„Wo waren Sie letzte Nacht?“ Szene mit Wolfram Koch aus Herbert Fritschs „Totart Tatort“ am Schauspielhaus Zürich Foto: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Handelt ein Fernsehkrimi im Künstlermilieu, sieht man überkandidelte Menschen, die verquastes Zeug machen. Jetzt schlägt das Theater zurück – mit einer aberwitzigen Inszenierung von Herbert Fritsch.

Zürich - Der „Tatort“ am Sonntag ist so etwas wie „die heilige Kuh oder der Heilige Gral und vielleicht die letzte Bastion der Sonntagabendunterhaltung“, sagt der Regisseur Dani Levy (der auch schon den „Tatort“ inszeniert hat) kürzlich in einem Gespräch mit seinem Kollegen Herbert Fritsch, nachzulesen im aktuellen Journal des Zürcher Schauspielhauses. Die TV-Krimiserie als imaginäres Lagerfeuer, um das sich auch Leute versammeln, die sonst kein Fernsehen mehr schauen: Hier wird eine allgemein verständliche Geschichte erzählt, fast immer gibt’s ein Happy End. Eine Art Wort zum Sonntag, nur spannender und blutiger.

Wer hat wen um die Ecke gebracht?

Anders als im Leben, wo es oft gemein und ungerecht zugeht, stellt hier ein Staatsbeamter am Ende die durcheinander geratene Ordnung wieder her. So taugt der „Tatort“ zur demokratischen Selbstvergewisserung. Was Millionen Zuschauer Sonntag für Sonntag sehen, bildet ein populäres Gedächtnis der deutschen Gegenwartskultur ab, sagen Medientheoretiker, alles wird da verhandelt, was gerade gesellschaftlich virulent ist.

Und doch, mal ehrlich, ist es vor allem so, dass hier zwei Kommissare immer wieder fragen: Wer hat wen um die Ecke gebracht? Spurensicherung, Autopsie, Befragung, Verfolgungsjagd, egal in welchem Bundesland, es ist jeden Sonntag dasselbe Lied. Ob Detektivserie oder Fernseh-Polizeikrimi, die formalen und inhaltlichen Redundanzen sind da. Oft sind die Reichen die Bösen. Und wird einmal im Künstlermilieu ermittelt, kommen vor allem Theaterleute weltfremd und eitel rüber. Steht der Ermittler am Rande einer Probebühne, sieht der Zuschauer Menschen mit komischen Masken oder Darsteller, die sich in bedeutungsschweren Pausen üben, die dann aber vor allem eins sind: langweilig.

„Tatortisierung“ der Kultur

Abgesehen von einem gewissen Neidfaktor – Schauspieler erhalten für zwei, drei Drehtage so viel wie sie sonst pro Monat im Theater verdienen – verspüren viele Künstler inzwischen ein gewisses Unbehagen angesichts einer allgemeinen „Tatortisierung“ der Kultur. Längst sind Quoten nicht nur fürs Fernsehen relevant, sinkende Auslastungszahlen können auch Intendanten den Job kosten. Theaterchefs soll es geben, die ihren Dramaturgen und Regisseuren nahe legen, sich in der Inszenierung auf Fernsehfilmlänge zu beschränken. Jetzt schlägt das Theater zurück.

Herbert Fritsch, seit Jahren Dauergast bei Renommierfestivals wie dem Theatertreffen, wettert im Gespräch mit Dani Levy gegen „das für mich eigentlich fast eine Talentvernichtungsmaschine“. Das Wahrheits- und Happy End-Gebot geht einem Theatermann naturgemäß auf die Nerven, da Kunst für gewöhnlich eher mit Mehrdeutigkeit und Zweifel und nicht mit gut-böse, wahr-falsch operiert.

Fritsch also hat jetzt mit der Produktion „Totart Tatort“ am Schauspiel Zürich eine Obduktion vorgenommen an der „Tatort“-Fernsehleiche. Er schneidet die wichtigsten Motive und Themen heraus und kombiniert sie neu. Er verzichtet dabei auf eine Story, auf, Logik sowieso, und auch auf Spannung. Es ist ein Abend voller dadaistischer Momente, mit Lust am Absurden. Er hat, so viel (Selbst)Ironie muss sein, auch einen veritablen erfahrenen „Tatort“-Kommissar im Ensemble. Wolfram Koch spielt den Ermittler Paul Brix in Frankfurt, arbeitet aber weiter im Theater – und schon seit vielen Jahren mit Regisseur Herbert Fritsch.

Wolfram Koch kämpft gegen seinen Hut

Hier kämpft er nun nicht gegen die Bösen, sondern gegen seinen Hut. Der fällt ihm zuverlässig vom Kopf, wenn er gerade eine Leiche anfassen und an den Bühnenrand hieven will. Das Ensemble brilliert in Disziplinen wie Erschreckt-Schauen und Irre-Dreinblicken. In einem Tatort-Ballett zeigen die Darsteller, wie biegsam sie sind: In einer tollen Choreografie ziehen sie blaue Handschuhe an, um eine Polonaise zu bilden und auf etwas zu zeigen. Ein Opfer, eine Spur? Egal.

Schon der Autor und Regisseur René Pollesch hat sich vor zwölf Jahren in dem Stück „Wann kann ich endlich in den Supermarkt gehn und kaufen was ich brauche allein mit meinem guten Aussehen“ mit dem Ensemble in Stuttgart über Floskeln aus Krimis lustig gemacht und die Schauspieler ständig ungläubig staunend fragen lassen: „Erschossen?“.

Das sind auch herrliche Momente in Zürich, wenn die Schauspieler Kommissar-Szenen aus „Derrick“, „Tatort“, aus „Columbo“ zitieren und die dümmsten Sätze so lange wiederholen, bis sie komplett ihren Sinn verlieren: „dürfen wir kurz reinkommen?“, „Wo waren Sie letzte Nacht?“, „Thomas kann’s nicht gewesen sein“, „Schweigen hilft auch nicht weiter!“, „Ich war’s nicht!“. Also: wer einen wirklich witzigen „Tatort“ sehen will, muss nach Zürich. Und der Mörder war ein Mann namens Herbert Fritsch.

Info

Weitere Termine am 28. Februar, 1., 8., 14. und 22. März.

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