In Baden-Württemberg geht ein Schuljahr zu Ende, das es in sich hatte. Die Bilanz fällt ziemlich durchwachsen aus, meint unsere Autorin Bärbel Krauß.
Es ist wie eigentlich immer vor den großen Ferien: Sobald sich ins Bewusstsein schleicht, dass sie bald beginnen, verbindet das Gefühl, sich mit den letzten Energiereserven in die baldige Auszeit zu schleppen, alle Jahre wieder Schüler, Eltern und Lehrer. Und natürlich kann man die Bildungspolitiker zum Kreis der derart Schulgestressten dazuzählen.
Am Donnerstag geht’s los – endlich! Zumindest die Schüler haben jetzt wirklich sechs Wochen Zeit zum Durchschnaufen, Nichtstun, Freunde treffen, Verreisen und den Pythagoras endlich mal einen guten Mann sein lassen. Man hört geradezu, wie ein kollektiver Stoßseufzer durchs Land geht. Zwar bringt die Ferienzeit meist ihre eigenen Stressfaktoren mit sich, aber das ist eine andere Geschichte. Der Stichtag an diesem Mittwoch ist Anlass, noch einmal auf das abgelaufene Schuljahr zu blicken. Das hatte es gerade in Baden-Württemberg in sich. Es war besonders viel los, das die Schulfamilie auch aushalten musste.
Große Reformen werfen ihre Schatten voraus
Da ist der große Lehrermangel, mit dem jede Schule im Alltag fertig werden muss. Da sind die von der Landesregierung beschlossenen Großreformen bei der frühkindlichen Bildung und der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium. Dass sie notwendig sind, haben bei der frühen Sprachförderung die Bürger und bei der Rückkehr zum G9 die Landesregierung am Ende eingesehen. Seit einigen Monaten wirft die Umsetzung ihre Schatten voraus, und seitdem dämmert manchem, dass mit den Reformen nicht ausschließlich die gewünschten Veränderungen verbunden sind, sondern auch unangenehme Nebenwirkungen verknüpft sein können. Dass das G9 weniger Unterricht für die jüngeren Schüler bringt, war Ziel der Reform – das huckepack nachmittägliche Betreuungsnöte entstehen können, muss dann vom nächsten Schuljahr an bewältigt werden.
Kurz nach dem Jahresbeginn hat das Land dann im ersten Anlauf die Rückkehr zur wieder verbindlichen Grundschulempfehlung mit einem überschweren Eignungstest vergeigt. Das hat hunderttausend Viertklässler und ihre Eltern wochenlang in Unruhe versetzt und Politik wie Verwaltung hoffentlich klar gemacht, dass man beim zielgenauen Testen der Leistungsprofile längst nicht so sattelfest ist wie angenommen – und wie nötig. Am Ende lief das Verfahren zwar nicht völlig aus dem Ruder und die Übergangsquoten waren etwa auf dem Niveau der Vorjahre. Aber die Tests müssen im nächsten Jahr treffsicherer ausfallen, sonst ist die neue Regelung für den Übergang an die weiterführenden Schulen am Ende.
Zuletzt kam die schier unglaubliche Nachricht hinzu, dass 1440 zusätzliche Lehrerstellen in den vergangenen Jahren womöglich hätten besetzt werden können. Dass ein fehlerhaftes Computerprogramm deren Existenz so gut verborgen hat, dass es den Aufsichtsmechanismen von Kultus- und Finanzministeriums jahrelang entging, ist nicht nur eine Blamage. Es lenkt auch den Blick darauf, wie groß die Steuerungsdefizite im Schulbereich sind.
Viel Vertrauen ist verloren gegangen
Die Bilanz am letzten Schultag fällt durchwachsen aus: Die beschlossenen Reformen sind richtig und stiften Hoffnung auf Korrekturen, die nach und nach allen Schülern zugute kommen. Die Lehrerversorgung zu verbessern ist immer noch eine Hauptaufgabe. Viel Vertrauen ist verloren gegangen. Die Schulen sind nicht mehr so gut und nicht mehr so angesehen wie früher. Um das zu ändern, muss vor allem die Steuerung und Administration der Schulen transparenter und effizienter werden. Das Ziel, dies künftig wirklich gut zu machen, sollte nach der Wahl 2026 für die ganze Legislaturperiode ein Schwerpunkt der Schulpolitik werden. Aber jetzt sind erst einmal Ferien!