Seit Freitag muss sich ein Mann vor dem Stuttgarter Landgericht verantworten, dem 60 Fälle sexuellen Missbrauchs an seiner minderjährigen Stieftochter vorgeworfen wird. Foto: Weingand / STZN

60 Einzeltaten umfasst die Anklage vor dem Landgericht. Zu Beginn der Übergriffe war das Opfer kaum neun Jahre alt.

Fellbach - Es dauert eine ganze Weile, bis die Staatsanwältin die Anklageschrift verlesen hat. Vor der 4. Strafkammer des Landgerichts Stuttgart muss sich seit Freitag ein 44-jähriger Mann verantworten, der seine Stieftochter von Herbst 2008 an vier Jahre lang sexuell missbraucht haben soll. Die einzelnen Vorfälle werden mit dem jeweils genauen Datum genannt, an dem es zu den Übergriffen gekommen sein soll. Das Mädchen, das zu Beginn der Missbrauchstaten sieben Jahre alt war, hatte sie in ihrem Tagebuch vermerkt.

Ausschluss der Öffentlichkeit

Am Freitag wurde die Öffentlichkeit auf Antrag des Verteidigers ausgeschlossen, als es um die Befragung des Angeklagten zur Tat ging. Ob er die Vorwürfe einräumt oder nicht, ist deshalb nicht bekannt. Auch der Video-Mitschnitt der richterlichen Befragung der mittlerweile 20-Jährigen wurde nichtöffentlich vom Gericht betrachtet, da die darin gestellten Fragen zu sehr in die Privatsphäre der Betroffenen gehen, als dass sie in der Öffentlichkeit erörtert werden können. Am zweiten Prozesstag, wenn die junge Frau als Zeugin erscheint, wird mit Sicherheit wieder hinter verschlossenen Türen getagt. Ein entsprechender Antrag der Rechtsanwältin, welche sie als Nebenklägerin vertritt, ist bereits beim Gericht gestellt worden.

„Sie werden heute eine der wichtigsten Entscheidungen Ihres Lebens treffen, wenn nicht sogar die wichtigste“, sagte die Vorsitzende Richterin Cornelie Eßlinger-Graf zu dem Angeklagten: „Ob Sie heute zu den Vorwürfen stehen und zur Schonung des Opfers beitragen. Oder ob Sie es der jungen Frau zumuten, dass man sie hier durch hundert Fragen jagt. Wenn das der Fall sein wird, dann ist nicht mehr mit uns zu reden“, sagte die Richterin in aller Deutlichkeit. Und sie ließ keine Zweifel aufkommen, dass das Gericht bis auf zwei Fälle keine Zweifel an der Richtigkeit der vorgeworfenen Taten hat. Unter anderem deshalb, weil das Opfer diese über Jahre in seinem Tagebuch verzeichnet und beschrieben hat. So soll sich der Angeklagte über mehrere Jahre hinweg immer an seinem Geburtstag an seiner Stieftochter vergangen haben.

Das Ausmaß der einzelnen Taten ging von Streicheln bis hin zum Geschlechtsverkehr. Die 60 angeklagten Taten unterteilen sich deshalb in 15 Fälle des sexuellen Missbrauchs und 45 des schweren Missbrauchs von Kindern, der eine Mindeststrafe nicht unter einem Jahr vorsieht, also nach dem Gesetz als Verbrechen gilt.

Kinderhaus äußert Verdacht

In seinen Angaben zur Person berichtete der Angeklagte, dass er seine „Noch-Ehefrau“ im Jahr 2004 geheiratet habe. Diese brachte drei Kinder mit in die Ehe. „Ich kenne sie von klein auf, sie hat ab und zu auf mich und meinen Bruder aufgepasst“, sagte er. Für die drei Kinder habe er die Verantwortung übernommen, antwortete er auf die Frage der Vorsitzenden Richterin, wie denn das Verhältnis von ihm zu den dreien gewesen sei. Es habe allerdings ab und zu Schwierigkeiten gegeben. So habe sich das Jugendamt eingeschaltet, nachdem Betreuer des Fellbacher Kinderhauses Pfiffikus Vorwürfe erhoben hätten, die Kinder würden verwahrlosen. Auch Misshandlungsvorwürfe habe es gegeben. „Ich habe meiner Frau gesagt, sie solle sofort zum Arzt mit den Kindern.“ So habe dieser Verdacht widerlegt werden können, sagte der Angeklagte, der als selbstständiger IT-Dienstleiter gearbeitet hat.

Für den Prozess sind von der Strafkammer vier Verhandlungstage bis Mitte Dezember vorgesehen.