Beim inoffiziellen Auftakt des Fellbacher Herbsts waren die küchentechnischen Engpässe beim Catering das Gesprächsthema Nummer 1. Weil selbst die Käsewürfel ausgingen, griffen manche Gäste gar zur Selbsthilfe.
Der in den Gläsern schimmernde Rebensaft hätte in der Schwabenlandhalle im Mittelpunkt stehen sollen. Doch statt der Kunst des Kellermeisters bestimmte bei der Großen Weinprobe die eher karge Kulinarik die Tischgespräche. Für die annähernd 800 Gäste des von den Fellbacher Weingärtnern organisierten Events, seit Jahrzehnten der inoffizielle Auftakt zum Traditionsfest Fellbacher Herbst, war am Donnerstagabend nämlich schlicht nicht genug Essen da.
Der Wurstsalat und die Kalbfleischküchle jedenfalls waren schon ausverkauft, bevor Moderatorin Petra Klein zum ersten Mal zum Mikrofon gegriffen hatte. Und als die lokale Landjugend mit Spätlese-Riesling und seinem von den Jungwinzern gekelterten „Next-Generation“-Gegenstück die beiden ersten Weine ins Glas schenkte, war auch die Käseauswahl vergriffen. „Danke, dass Sie trotzdem so nett zu mir sind“, sagte die leidgeprüfte Servicekraft, die im Hölderlinsaal offenbar auch deutlich massivere Beschwerden über die Lücken in der Speisekarte gehört haben musste.
„Danke, dass Sie trotzdem so nett zu mir sind“, sagt die Servicekraft am Tisch
Wer Glück hatte, konnte wenigstens noch einen kleinen Salat mit Mozzarella und Tomate ergattern – auch wenn der versprochene Rucola zwar auf der Speisekarte stand, aber nicht den Weg ins Weckglas fand. Geschmacklich gepasst hätte der sowohl zum Kerner als auch zum Chardonnay aus der zweiten Runde des zehn Tropfen der Fellbacher Genossenschaft umfassenden Probeabends. Spätestens bei Schwarzriesling und Spätburgunder kam am Tisch des Gewerbevereins die Frage auf, ob man sich eine Familienpizza in die gute Stube der Stadt liefern lassen soll. Bei den honorigen Herren der sogenannten Kanzlerrunde hatte man da schon zur Selbsthilfe gegriffen – einer der Weinzähne hatte sich kurzerhand aufs Rad geschwungen, um seine Tischnachbarn wenigstens mit Käsewürfeln aus einem nahe gelegenen Supermarkt zu versorgen.
Dass sich das Team des fürs Catering in der Schwabenlandhalle verantwortlichen Gastro-Unternehmers Jörg Rauschenberger beim kulinarischen Mengengerüst derart verkalkulieren konnte, war auch Fellbachs Weingärtnern ein Rätsel. „Mir ist schleierhaft, wie man so weit daneben liegen kann“, gab Vorstandschef Thomas Seibold auf Nachfrage am Freitag zu Protokoll. Schließlich liegen aus den vergangenen Jahren durchaus Erfahrungswerte vor, was bei der Großen Weinprobe über den Tresen geht.
Selbstversorgung aus dem nahen Supermarkt wegen der kulinarischen Lücke
Die Laune verderben lassen wollte sich Fellbachs Oberwengerter ob der küchentechnischen Lieferengpässe allerdings nicht. Denn erstens war das Konzept aufgegangen, auf der Bühne neben Kellermeister Tobias Single sowohl junge als auch gestandene Wengerter aus der Genossenschaft zu Wort kommen zu lassen. Zweitens kam auch das Rahmenprogramm mit den Breakdancern des SV Fellbach und Musik von Alexander Wernick und Sängerin Jasmin beim Publikum gut an. Und drittens hatte Moderatorin Petra Klein, Wahl-Fellbacherin und bekanntlich zur Remstälerin des Jahres gekürt, auch noch zu vorgerückter Stunde den Lautstärkepegel im Saal beneidenswert im Griff.
Deshalb lobte Seibold lieber sein Helferteam, das den Hölderlinsaal bereits kurz vor Mitternacht wieder besenrein leer geräumt hatte – ähnlich wie die Rebhänge am Kappelberg. Obwohl der Fellbacher Herbst dieses Jahr ungewöhnlich früh stattfindet, ist die in nur 20 Lesetagen eingefahrene Ernte bereits komplett im Keller. Zum Vergleich: In den beiden vergangenen Jahren hatte es gut eine Arbeitswoche länger gedauert, die Trauben vom Stock zu holen. Schmerzlich ist auch für die Fellbacher Weingärtner aber, dass der Jahrgang die Hoffnungen auf eine mengenmäßig starke Ernte nicht erfüllt.