Eine Pflegerin wird am Dienstag tot in ihrer Wohnung an der Türlenstraße gefunden. Sie arbeitete am Klinikum Stuttgart. Wie geht man dort mit der schlimmen Nachricht um?
„Beliebt, offen und fröhlich“, so war Maha D. laut ihren Kolleginnen und Kollegen. Das hat Jan Steffen Jürgens, der Medizinische Vorstand und Vorstandsvorsitzende des Klinikums Stuttgart über die Mitarbeiterin erfahren. Am Dienstag wurde die Pflegehelferin tot in ihrer Wohnung im Wohnheim des Klinikums an der Türlenstraße gefunden. Die Polizei hat einen dringenden Verdacht: Ihr Partner hat sie vermutlich getötet. Was den Fall bei aller Tragik noch schlimmer macht: Schon zum zweiten Mal ist in dem in die Jahre gekommenen Gebäude ein Femizid geschehen. Zuletzt war dort 2023 eine 32-jährige Pflegeschülerin umgebracht worden.
Die Mitarbeiter des Klinikums haben im Intranet vom Tod der Kollegin erfahren. „Das beschäftigt uns natürlich alle“, sagt Jürgens. Die Betroffenheit sei hoch. Man plane in der kommenden Woche eine Trauerfeier für Maha D., die nur 31 Jahre alt wurde. Außerdem sei das Kriseninterventionsteam eingeschaltet. Muslimische Seelsorger seien involviert, um den Kontakt zur Familie der Toten herzustellen. Sie kam aus Tunesien, die Familie lebt nicht in Deutschland. Im Klinikum arbeitete sie in der Sport-Orthopädie in Bad Cannstatt.
Verdächtiger in Untersuchungshaft
Die Polizei fand Maha D. am Dienstag tot in ihrer Wohnung. Gegen 10.30 Uhr hatten Mitarbeiter des Klinikums die Polizei gerufen und die 31-Jährige als vermisst gemeldet. Die Einsatzkräfte gingen in die Wohnung und machten die traurige Entdeckung. Schnell sei der Partner der Frau in den Verdacht geraten, sagt eine Sprecherin der Polizei. Er wurde festgenommen und sitzt in Untersuchungshaft. Wie das Verhältnis des Paares aktuell war, dazu ist nichts bekannt. Nur so viel: Sie sollen nach islamischem Recht verheiratet gewesen sein, nicht nach hiesigem. Der Mann habe palästinensische Wurzeln, seine Staatsangehörigkeit sei nicht geklärt.
Wie geht man als Arbeitgeber mit so einer schrecklichen Nachricht vom Tod einer Kollegin um, zumal sie auch noch in einem Wohnheim der Klinik getötet wurde: „Wir versuchen, offen zu kommunizieren, was bisher bekannt ist. Die Nachricht vom Tod wurde gestern mit einer Intranetmeldung geteilt“, sagt Jürgensen.
Kolleginnen und Kollegen können der Trauer Raum geben
Die Station, auf der Maha D. arbeitete, wurde persönlich informiert in einem Gespräch, bei dem Psychologen des Kriseninterventionsteams dabei waren. In einem weiteren persönlichen Besuch wurde dann auch informiert, dass der Tod offenbar ein Femizid und gewaltsam war.
Der Teamprozess und die Verarbeitung wurde und wird psychologisch begleitet und alle werden ermutigt, sich gegenseitig zu unterstützen und der Trauer Raum zu geben“, sagt Jürgensen. Dazu gehöre auch die kritische Reflexion, die gefördert werde – und damit die Frage, ob es Warnzeichen oder Hinweise im Vorfeld gab, an denen man eine Gefahr hätte erkennen können. „Bisher scheint das nicht der Fall zu sein“, schildert der Vorstandsvorsitzende. Alle hätten Maha D. fröhlich erlebt.
Am Tatort herrscht eisige Ruhe. Das Wohnheim des Klinikums ragt düster hinter den winterkahlen Bäumen auf. Es ist in die Jahre gekommen. Gelbe Klinker, hohl wirkende Fenster. Niemand geht ein oder aus. Gespenstische Ruhe.
Die Ruhe trügt nicht: Das Haus ist so gut wie leer. „Es sind aktuell nur noch ganz wenige Einheiten belegt. Das Gebäude ist Eigentum der Stadt Stuttgart und soll bis Ende Februar „freigezogen“ sein. „Das war aber ohnehin geplant“, habe also weder etwas mit dem aktuellen Fall noch mit dem Femizid im Sommer 2023 zu tun. Die Mieterinnen und Mieter würden nach und nach in anderen Wohnungen untergebracht. Man habe sich um alle gekümmert, die jetzt noch in dem Haus leben. Darunter sei eine Frau gewesen, für die nach dem Tötungsdelikt die Belastung und Angst unter dem Eindruck des Geschehenen zu groß waren: „Für diese Bewohnerin haben wir den Umzug vorgezogen“, sagt Jan Steffen Jürgensen.
Ermittlungsgruppe „Ring“ klärt Hintergründe des Femizids
Die Polizei betont, dass die zwei Fälle bei allen Parallelen „keinerlei Zusammenhang“ haben. Die Ermittlungen zu den genauen Hintergründen hat die Ermittlungsgruppe „Ring“ übernommen – so benannt nach dem ringförmigen Treppenhaus in dem Wohnheim.