Eine Kuh will eigentlich nur ihre Ruhe. Foto: Steve Przybilla

Ferien auf dem Bauernhof? Kennt man. Doch nicht alle können der konventionellen Tierhaltung etwas abgewinnen. Die Alternative: Gnadenhöfe wie der von Hans-Peter Zeh in Bayern.

Waltenhofen - Leica will nicht. Obwohl die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und der Geruch von frischem Gras in der Luft liegt, macht die Kuh keine Anstalten, auf die Wiese zu trotten. „Die hat sich eine Bänderzerrung zugezogen“, sagt Hans-Peter Zeh, während er Heu in Leicas Stall schaufelt. „Außerdem ist sie sowieso ein Einzelgänger.“

 

Was er über die Kuh sagt, trifft in gewissem Maße auch auf den Landwirt selbst zu. Der 51-Jährige sticht nicht nur durch seinen langen Zottelbart hervor, sondern auch durch eine konsequente Lebensweise: Auf seinem „Gnadenhof“ im Allgäu können ehemalige Nutztiere ungestört das Landleben genießen. „Die müssen gar nichts mehr machen“, sagt Zeh. Keine Milch geben, kein Fleisch liefern, keinen Nachwuchs gebären. Er weiß, dass ihn viele seiner Nachbarn deswegen für verrückt halten. „Aber das ist mir egal“, sagt er entschieden. „Ich mache nie mehr etwas anderes.“

Das war nicht immer so. Als Zeh das elf Hektar große Gelände 1995 von seinem Vater übernahm, führte er den Hof zunächst weiter. Er kannte es nicht anders. „Am Anfang war ich wirklich motiviert“, sagt der Landwirt, „aber nach und nach wurde es immer schlimmer. Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten, wenn die Tiertransporte kamen.“ 2013 machte er Schluss. Hatte er zuvor vom Verkauf der Milch und der Rinder gelebt, musste er nun eine neue Lebensgrundlage finden – und gleichzeitig für die verbliebenen Tiere aufkommen. „Eine Kuh kostet 100 Euro im Monat“, sagt Zeh.

Stallluft schnuppern

Die Lösung besteht aus Menschen wie Jochen Zierhut. Der 51-jährige Münchner verbringt mit seiner Frau und seinem Sohn eine Woche auf dem Gnadenhof. Nun ist Zeit für einen Plausch mit dem Vermieter. Prompt fragt Zierhut, wie man es schaffe, so einen langen Bart zu bekommen. „Einfach wachsen lassen“, rät Zeh. „Da hat sogar schon ein Ochse reingebissen. Tat gar nicht weh.“

Ferien auf dem Bauernhof: Das gibt’s schon lange. Viele Städter mögen es, Stallluft zu schnuppern und Landwirten bei der Arbeit zuzusehen. Allein für Bayern listet das Portal „Bauernhof und Landurlaub“ über 5000 Ferienwohnungen auf. Aber Urlaub auf dem Gnadenhof? Das ist neu. Zumal es sich streng genommen gar nicht um einen aktiven landwirtschaftlichen Betrieb handelt. Frühmorgens beim Melken helfen und danach ein Glas frische Milch trinken? Bei Hans-Peter Zeh ist das nicht möglich.

Urlauber Jochen Zierhut findet das Konzept gerade deshalb gut. „Wir müssen alle umdenken“, sagt der Familienvater. „Die konventionellen Großbetriebe sind nicht die Zukunft. Hier sieht unser Sohn, wie die Viecher eigentlich leben.“ Die vier Ferienwohnungen sind in einem Nebengebäude untergebracht. „Die gab’s schon, als mein Vater den Betrieb noch geleitet hat“, sagt Zeh. Damals seien nur vereinzelt Gäste gekommen. Im Laufe der Jahre habe man die Unterkünfte renoviert und neue Urlauber gewonnen. „Heute läuft es richtig gut“, freut sich der Bauer. „Wir könnten zehn Wohnungen vermieten, wenn wir sie hätten.“

Kühe wollen nur ihre Ruhe

23 Rinder gibt es auf dem Gnadenhof, außerdem sieben Ziegen, zehn Katzen, acht Hühner, zwei Gockel und fünf Enten. Wer möchte, kann beim Stallausmisten helfen, Futter ausgeben oder die Tiere auf die Weide begleiten. „Manche Kinder wollen gerne auf dem Traktor mitfahren“, erzählt Zeh, der seit sieben Jahren vegetarisch lebt und nur noch Hafermilch trinkt. Seit er mit der Nutztierhaltung aufgehört hat, hätten sich seine Kühe verändert. „Die sind ganz anders als früher“, sagt Zeh. „Sie wirken zufrieden und gelassen. Eigentlich will eine Kuh nur ihre Ruhe.“

Doch das Idyll muss auch bezahlt werden; von Urlaubern allein kann der Gnadenhof nicht leben. Hans-Peter Zeh ist deshalb auf Spenden angewiesen. Tierschützer, die mit seiner Philosophie sympathisieren, haben ihm Möbel für die Ferienwohnungen vorbeigebracht. Vegane Gruppen teilen seine selbst gedrehten Videos, um ihn bekannter zu machen. Andere geben Geld, damit er Futter zukaufen kann.

Keine Angst haben, nicht zu nah rangehen, immer auf die Hörner achten

Trotzdem dachte er schon mehrfach ans Aufgeben. Im Mai 2019 veröffentlichte er einen Facebook-Post („Ich kann nicht mehr!“), in dem er eine neue Heimat für einen Großteil seiner Kühe suchte. Der Appell zeigte Wirkung. Nicht nur die Medien wurden aufmerksam, auch zahlreiche Helfer meldeten sich. Die Ferienwohnungen sind seither ausgebucht. „Ich war total überfordert, wer alles helfen wollte“, sagt Zeh.

Gerade stapft eine junge Familie über die Kuhwiese. Zehs Freundin Alexandra Petereit erklärt ihnen die wichtigsten Regeln: keine Angst haben, nicht zu nah rangehen, immer auf die Hörner achten. „Das sind sehr liebe Tiere“, sagt die 51-Jährige, „aber sie schlagen manchmal um sich, um Fliegen zu vertreiben.“ Clara (12) lässt sich davon nicht entmutigen. Sie geht auf die Kuh Liane zu und streicht ihr übers Fell. „Kämpfen die auch mal untereinander?“, will sie wissen. „Nur ein paar Kabbeleien“, antwortet Petereit, „so wie bei dir und deinem Bruder.“

Info: Anreise

Mit dem Zug über Ulm nach Immenstadt im Allgäu, anschließend mit dem Bus bis Waltenhofen.

Unterkunft

Je nach Größe kostet eine Ferienwohnung auf dem Wohlfühlhof Zeh in Waltenhofen zwischen 55 und 120 Euro am Tag. Brave Hunde sind willkommen.

Weitere Angebote

Urlaub auf Gnadenhöfen ist noch kein Massenphänomen. Es gibt aber Landwirte, die verwandte Konzepte anbieten, zum Beispiel der Rinderwahnsinn-Hof in Österreich oder der Hof Regaboga in der Schweiz.