Ein Femizid an einer Kollegin erschüttert die Mitarbeitenden des Klinikums Stuttgart. Das hat eine Strategie, wie es in Notsituationen auf die psychische Belastung reagiert.
Es ist ein Schock gewesen, nicht nur für die unmittelbaren Kolleginnen und Kollegen: Das Klinikum Stuttgart hat in der vergangenen Woche eine Mitarbeiterin durch eine Gewalttat verloren. Die 31-jährige Pflegehelferin Maha D. wurde Opfer eines Femizids. Dringend tatverdächtig ist ihr Partner. Sie wurde in ihrer Wohnung in einem Wohnheim an der Türlenstraße, das der Stadt Stuttgart gehört, getötet.
Schlimm genug, wenn man eine Kollegin auf so grauenhafte Weise verliert. Aber es geschah auch noch – weil es ein Wohnheim für das Klinikum ist – im Umfeld der Arbeit. Das Klinikum Stuttgart hat daher mit seinem Kriseninterventionsteam reagiert.
Das Team ist für alle Mitarbeitenden des Klinikums da, die „starken psychischen Belastungen oder psychischen Notfällen ausgesetzt sind“, steht dazu auf der Internetseite des Klinikums. Sie können die Dienste des Multiprofessionellen Kriseninterventionsteams kostenlos in Anspruch nehmen.
Das Konzept sieht vor, dass die Mitarbeitenden sich bei gewalttätigen Übergriffen, Unfällen, Todesfällen und Suiziden sowie bei dramatischen und belastenden Umständen während einer Behandlung melden können und dann Hilfe bekommen. Die Wege zum Einsatz und zur Behandlung sind mit eingeschlossen. Es werden dann Gespräche in vertraulichem Rahmen geführt, die Ansprechpersonen stehen unter einer Schweigepflicht.
Das Team leitet der Psychologische Psychotherapeut und Notfallpsychologe Claus Dieter Kieser am Institut für Klinische Psychologie, Neuropsychologie und Psychotherapie. Wenn es notwendig ist, werden weitere Maßnahmen der Betreuung und Behandlung eingeleitet. Zum Team gehören Psychologen und Ärzten sowie geschulte Kolleginnen und Kollegen unterschiedlicher Berufsgruppen, die über eine entsprechende Qualifikation zur Psychosozialen Notfallversorgung verfügen.
Nach dem Bekanntwerden des Femizids hat das Klinikum in einer Intranetmeldung über den Tod der Pflegehelferin informiert. In dem Schreiben, dass an die mehrere Tausend Mitarbeitende zählende Belegschaft ging, wurde der gewaltsame Tod der Frau nicht thematisiert. Das habe man in einem persönlichen Gespräch mit den direkten Kolleginnen und Kollegen der Abteilung getan, erläutert Jan Steffen Jürgensen, der Medizinische Vorstand und Vorstandsvorsitzende des Klinikums Stuttgart. Bei dem Gespräch war ein Psychologe dabei.
Sowohl bei dem Gespräch als auch in der Intranet-Mitteilung wurde auf das Kriseninterventionsteam hingewiesen. Das Klinikum ermutige die Kolleginnen und Kollegen, „sich gegenseitig zu unterstützen und der Trauer Raum zu geben“, sagt Jürgensen. Dieser Tage ist auch eine Trauerfeier für die getötete Maha D. geplant. Von den Kolleginnen und Kollegen in ihrem direkten Umfeld habe er erfahren, die junge Frau sei „beliebt, offen und fröhlich“ gewesen. Da sie aus Tunesien stammt, wurden auch muslimische Seelsorger eingebunden, die unter anderem den Kontakt zu ihrer Familie herstellen sollen.
Das Wohnheim steht bald leer
Für die Bewohnerinnen und Bewohner des Wohnheims war die Tat aus noch einem weiteren Grund belastend: Schon einmal ist dort eine Frau von einem Ex-Partner ermordet worden. Im Jahr 2023 tötete ein Mann dort seine Ex-Partnerin. Das Wohnheim ist nicht mehr lange in Betrieb: Bis Ende Februar sollen die letzten Wohnungen leer sein. Einer Bewohnerin, die sich nach dem Femizid in der vergangenen Woche dort nicht mehr sicher fühlte, wurde ein vorzeitiger Umzug ermöglicht.
Im aktuellen Fall hat die Polizei die Ermittlungsgruppe „Ring“ eingesetzt, benannt nach dem ringförmigen Treppenhaus des Wohnheims. Der Partner der Frau geriet sofort unter Verdacht, als die Tote am vergangenen Dienstag entdeckt wurde. Warum, das verrät die Polizei nicht. Der Mann kam in Untersuchungshaft.