Bei Röntgengeräten von niedergelassenen Ärzten hat Examion einen Marktanteil von 25 Prozent. Foto: Examion

Die Fellbacher Firma Examion ist in der Nische ein Riese. Dank seiner weltweiten Kontakte hat das Unternehmen 1000 Beatmungsgeräte für den deutschen Markt erwerben können. Die Anlagen werden derzeit ausgeliefert.

Fellbach - Unter den fast 4000 Fellbacher Gewerbebetrieben sind einige, deren Name mindestens bundesweite Strahlkraft hat und die sich einer breiten Bekanntheit erfreuen. Für die seit Februar 2013 in Fellbach ansässige Firma Examion gilt Ersteres unbedingt, die Bekanntheit beschränkt sich bisher jedoch eher auf Expertenkreise.

Bei der Teilradiologie hat Examion inzwischen einen Marktanteil von rund 25 Prozent

Dabei hat ein erheblicher Teil der Fellbacher schon einmal mit den Produkten des 1989 von Bernd Schleicher und Andreas Oppermann in Stuttgart gegründeten Spezialisten für die digitale Radiografie in der Human- und Veterinärmedizin zu tun gehabt.

„Sie besetzen eine nachgefragte Nische“, stellte Fellbachs Oberbürgermeisterin Gabriele Zull bei ihrem Firmenbesuch im Juli 2019 fest. Eine Nische, in der Examion mittlerweile eine so starke Marktstellung hat, dass vor der geplanten Übernahme anderer, direkt im Wettbewerb stehender Unternehmen die Kartellbehörden ihre Zustimmung geben müssen. Bei der Teilradiologie, also bei Röntgengeräten von niedergelassenen Ärzten, hat Examion inzwischen ebenso einen Marktanteil von rund 25 Prozent wie bei den Röntgensystemen von Tierkliniken. Dabei kam die Produktion von stationären und mobilen Röntgengeräten erst einige Jahre nach der Gründung zur Produktpalette hinzu. Der Start unter dem Namen „Arzt und Praxis GmbH“ deutet den damaligen Schwerpunkt bereits an: Eine spezielle Software sollte niedergelassenen Ärzten die Abrechnung mit ihren Patienten erleichtern. An sich eine gute Idee. „Das Problem war aber, dass 150 andere im selben Jahr auf die gleiche Idee gekommen sind“, sagt Bernd Schleicher rückblickend.

Stetiges Wachstum erforderte einen neuen Standort

Damals noch hauptberuflich im Anlagenbau bei einem anderen Unternehmen tätig, lenkte der Diplom-Kaufmann die Firma folglich in eine neue Richtung. Der Eintritt in den Markt für digitales Röntgen blieb bei einigen Größen der Branche nicht unbemerkt. „Kodak wurde auf uns aufmerksam“, sagt der 59-Jährige. Mit Mut zum Risiko hatten er und Andreas Oppermann kurz zuvor eine Abnahmeverpflichtung für 40 der teuren Geräte übernommen. Verkauft hat der vom Betriebswirt zum Vertriebsspezialisten mutierte Nördlinger schließlich mehr als 80 Anlagen: „Da war das Eis gebrochen.“

Stetiges Wachstum erforderte einen neuen Standort, den das 2013 auf den Namen Examion umfirmierte Unternehmen im Fellbacher Gewerbegebiet Eichenäcker fand. Kein halbes Jahr dauerte die Fertigstellung der in Modulbauweise errichteten Firmenzentrale in der Erich-Herion-Straße 37. Abgeschlossen war das Wachstum von Examion damit aber noch lange nicht. Bernd Schleicher hat nach wie vor ehrgeizige Ziele. Zu den weltweit 145 Mitarbeitern, von denen gut 110 in Deutschland und davon wiederum etwa 45 in Fellbach arbeiten, sollen mittelfristig 35 bis 40 weitere in Fellbach hinzukommen. Platz für sie wird die Zentrale bieten, denn bereits bei deren Planung wurde die Möglichkeit zur Aufstockung des derzeit dreigeschossigen Komplexes berücksichtigt.

Alles andere als nachteilig hat sich für Examion die Corona-Pandemie ausgewirkt

Untermauert werden muss eine solche Mitarbeiterzahl jedoch auch vom Umsatz. Ergänzend zum eigenen organischen Wachstum hat Examion zum 1. Juli den technischen Service und die Kundenbetreuung der Carestream Health Deutschland samt ihrer rund 20 Mitarbeiter übernommen. Damit hat Examion auf einen Schlag 500 zusätzliche Kunden mit 1000 installierten Anlagen erhalten.

Dies allein dürfte für das über Tochtergesellschaften in Polen, Portugal, der Schweiz und in Belgien sowie über fünf Vertriebs- und Servicecenter in ganz Deutschland verfügende Vorzeigeunternehmen nicht zur langfristigen anvisierten Umsatzmarke von 100 Millionen Euro reichen. Weitere Akquisitionen sind offenbar geplant, Details will und darf Geschäftsführer Bernd Schleicher jedoch nicht nennen.

Alles andere als nachteilig hat sich für Examion die Corona-Pandemie ausgewirkt. Das bereits zuvor digitalisierte Unternehmen konnte problemlos für zeitweise 90 Prozent der Mitarbeiter auf Homeoffice umstellen – und dabei keinen Rückgang der Arbeitsleistung feststellen.

Eine E-Learning-Plattform wurde aus dem Boden gestampft

Einen gewaltigen Schub für den Jahreserlös brachten die weltweiten und in diesem Fall nach China reichenden Kontakte der beiden Geschäftsführer: „Wir konnten 1000 Beatmungsgeräte für Deutschland organisieren.“ Was bei anderen Medizintechnikern zu einer ellenlangen Pressemitteilung geführt hätte, lässt der schwäbisch-bescheidene Firmenlenker Bernd Schleicher mal eben in der Mitte des Pressegesprächs anklingen. Dazu muss man wissen, dass die Geräte rund 30 000 Euro pro Stück kosten und sich der Jahresumsatz von geplanten 25 Millionen Euro durch das Zusatzgeschäft auf 55 bis 60 Millionen erhöhen dürfte. Die Anlagen werden derzeit ausgeliefert, zusammen mit einer gründlichen Einweisung für Krankenhausmitarbeiter. Letztere erfolgt nicht nur persönlich durch Fachleute von Examion, sondern auch digital. „Wir haben auf die Schnelle eine E-Learning-Plattform aus dem Boden gestampft“, sagt Bernd Schleicher, der einst auch als Fußballer Karriereambitionen hatte.

Eine überaus deutliche Niederlage seines TSV Nördlingen gegen die mit dem späteren Europameister und Europapokalsieger Bernd Schuster auflaufenden Augsburger Rivalen besiegelte jedoch den Entschluss, sich lieber auf das Studium zu konzentrieren. Offenbar kein schlechter Entschluss. Eine gewisse Neigung zum Sport hat sich Bernd Schleicher als Hobbyradfahrer aber ebenso bewahrt wie seine Mitarbeiter: Das firmeneigene Marathonteam will kommendes Jahr am Stuttgart-Lauf teilnehmen.

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