So stellt man sich den Unterricht daheim vor: Doch viele Schüler sollen regelrecht abgetaucht sein. Foto: dpa/Ulrich Perrey

In Stuttgart drohen Schüler aus bildungsfernen Familien während der Coronakrise gnadenlos abzurutschen. Von vielen Schülern erhalten Lehrer seit Wochen keine Rückmeldung mehr.

Stuttgart - Sie drehen Erklärfilme, laden sie bei Youtube hoch, fahren ihren Schülern Lernpakete nach Hause und versuchen, per E-Mail und Telefon Kontakt zu halten – in Stuttgart bemühen sich viele Lehrer sehr, Lernen in Coronazeiten auch aus der Distanz zu ermöglichen. Dass sie damit einen Teil ihrer Schüler gar nicht erreichen, macht ihnen Bauchweh. Nach sechs Wochen erzwungener Schulabstinenz zeigen sich die Tücken unseres Bildungssystems. Drei Lehrer berichten.

 

Gemeinschaftsschullehrerin dreht selbst Erklärvideos

Wie vermittelt man Schülern der Klassen fünf bis neun Mathematik aus der Ferne? Das sei an der Gemeinschaftsschule einfacher als an anderen Schularten, meint eine Lehrerin aus einer Gemeinschaftsschule. „Unsere Kinder werden ohnehin ans selbstständige Arbeiten gewöhnt. Wir planen in längeren Zeiträumen – und wir hatten Material bis Ostern“, berichtet sie. „Wir haben auf der Homepage einen passwortgeschützten Bereich eingerichtet – das machen wir auch so weiter.“ Das Problem sei: „Wir wissen nicht: können die Kinder das runterladen?“ Es gebe auch Neuntklässler, die kein W-Lan und kein Internet zu Hause haben. Im besten Fall schickten die Schüler ihre Rückmeldungen per Handyfotos oder per E-Mail.

Doch auch für die Lehrer sei das technisch keine Kleinigkeit. „Ich habe Erklärfilme gedreht und hochgeladen, ich habe gefilmt, wie ich auf dem Papier rechne“, berichtet die Mathelehrerin. Doch jede Datei müsse erst mit dem Konverter verkleinert werden, damit sie downloadfähig sei. Die Pädagogin bemängelt, dass es für Schulen kein System gebe, das datenschutzgerecht sei und kostenfrei genutzt werden könne. Auch der Austausch mit den Kollegen, die oft noch ihre eigenen Kinder beschäftigen müssten, sei schwierig – und mit den Schülern ohnehin. „Wir wissen nicht, wie die zuhause lernen – die können uns ja viel erzählen“, so die Lehrerin. „Ich habe ihnen per Post Lernpakete mit frankiertem Rückumschlag geschickt, da habe ich nur die Hälfte zurückgekriegt. Eine Erschwernis sei auch, dass Lehrer das Schulgebäude nicht betreten und somit auch den Kopierer nicht benutzen durften. „Man ist als Lehrer komplett auf sich allein gestellt.“ Doch die Kinder, die seien „völlig alleingelassen“. Manche Familien seien auch telefonisch nicht zu erreichen, manche Eltern völlig überfordert. „Es gibt auch Kinder, die auf das warme Schulessen angewiesen sind, die haben jetzt wahrscheinlich seit sechs Wochen kein warmes Essen mehr gesehen.“

Realschullehrerin versucht, Eltern das Mailen beizubringen

Auch an einer Realschule gestaltet sich der Fernunterricht schwierig. „Nicht alle haben zuhause einen PC, manche Schüler besitzen nicht mal ein eigenes Handy“, berichtet eine Deutschlehrerin. „Sie kennen Youtube und Whatsapp, aber sie wissen nicht, wie man eine E-Mail verschickt.“ Und: „Manche Eltern lesen ihre E-Mails gar nicht“, musste sie feststellen – und fand auch den Grund heraus: Manche hätten gar nicht gewusst, dass sie überhaupt eine E-Mail-Adresse haben. Nur von sechs der 26 Elternpaare habe sie eine Lesebestätigung erhalten. Von einer Schülerin habe sie einen Aufsatz in einer Betreffzeile gekriegt. Eine andere habe nicht gewusst, wie man ein Foto an eine E-Mail hängt. Also habe sie viel Zeit am Telefon verbracht, um den erreichbaren Eltern zu erklären, wie das mit dem Mailen funktioniert und wie sie ihr Kind in der Schulcloud registrieren. „Hart für uns Lehrer: jede Schule muss selber selber gucken, wie sie die Digitalisierung auf den Weg bringt.“ Sie selber wünsche sich „einen Berufslaptop, der datenschutzrechtlich passt und auf dem alles drauf ist – samt Support“. Und eine elektronische Plattform mit allen relevanten Schüler- und Schuldaten. Für viele Kinder reiche aber eine Wochenstunde beim IT-Lehrer nicht, um fit zu werden. Notwendig sei aber auch die digitale Bildung von Eltern“, findet die Lehrerin. Auch wenn besonders für jüngere Schüler die Digitalisierung ihre Grenzen habe. „Viele jammern und sagen, sie würden gern wieder in die Schule gehen.“

Hauptschullehrer tut alles, um lernunwillige Schüler zu motivieren

All die genannten Probleme treten an einer Stuttgarter Hauptschule auch auf, nur etwas intensiver, berichtet ein Englischlehrer. „Ich wollte denen eigentlich einen Wochenplan geben, aber das funktioniert selbst bei Neuntklässlern nicht“, berichtet er. „Die brauchen jeden Tag eine genaue Anweisung, was sie heute machen sollen – samt Uhrzeit.“ Bei seinen Fünftklässler könne aber die Hälfte keine Uhr lesen. Von einem Drittel seiner Schüler bekomme er seit Wochen „gar nix“. Manche erreiche man auch telefonisch nicht. In einer normalen Klasse gebe es vielleicht zwei oder drei, die überhaupt die Möglichkeit hätten, zuhause an einem PC zu arbeiten. „Unsere Schüler brauchen dieses Pushen vom Lehrer, die persönliche Ansprache“, sagt der Pädagoge. „Die meisten lesen keine E-Mails, und Whatsapps von den Lehrern klicken sie schnell weg.“ Struktur fehle ihnen nicht nur beim Lernen, sondern oft auch in der Familie. „Sie wollen lernen, aber sind nicht bereit, sich anzustrengen“, so beschreibt er seine Schüler. Vokabeln abschreiben, dazu seien sie bereit. „Aber sobald es heißt, schreib mal einen Satz zur Vokabel, dann ist schnell Ende Gelände.“ Das habe auch sprachliche Gründe. Nur ein bis zwei Schüler pro Klasse seien Deutsche. Auch das Online-Karteikarten-Spiel zum Englischlernen, das der Lehrer selbst erstellt hatte, habe „bis heute keiner ausprobiert“, bedauert er. „Man kämpft gegen Windmühlen im Homeoffice – auf lange Sicht eine Katastrophe.“ Für die Hauptschulabschlussprüfung Mitte Mai sieht er schwarz. Seine Sorge: „Dass einige total abrutschen“. Nicht nur schulisch.

So sollen die Schulen digitaler werden

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat angekündigt, den Schulen von sofort an „sukzessive flächendeckend“ den Messengerdienst Threema bereitzustellen. Dieser soll eine einfache und sichere Kommunikation über das Smartphone ermöglichen. Zugleich sei es der erste Baustein der Digitalen Bildungsplattform. Dazukommen sollen bis spätestens Frühjahr 2023 noch ein Lernmanagementsystem, eine dienstliche E-Mail für alle Lehrer, ein Datenspeicher zur Ablage und zum Austausch von Dokumenten sowie die Einbindung von Mediendatenbanken und neue Formen von Lehr- und Lerninhalten. Die Vorläuferplattform „Ella“ war im Februar 2018 wegen technischer Probleme gestoppt worden.

Auch die Stadt Stuttgart als Schulträgerin will für ihre Schulen möglichst viel Geld aus dem Digitalpakt von Bund und Ländern abschöpfen. 30 Millionen Euro darauf sind für Stuttgarts Schulen reserviert. Doch gefördert werden nur Standorte mit ausreichender Infrastruktur und einem medienpädagogischen Konzept. Auskunft darüber, wie weit Stuttgart inzwischen damit ist, verlangt aktuell die Gemeinderatsfraktion der Grünen. In einem Antrag will sie auch wissen, welche technischen Voraussetzungen geschaffen werden sollen, um den Fernunterricht zu unterstützen – auch außerhalb von Krisenzeiten.