhauses vor zwei Wohnmobilen aufgebaut hatte. Wenngleich der Anlass, aus dem sie protestierten, ganz und gar nicht fröhlich ist.

Die Selbsthilfegruppe „Heimopfer Korntal“, ehemalige Heimkinder der Brüdergemeinde, die zwischen 1950 und 1970 Opfer physischer und psychischer Gewalt wurden, kämpfen etwa dafür dass Missbrauch jeglicher Art nicht mehr verjährt. Dafür bekamen sie am vergangenen Wochenende, an dem Korntal groß sein 200-jähriges Bestehen feierte, auch Raum. „Man wollte uns eigentlich integrieren, aber wir fühlen uns nicht mehr zugehörig“, sagte Angelika Bandle stellvertretend für die Gruppe, die das Angebot, einen Stand auf dem Diakoniefest, das parallel zum Programm in den Straßen ringsum stattfand, ausgeschlagen hatte.

Missbrauchsfälle und Feierlichkeiten: eine „schwierige Herausforderung“

Die Missbrauchsfälle mit in die Feierlichkeiten einzubeziehen, sei eine „schwierige und große Herausforderung“ gewesen, hatte Bürgermeister Joachim Wolf schon vor dem Festwochenende betont. Man habe auch darüber diskutiert, wer welche Rolle übernehme. Doch das Thema gehöre mehr zur Brüdergemeinde als zur Stadt, auch wenn beide inzwischen eng verschmolzen seien.

Beim Festakt am Freitagabend in der Stadthalle hatte Festredner Günther Oettinger das Thema ebenfalls angeschnitten. Der EU-Kommissar mit Wurzeln im Strohgäu schlug in seiner Rede den Bogen von der Gründung Korntals und seinen achteinhalb Jahren auf dem hiesigen Gymnasium hin zur Europäischen Union. Die Kommune habe „Pionierarbeit“ mit ihren Städtepartnerschaften mit Tubize (Belgien) und Mirande (Frankreich) geleistet. Ihre Bürgermeister saßen mit dem Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments, Rainer Wieland, in der ersten Reihe. Oettinger setze auf das „Team Europa“, denn eingeklemmt zwischen den Riesen USA und China gebe es gar keine andere Möglichkeit. Die Gründung der Montanunion – aus der die EU später hervorging – sei ein Geschenk an Deutschland gewesen. Deshalb habe das Land eine besondere Verpflichtung, sich für die EU stark zu machen. „Ein Erbe kann man nur ganz annehmen.“

Oettinger verspricht weitere Unterstützung

Ihr Erbe anzunehmen, riet Oettinger auch den Korntalern im Hinblick auf die Missbrauchsfälle. Denn sie gehörten eben auch zur Geschichte des Stadtteils dazu. Detlev Zander, der sie von 2014 an öffentlich gemacht hat, befürwortet es, dass Oettinger das Thema nicht aussparte. Der ehemalige Ministerpräsident Baden-Württembergs habe ihm bei einem persönlichen Gespräch vor dem Festakt zugesichert, ihn weiter zu unterstützen, so Zander. Oettinger wolle die Fälle in Korntal mit dem Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm besprechen. Für Zander, der den Missbrauch noch nicht als aufgearbeitet ansieht, „ein Meilenstein“.

Der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde, Klaus Andersen, kündigte ein Mahnmal an, das bis zum Herbst enthüllt werde. Wie es aussieht, konnte er noch nicht sagen. Er sei „dankbar für das umfassende Jubiläum“, das Brüdergemeinde und Stadt gemeinsam auf die Beine gestellt haben. Das sei ohne die Ehrenamtlichen nicht möglich gewesen, betonte Bürgermeister Wolf. Die Bürgerschaft mit einzubinden, sei gelungen.

Vereine aus verschiedenen Stadtteilen arbeiten zusammen

Ein Beispiel dafür sei der Theaterspaziergang mit dem Theater unter der Dauseck, bei dem Profis und Laien gemeinsam mitwirken. „Ich war am Anfang skeptisch“, sagte Wolf, „wie wir die 17 Veranstaltungen voll bekommen sollen.“ Aber die Resonanz sei großartig. Und etliche Programmpunkte im Jubiläumsjahr stehen noch an. Wolf stellte das Höflesfest Mitte Juli heraus, bei dem die Musikvereine Korntal und Münchingen gemeinsam ein Konzert geben werden. Das sei alles andere als selbstverständlich, so Wolf. Am 10. November feiert die Brüdergemeinde dann ihren eigentlichen Geburtstag.

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