Schon bei der ersten Durchsicht haben der Stuttgarter Joseph Michl, Fellbachs früherer OB Friedrich-Wilhelm Kiel und der Kornwestheimer Horst Allgaier (von links) grobe Fehler entdeckt. Fellbach übrigens scheint auf den Plänen Foto: Sascha Schmierer/ Grafik: BVM

Die Projektgegner lassen kein gutes Haar am neu aufgelegten Entwurf des umstrittenen Verkehrsprojekts. Mitglieder der Arge Nord-Ost werfen den Planungsbehörden schwerwiegende Fehler vor.

Fellbach - Die wiederbelebten Planungen für einen Nord-Ost-Ring haben bei den Gegnern des umstrittenenVerkehrsprojekts massive Kritik ausgelöst. Denn schon bei einem ersten Blick in die vom Berliner Bundesverkehrsministerium veröffentlichten Unterlagen zeigt sich, dass die aus der Schublade geholten Ideen für eine neue Neckarbrücke und eine vierspurige Trasse übers Schmidener Feld mit offenbar allzu heißer Nadel gestrickt sind.

Mitglieder der Arge Nord-Ost werfen den Behörden schwerwiegende Fehler vor

Mitglieder der Arge Nord-Ost warfen den Planungsbehörden bei einem Pressegespräch am Dienstag schwerwiegende Fehler vor. „Wir hatten ein sorgfältig durchgeplantes und gründlich bearbeitetes Papier erwartet“, fasste Joseph Michl, der Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins, die Kritik an den Unterlagen zusammen. Statt auf einer soliden Datenbasis zu fußen, strotze der Entwurf vor handwerklichen Patzern, teilweise stimme noch nicht mal die Rechtschreibung in der aus Sicht der Projektgegner offenbar in aller Eile zusammengeschusterten neuen Fassung.

Bei der Beurteilung der Unterlagen war von „Oberflächlichkeit“ die Rede, neben Begriffen von „schlampig“ bis „schludrig“ wählten die Arge-Aktivisten beißenden Spott, um ihrem Unmut über die mangelhafte Ausarbeitung auch Luft zu verschaffen. „Die haben im Matheunterricht nicht richtig aufgepasst“, fand Fellbachs früherer Rathauschef Friedrich-Wilhelm Kiel eine wenig schmeichelhafte Formulierung .

Konkret entzündet sich die Kritik an fehlerhaften Verkehrszahlen

Konkret entzündet sich die Kritik an fehlerhaften oder zumindest nicht nachvollziehbaren Verkehrszahlen und einem für die Projektgegner eher aus der Luft gegriffen wirkenden Kosten-Nutzen-Verhältnis. Rätselhaft scheint schon die Frage, wie viele Autos und Lastwagen täglich über die etwa 11,5 Kilometer lange Trasse rollen sollen. Bei der ersten Version über den Bau der Andriof-Brücke zur Neckarquerung war im Jahr 2000 von 70 000 Fahrzeugen die Rede, die Verkehrsprognosen haben sich seither massiv erhöht. Dennoch wird in der neuen Fassung mit gerade mal 45 000 Fahrzeugen gerechnet. Noch weitaus krasser sind die Differenzen zwischen einst ermittelten und jetzt in den Planunterlagen stehenden Zahlen bei der B 10 (31 000 statt 92 000) oder dem Stuttgarter Rosensteintunnel (7000 statt 67 000).

Der daraus ableitbare Verdacht: Möglicherweise wurde die Datenbasis bewusst geschönt, um beispielsweise mit den Grenzwerten für den Lärmschutz nicht in Konflikt zu geraten. Auch die erwartbaren Auswirkungen auf die Natur fallen mit niedrigeren Verkehrszahlen geringer aus. Problematisch ist außerdem , dass die laut Joseph Michl „komischen Werte“ bei der Verkehrsprognose als Grundlage für die Berechnung der Wirtschaftlichkeit dienen. „Wenn die Verkehrszahlen nicht stimmen, stimmt der Rest auch nicht“, formuliert Michl. Tatsächlich gibt es beim Kosten-Nutzen-Faktor der Trasse beträchtliche Schwankungen: 2003 war von 9,8 die Rede, die Region Stuttgart kam 2015 auf 6,3, im neuen Entwurf sind 10,3 notiert.

Grundlage der Berechnung sind Baukosten von 172 Millionen Euro

„Ein und dieselbe Straßenplanung wird in drei Untersuchungen völlig unterschiedlich bewertet“, beklagt die Arge Nord-Ost. Pikant ist auch ein weiteres Detail: Grundlage der Berechnung sind Baukosten von 172 Millionen Euro – obwohl die Trasse längst mit 260 Millionen Euro veranschlagt ist. Fehler sehen die Projektgegner außerdem bei der Aussage, dass kein Einwohner zusätzlichen Lärm ertragen müsse und städtebauliche Belange nicht betroffen seien: Im Fellbacher Stadtteil Oeffingen, erhöht sich die Schallbelastung teilweise um mehr als neun Dezibel – auch wenn sie unter den Grenzwerten bleiben würde.

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