Mafia-Abgründe in der Idylle: Deutsche Polizisten bei der Operation Boreas, Stadtansicht des kalabrischen Cariati. Foto: Polizia di Stato/dpa, IMAGO/Depositphotos

Welche Rolle spielte ein 49-Jähriger im Netzwerk der ’Ndrangheta? Ein italienischer Ermittler legt dar, wie umfassend die Ermittlungen gegen die Fellbacher Mafia-Zelle waren.

Seit 25 Jahren macht er Jagd auf kalabrische Mafiosi, er kennt die Geschäftsmodelle und Personen der ’Ndrangheta entsprechend gut – am Dienstag sagte er als Zeuge in Stuttgart aus. Ein Beamter der italienischen Staatspolizei hat das Landgericht umfassend über seine Ermittlungsarbeit im Zusammenhang mit einer mutmaßlichen Fellbacher Mafiagruppe informiert. Auf der Anklagebank: Der 49 Jahre alte mutmaßliche Buchhalter der Gruppe aus Kernen sowie ein 47 Jahre alter Schutzpolizist aus Fellbach, der die Gruppe mit internen Informationen unterstützt haben soll.

 

Als Basis für die meisten Erkenntnisse dienen etliche abgehörte Telefonate zwischen mutmaßlichen Mafiosi. Aber auch die Lieferwagen, mit denen die Verdächtigen in der Region Stuttgart unterwegs waren, um zwielichtige Waren auszuliefern, waren offenbar verwanzt. Die Inhalte der Gespräche, die sie miteinander führten, waren eine Goldgrube für die Ermittler aus Deutschland und Italien: „Selbst wenn man nur die Gespräche zählt, die verschriftlicht wurden und in die Akten einflossen, ist man schon bei 500“, so der Hauptkommissar.

Die Mafia soll in der Falkenstraße in Fellbach ein Lager betrieben haben

Im Jahr 2025 schlugen die Ermittler zu. Foto: Weingand

Seine Aussage machte klar: Der angeklagte 49-Jährige aus Kernen war für die italienischen Ermittler ein vergleichsweise kleines Licht. Auf einem Organigramm, das er erstellt hat, taucht sein Name ganz weit unten auf. Allerdings, auch das erklärte der Kriminalist, teilten sich die deutschen und die italienischen Ermittler, die sich für den grenzüberschreitenden Kampf gegen die ’Ndrangheta zu einem „Joint Investigation Team“, kurz JIT, zusammengetan hatten, die Arbeitsbereiche auf.

Der 49-Jährige, der für die mutmaßliche Fellbacher Mafiagruppe eine Art Buchhalter-Tätigkeit ausgeübt haben soll, war demnach eher auf dem Schirm seiner deutschen Kollegen, die sich mit den wirtschaftlichen und allem Anschein nach betrügerischen Umtrieben der Gruppe beschäftigten. „Sein Name fiel immer, wenn es um Rechnungen oder Bestellungen ging. Sie nannten ihn auch den Buchhalter, auch wenn dies vielleicht nicht sein richtiger Beruf war“, sagte der italienische Kommissar. Ebenfalls beim Entgegennehmen und dem Verteilen der Waren soll er eine Rolle gespielt haben.

Die mutmaßliche Fellbacher ’Ndrangheta-Gruppe betrieb in der Falkenstraße, ganz in der Nähe des Bahnhofs, ein Lager für Gastrobedarf, in das legal erworbene sowie ergaunerte Waren gebracht wurden. Diese sollen dann an Restaurants, Unternehmen und Privatleute in der Region verkauft worden sein. Allein das Wissen um die Zugehörigkeit der Männer, erklärte der Spezialist, reiche oft aus, um Gastronomen zum Kauf der Ware zu bewegen. „Wenn das nicht ausreicht, gibt es andere Methoden.“ Dazu sollen unter anderem Schäden gehört haben, die bei unkooperativen Geschäftspartnern und Konkurrenten verursacht worden seien – als klare Drohung.

Zumal sich die Gruppe offenbar gezielt Gastronomen heraussuchte, deren Wurzeln in der Gegend um Cariati liegen. In dem malerischen Ort in Kalabrien steht nicht nur ein Schild, das die Entfernung nach Fellbach in Luftlinie angibt, um eine Art Städtepartnerschaft der Herzen zu symbolisieren. Dort schlägt auch das Herz der Mafiagruppe selbst: Die dortige sogenannte ’Ndrina, eine Art örtlicher Ableger, wurde offenbar von Giorgio G. geleitet, der seit der Großoperation „Boreas“ im April 2025 in Italien in Haft sitzt. Mindestens zweimal tauchte er laut dem Ermittler persönlich in Fellbach auf.

Mafia in der Region Stuttgart: „Ein Zeichen von Vertrautheit“

Während G. selbst an höhergestellte Mafiosi im kalabrischen Dorf Cirò Bericht erstattete, sollen die Gewinne der Fellbacher Gruppe an ihn geflossen sein – in bar, über seinen Statthalter Raffaele T. Dieser fungierte als de-facto-Geschäftsführer des hiesigen Gastrobedarfhandels. Zumindest, bis er im Jahr 2022 aufgrund gesundheitlicher Probleme und möglicherweise auch wegen Schulden bei G. nach Italien in eine Reha-Kur geschickt wurde. Wer ihn danach als Chef der Fellbacher Gruppe beerbte, ist den Ermittlern bislang nicht klar.

Die Fahnder sind sich sicher, dass auch der 49-jährige Angeklagte aus Kernen wusste, dass hinter dem Geschäftsmodell dieser Firma und ihrer Ableger illegale Praktiken steckten. So hörten sie ein Telefonat ab, in dem er mit einem Mitglied der Gruppe über eine Einschüchterungsaktion redete. Diese richtete sich gegen einen Weinstädter Pizzeriabetreiber, der den mutmaßlichen Mafiosi nicht wie gefordert Waren abnehmen wollte. „Das zeigt die Vertrautheit der beiden – solche Dinge würde man nicht irgendjemandem erzählen“, war der italienische Ermittler überzeugt.