Viele Eltern fühlen sich nach den Ferien weniger erholt als davor. Warum ist das eigentlich so? Experten sagen, wie man es besser machen könnte.
Den ersten Urlaub mit Kind hatte sich Judith Luig so schön vorgestellt: ein idyllisches, italienisches Bergdorf, in dem sie als Jugendliche schon war. Entspannte Zeit mit dem Partner, mit dem Kind, für sich. Und dann war der Mietwagen am Flughafen viel zu klein für das ganze Babygepäck. Das Kind war trotz Urlaubs weiterhin um sechs Uhr wach, der Kinderwagen hat auf den steinigen Wegen nicht funktioniert, die Dachterrasse mit Meerblick war nicht babysicher und mückenverseucht. War die Sonne da, war es viel zu heiß, und Regentage waren in Italien genauso zäh wie zu Hause in Deutschland.
Kurz: „Es war ein echter Schock, dieser erste Urlaub mit Kind. Danach hätte ich eigentlich erst recht Urlaub gebraucht“, sagt Judith Luig. In den folgenden Jahren hat sie zusammen mit ihrer Familie, zu der inzwischen zwei Kinder gehören, viele verschiedene Urlaubsformen ausprobiert: vom Verreisen mit Großeltern oder Freunden über Cluburlaub bis hin zum Ponyhof. Ihre Erkenntnisse daraus hat sie zu einem Buch verarbeitet („Du wolltest doch auf den Ponyhof! Urlaub mit Kleinkindern in elf Versuchen“, Rowohlt-Verlag).
„Wie Alltag unter erschwerten Bedingungen“
Luigs Fazit: „Erholung, wie man sie vor den Kindern kannte, bietet keiner dieser Urlaube. Weil es immer wie Alltag ist, nur noch intensiver und unter erschwerten Bedingungen.“ Denn man verbringt sehr viel mehr Zeit miteinander, was auch mehr Raum für Konflikte eröffnet. Entlastungen, die sonst Fremdbetreuung wie Kita oder Schule bieten, fallen weg. Genauso die vertraute Umgebung zu Hause, bekanntes Essen, Spielsachen, Freunde, Hobbys, Strukturen und Routinen, die Sicherheit und Orientierung bieten.
Dazu kommen noch sehr viele Erwartungen, vor allem die der Eltern: Sich zumindest ein wenig vom stressigen Alltag erholen zu können, endlich mal wieder auszuschlafen, ein bisschen Sport zu treiben, in Ruhe zu essen, ein Buch zu lesen. Und dabei gleichzeitig möglichst viele harmonische Urlaubserinnerungen mit den Kindern zu sammeln – die unter Urlaubserholung in aller Regel allerdings weder halbe Tage in der Hängematte verstehen noch stundenlange Café-Besuche noch Stadtbummel.
„Trotzdem sehnen sich Eltern danach, Augenblicke zu erleben, von denen man später im stressigen Alltag zehren kann, und einen Speicher zu füllen, der später mal alle an die glückliche Zeit als Familie erinnert“, sagt Judith Luig. Erst recht, seit Urlaube gerade für Familien auch immer teurer werden und für viele nicht mehr jedes Jahr möglich sind.
Aber: Nur weil eine Familie viele Hunderte Kilometer irgendwo hin fährt oder gar auf die Malediven fliegt, bleiben nicht automatisch alle Probleme und Konflikte zu Hause. „Urlaub löst keine Konflikte. Er macht sichtbar, wie wir als Familie wirklich miteinander umgehen“, sagt Christopher End, der als Systemischer Coach arbeitet und in Köln eine Praxis für Therapie, Coaching und Achtsamkeit hat. Sprich: Gibt es schon daheim viel Streit unter Geschwistern, mit den Kindern oder unter den Eltern, wird das im Urlaub eher zunehmen als weniger werden. Christopher End findet das nicht grundsätzlich schlecht. „Im Urlaub zeigt sich, was im Alltag keinen Platz hatte – und das kann der Anfang von Veränderungen sein.“
Urlaubstipp: Es müssen nicht immer alle alles zusammen machen
Erst recht dann, wenn man sich gar nicht erst dem Druck aussetzt: Nur weil jetzt Urlaub ist, muss bei uns plötzlich völlige Harmonie herrschen. Oder: In den zwei Wochen wird jetzt all das perfekt, was sonst vielleicht nicht ganz so rund läuft.
„Der Urlaub soll alles leichter machen. Aber wenn die Belastung hoch ist, nimmt man sich ja selbst samt Belastung mit in den Urlaub“, sagt Christopher End. Und wer als Mutter oder Vater schon sehr erschöpft in den Familienurlaub fahre, sollte vielleicht darüber nachdenken, ob nicht eine Kur oder Reha besser helfen würde, wieder Energie zu tanken.
Worüber sich alle Eltern vor einer Reise klar werden sollten: Jedes Familienmitglied hat andere Bedürfnisse, gerade im Urlaub. „Deshalb ist es auch total okay, wenn nicht ständig alle immer alles zusammen machen“, sagt Christopher End. Wenn weder der Partner noch die Kinder Lust auf eine lange Bergtour oder den Museumsbesuch hätten, biete das einem Elternteil vielmehr die Chance auf eine kleine Auszeit.
Judith Luig hat solche Auszeiten für sich allein oder zusammen mit ihrem Partner besonders in den Urlauben gefunden, in denen sie mit anderen Familien zusammen unterwegs waren. „Da kann man sich auch mal gegenseitig entlasten, die Kinder haben Spielkameraden dabei“, sagt Judith Luig. Zumindest bei ihrer Familie habe das besser funktioniert als vor Ort angebotene Kinderbetreuungen.
Reisen an vertraute Orte hilft
„Von vielen Familien höre ich auch, dass sie es total erholsam finden, mit Kindern immer wieder an denselben Ort zu fahren“, so Luig. Für die Kinder fallen dann die Unsicherheiten weg, die eine fremde Umgebung mit sich bringt. Und die Eltern wissen vorab: Es ist alles da, was wir als Familie brauchen, das birgt weniger böse Überraschungen.
Auch Christopher End sieht im Urlaubsziel einen großen Hebel für mehr Erholung – wenn auch nicht in dem Sinne, dass der Ort oder das Land an sich eine Rolle spielen. „Ein entspannter Urlaub beginnt nicht am Urlaubsort, sondern im Nervensystem der Eltern“, so End.
Eltern, die ohnehin schon unter Schlafmangel litten und Kinder, die schon bei kurzen Fahrten das Quengeln anfangen, hätten vielleicht mehr davon, in der näheren Umgebung zu bleiben, als eine weite Autofahrt oder eine lange Flugreise auf sich zu nehmen.
Und eigentlich war er doch ganz schön, der Urlaub
„Dann bleibt mir am Urlaubsort vielleicht sogar gleich nach der Ankunft noch Zeit, um eine Runde in die Sauna zu gehen oder früh ins Bett zu liegen“, sagt Christopher End. Auch Kinder bräuchten im Urlaub nicht mehr Programm, sondern mehr Raum, mehr Zeit und verlässlichen Halt.
„Letztlich muss jede Familie für sich herausfinden, welche Urlaubsform für sie am besten funktioniert und auch zum Alter der Kinder passt“, sagt Judith Luig. Seit sie sich von den Erwartungen an Urlaub verabschiedet hat, die sie aus der Zeit vor den Kindern hatte, kann sie die Ferien auch besser genießen. „Denn es bieten sich immer auch schöne und entspannte Momente. Nur kann man diese eben nicht rund um die Uhr haben“, sagt Judith Luig.
Und spätestens, wenn Eltern wie Kinder wieder im Alltagstrott angekommen sind, kommen sie meist, die wehmütigen Momente, in denen sich doch alle wieder in den Urlaub zurückwünschen. Denn eigentlich war es doch eine ziemlich schöne gemeinsame Zeit.