Ferien können zur Herausforderung werden, wenn die Kinder betreut werden müssen und die Eltern arbeiten. Foto: imago images/Panthermedia

Sechseinhalb Wochen Ferien stellen viele Mütter und Väter vor ein Betreuungsproblem. Darauf hat der Bundeselternbeirat hingewiesen. Und es gibt noch einen anderen Aspekt.

Halbzeit. Gut drei Wochen Sommerferien sind um, und so langsam denken Kinder und Eltern schon wieder an das neue Schuljahr – die meisten wohl mit gemischten Gefühlen. Während es der Nachwuchs unfair findet, dass die Sommerferien in vielen anderen Ländern deutlich länger dauern, freuen sich Mama und Papa auf die Zeit, in der das Leben wieder in geordneten Bahnen verläuft und die Kleinen gut betreut sind – auch wenn der durchgetaktete Alltag zuweilen stressig ist.

 

„Elternvertreter kritisieren lange Schulferien“ titelte die „Tagesschau“ bereits Mitte Juli. Da hatten die Sommerferien in Baden-Württemberg noch gar nicht begonnen. Der Bundeselternbeirat hatte gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland die hohe Anzahl an Ferientagen moniert. „Die Ferienzeit stellt für viele Familien eine organisatorische und finanzielle Herausforderung dar“, sagte die stellvertretende Vorsitzende, Aline Sommer-Noack.

Sechs Wochen Sommerferien bei durchschnittlich 30 Urlaubstagen pro Jahr ließen sich kaum überbrücken – besonders nicht für Alleinerziehende oder Eltern ohne familiäres Netzwerk. Ferien seien keine Randnotiz im Kalender, sondern organisatorisch, emotional und finanziell für viele Familien die schwierigste Zeit des Jahres, sagte Aline Sommer-Noack im Interview.

Warum ist beim Thema Sommerferien immer noch alles beim Alten?

Der Landeselternbeirat Baden-Württemberg betont in einer Stellungnahme, dass eine Diskussion um kürzere Sommerferien am Ziel vorbeiführe. Und dass dies nicht der Punkt sei, auf den der Bundeselternbeirat abgezielt habe. Viel mehr habe dieser darauf hinweisen wollen – und das sei „bitter nötig“ –, dass sich die gesellschaftliche Realität geändert habe, während beim Thema Sommerferien noch immer alles beim Alten sei.

2025 gebe es im Vergleich zum letzten Jahrtausend mehr Alleinerziehende, mehr Familien, die keine Verwandten in der Nähe haben und mehr Haushalte, in denen beide Elternteile arbeiten. „Ohne adäquate Angebote für die Kinder und Jugendlichen ist deren Ferienzeit keine Zeit der Regeneration und des Erlebens anderer, aufregender, interessanter, neuer Dinge, sondern oftmals Langeweile, und für die Eltern ein Jonglieren zwischen Arbeit und Kinderbetreuung“, heißt es in dem Statement. Wer sich keinen Urlaub leisten könne und mit 28 Tagen Urlaubsanspruch auskommen müsse, habe ein veritables Problem.

Künftig gibt es einen Rechtsanspruch auf Ferienbetreuung

Für dieses soll es aber bald eine Lösung geben. Denn mit dem Schuljahr 2026/2027 haben Grundschüler beziehungsweise deren Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz. Dieser wird schrittweise eingeführt, er gilt also zunächst nur für die erste Klasse, mit jedem Schuljahr kommt dann eine weitere Klasse dazu. Dieser Rechtsanspruch umfasst auch die Ferien. Das bedeutet, dass die Kommunen Ferienangebote bereitstellen müssen.

Die Stuttgarter Bürgermeisterin Isabel Fezer betont immer wieder, wie wichtig der Stadt die Waldheime und andere Ferienangebote sind. Foto: Lichtgut

In Stuttgart haben die zuständige Bürgermeisterin Isabel Fezer und die Jugendamtsleiterin Katrin Schulze bereits mehrfach betont, dass man dabei auf die seit Jahren gut funktionierende Kooperation mit den Trägern der Freien Jugendarbeit setze. Zu diesen gehören unter anderem die evangelische und katholische Kirche mit ihren Waldheimen und die Stuttgarter Jugendhaus-Gesellschaft mit ihren „Kesselferien“.

Eine noch zu meisternde Herausforderung ist die Umsetzung des Rechtsanspruchs einer Ganztagsbetreuung in den Ferien an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren. Dabei geht es vor allem auch darum, dass ein Fahrdienst organisiert und finanziert werden muss.

Grundsätzlich gilt, dass es auch mit dem Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz für Grundschüler an 28 Tagen keine Betreuungsoption geben wird – vergleichbar mit den Schließtagen von Kitas.

Wie viel Ferien brauchen Kinder eigentlich?

In der Debatte wird ein Aspekt oft außen vorgelassen: Wie viel Ferien brauchen eigentlich Kinder? „Pausen sind wichtig fürs Gehirn“, sagte der Erziehungswissenschaftler Jörg Siewert von der Uni Siegen mal in einem Interview im „Spiegel“. Sie seien nötig, damit sich das Gehirn neu justieren könne – und bei Kindern dauere das länger als bei Erwachsenen. Ob sechs Wochen dafür zu kurz oder zu lang seien, ließe sich schwer beziffern, sagte Siewert.

Oft wird im Zusammenhang mit den Ferien auf den sogenannten Summer Learning Gap verwiesen – heißt: Die Kinder vergessen in den Ferien Teile dessen, was sie gelernt haben. In Studien aus den USA sei dieser Effekt gut belegt, sagte Christine Steiner vom Deutschen Jugendinstitut gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Aber: Dort dauerten die Ferien mit drei Monaten deutlich länger. Auch in Österreich stellten Forscher der Uni Graz solche Effekte fest, aber nur in manchen Lernbereichen wie Mathe – die Lesefertigkeit verbesserte sich sogar. Und auch dort dauern die Ferien mit neun Wochen länger. „Für Deutschland gibt es aber keine eindeutigen Hinweise auf solch einen Ferieneffekt“, sagte Steiner.

Für Siewert von der Uni Siegen geht es in den Ferien ohnehin um etwas anderes als Lerninhalte: Kinder sollten sich als kompetent und selbstwirksam erleben. „Einfach gesagt, sie brauchen Erlebnisse, bei denen sie Erfolg haben. Und sei es, dass sie in den Wald gehen und auf einen Baum klettern. Oder meinetwegen auch Computer spielen und sich da als erfolgreich erleben“, sagte Siewert in dem Spiegel-Interview. Und sie sollten Dinge selbstbestimmt tun, also sich selbst für oder gegen ein Angebot entscheiden können. Gelingt das, könne das auch die Motivation für das nächste Schuljahr steigern.

Auch andere Expertinnen und Experten weisen darauf hin, dass Ferienaktivitäten die Kreativität und Sozialkompetenz steigern können. Etwa bewirke der Wegfall der starren Lernstruktur der Schulzeit, dass Schülerinnen und Schüler den Freiraum hätten, um zu experimentieren und neue Ideen zu entwickeln, heißt es auf einem Portal für Pädagogen.